MK:

Who Cares – Können Roboter pflegen?

Von Gesine Schmidt
Regie: Christoph Frick

 Werkraum
 90 Minuten
 Deutsch
 25 Euro
 Werkraum
 90 Minuten
 Deutsch
 25 Euro

“Und dann muss man doch so ehrlich sein und sagen, ja gut, dann lasst uns doch Assistenzsysteme entwickeln, sodass es zumindest einfacher wird! Es löst nicht alle Probleme, aber es wird einfacher.”

Ist es möglich, menschliche Probleme technisch zu lösen? Für die Textentwicklung interviewte die Autorin Gesine Schmidt Techniker*innen, Ethiker*innen, und Pflegekräfte in Deutschland. Was verraten technische Visionen über unser Menschenbild? Wie reagiert unsere Gesellschaft auf den allseits proklamierten Pflegenotstand? Je mehr Lösungen diskutiert werden, desto offensichtlicher wird die gesellschaftliche Wunde: Der Pflegenotstand verweist auf unsere existentielle menschliche Fragilität, auf die wir keine Antwort im System finden, sondern nur in der gegenseitigen Zuwendung. Für diesen hochaktuellen Abend interpretiert Regisseur Christoph Frick mit seinem Schauspielensemble die O-Töne der Pflegeexpert*innen.

Für das Rechercheprojekt „Who Cares?“ interviewte Gesine Schmidt einen vielstimmigen Chor an Expert*innen, darunter eine Heimbewohnerin und die Heimleiterin eines Senior*innen- und Pflegeheims, Pflegekräfte, eine Pflegedienstleiterin und Vertreter*innen der Caritas. Der zweite Teil des Titels „Können Roboter pflegen?“ verweist auf Gespräche mit Ingenieur*innen der TU München sowie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, aber auch mit Projektleiter*innen und Marketingleiter*innen von Robotik-Firmen. Eine Psychologin, ein Techniksoziologe sowie eine Ethikerin teilten zudem grundsätzliche Überlegungen zur Pflegebeziehung, zu gesamtgesellschaftlichen Fragen sowie zur Schnittstelle Technologie und Pflege: Inwiefern kann Robotik einen Beitrag in der Pflege leisten? Ausgerechnet der Marketingleiter einer Robotik-Firma bringt die klaffende Wunde auf den Punkt: „Die Fallhöhe ist so groß, weil der Bedarf und der Schmerz so groß sind. Man hätte gerne eine Unterstützung, die immer da ist. Die immer funktioniert.“

Wir erkennen uns selbst in unserem Umgang mit den Hilfsbedürftigen, Gebrechlichen und Verwundbaren – und dennoch leiden die Pflegeberufe „unter der Leibnähe. Alles was leibnah ist, wird bei uns abgewertet“, wie es die interviewte Ethikerin auf den Punkt bringt.

In einer alternden Gesellschaft steigt die Anzahl Pflegebedürftiger stetig an. Medizin und Pflege müssten ebenso kontinuierlich einen immer größeren Raum in unserer Gesellschaft und bei der Bereitstellung Öffentlicher Güter spielen. Allerdings berichten die Expert*innen vor allem von einem Fachkräftemangel und mangelndem Interesse für diese gesellschaftliche Grundherausforderung. 

Dazu eine Pflegedienstleiterin: „Liebe Gesellschaft, ihr erntet das, was ihr wollt! Das bekommt ihr. Wenn ihr Fachlichkeit wollt, dann setzt euch dafür ein! Wenn ihr eine hohe Qualität wollt, dann setzt euch dafür ein! Und wenn es egal ist, wie ein alter Mensch am Lebensende versorgt wird, dann kommuniziert das bitte auch so: Es ist egal, langt auch so.“

Bei welchen Pflegeaufgaben können die Assistenzroboter Lio, Garmi, Rollin Justin, Pepper eine Unterstützung sein? Was ist das Potential technischer Systeme bei der Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen? Erneut der Marketingleiter, nun zum Potenzial der Robotik: „Wir müssen heute überlegen, wo wollen wir die denn in Zukunft einsetzen? Und wo wollen wir sie auf keinen Fall einsetzen?“ Robotische Assistenzsysteme sollen ein Werkzeug sein, um letztlich das Pflegeverhältnis selbst verbessern zu können. Neben der mechanischen Unterstützung bei körperlichen Arbeiten scheint die Möglichkeit, Zeit durch Unterhaltung zu überbrücken, besonders vielversprechend.

Regisseur Christoph Frick nutzt mit seinem Schauspielensemble die O-Töne der Expert*innen, um grundsätzliche Fragen aufzuwerfen. Womit verbringen wir unsere Zeit? Wie begegnen wir den Pflegebedürftigen? Welchen Raum geben wir symbolisch und zeitlich dem Umgang mit Anderen? Dazu die erwähnte Ethikerin: „Das ist eine gesellschaftlich perfide Entwicklung: Wir haben alle keine Zeit, uns um die Alten zu kümmern. Alles scheint wichtiger zu sein, als tatsächlich diesem alten Menschen Gesellschaft zu leisten. Wir müssen wegziehen, wir müssen Karriere machen, wir müssen in den Urlaub fahren, wir müssen die 10. Folge der Staffel von ich weiß nicht was gucken.“ 

Der Theaterabend „Who Cares?“ stellt dabei nicht nur Fragen an Politik und unser gegenwärtiges Ich, vielmehr fragt uns ein zukünftiges Ich, wie werden wir unsere Gesellschaft eingerichtet haben, wenn wir selbst alt sind?

  • Regieassistenz: Joël-Conrad Hieronymus
  • Bühnenbildassistenz: Leonard Mandl
  • Kostümbildassistenz: Mirjam Pleines
  • Inspizienz: Julia Edelmann
  • Regiehospitanz: Shannon Harris
  • Produktionsleitung Technik: Adrian Bette
  • Produktionsleitung Kunst: Victoria Fischer
  • Bühnenmeister: Josef Hofmann
  • Beleuchtung: Diana Dorn, Nikolas Boden
  • Ton: Katharina Widmaier-Zorn
  • Video: Maurizio Guolo, Jake Witlen
  • Maske: Raimund Richar-Vetter, Thomas Opatz
  • Kostüm: Friederike Diemer
  • Requisite: Anette Schultheiss, Sabine Schutzbach
  • Schreinerei: Franz Wallner, Josef Piechatzek
  • Schlosserei: Friedrich Würzhuber, Jürgen Goudenhooft, Stephan Weber
  • Tapeziererei: Tobias Herzog, Martin Schall
  • Malsaal: Evi Eschenbach, Jeanette Raue
  • Theaterplastik: Maximilian Biek
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