MK:

Deutschland, ein Panoptikum

Programmheft zu Der Sprung vom Elfenbeinturm

von Mehdi Moradpour und Melina Dressler

Credit: Emma Szabó

Erstmalige Verleihung des Gisela-Elsner-Literaturpreises

Zur ersten Preisverleihung, die am 10. Juli 2021 im Literaturhaus Nürnberg stattfand, hat Gisela Elsners Freundin, die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, einen sehr persönlichen Text verfasst.

Internationalen Gisela Elsner Gesellschaft e.V. • 10.7.21

Mit einem Sprung beendet Gisela Elsner ihr Leben. 1992 stirbt die Autorin nach einem Sturz aus dem Fenster einer Münchner Psychiatrischen Klinik.

Für die Münchner Kammerspiele konzipieren nun Regisseurin Pınar Karabulut und Autor und Dramaturg Mehdi Moradpour einen Theaterabend, der thematisch und ästhetisch das literarische Werk Gisela Elsners aufgreift und sie so noch einmal zum Leben erweckt.

Elsner stellt in ihren Romanen, Kurzgeschichten und Essays gerade die Mechanismen der Gesellschaft auf den Prüfstand, die ansonsten verborgen bleiben: Faschismus, Geschichtsverdrängung, kapitalistisches Leistungsdenken, Geschlechterverhältnisse und soziale Ungleichheit. Sie seziert, skizziert, legt offen. Schamlos, radikal, schmerzhaft realistisch.

Elsners Realismus ist dabei nicht das einfache Abbild der Wirklichkeit. Durch sensibel ausgewählte Überhöhungen und insbesondere die sprachliche Stilisierung, bei der sich unendlich erscheinende Satzkonstruktionen aneinanderreihen, durchdringt sie die Alltagsoberfläche, bis sie zu den wirklichen, den unausgesprochenen Missständen vordringt.

Dass sie dabei zwangsläufig polarisiert, wird mit einem Blick auf die Kritiken ihrer Zeit deutlich. Anfangs als Neuentdeckung gefeiert, wird die Satirikerin schnell zum Dorn im Auge der Kritiker*innen. Vor allem ihr Geschlecht wird zum Angriffspunkt. Dass die Autorin selbst stark inszeniert auftritt, mit ikonischem Make-up, Perücke und Designerkleidung, scheint zunächst paradox. Doch die Selbst-Inszenierung ist als ihre Kampfansage zu lesen. Nicht ihr Frau-Sein sollte im Mittelpunkt der Betrachtung stehen, sondern ihr literarisches Werk. Genau das ist Ausgangspunkt der Inszenierung Pınar Karabuluts. Hier finden sich die Protagonist*innen der Romane und Kurzgeschichten – und irgendwann auch Elsner selbst – vor einer riesigen Rampe. Ins Ungewisse rutschend, tief fallend und hoch kletternd: Körperlich und geistig werden sie vor Herausforderungen gestellt.

Bücher von Gisela Elsner im Verbrecher Verlag

Verbrecher Verlag

Erstes Bild. Kinder, die Bomben lieben. Deren größtes Ziel: ein eigenes KZ.

Mit Elsners Roman Fliegeralarm beginnt der Theaterabend. Was auf der Bühne zunächst comichaft-absurd und humorvoll-grotesk wirkt, entpuppt sich schnell als bitterböse Satire, die gleichzeitig schmerzhaft wahr und grausam real ist. Den Mittelpunkt bildet eine Gruppe von Kindern, die sich gegen ihre Eltern stellt. Der Grund: deren fehlende nationalsozialistische Gesinnung. Damit machen sie sich zum Feindbild der Fliegeralarm-Kinder.

In den Ruinen der zerbombten Stadt spielend, haben sie sich ihre eigene Welt aufgebaut. Nazi-konform, emotionslos, erschreckend erwachsen. Zugedröhnt mit Hustensaft feilschen sie um Gewehrkugeln und Holzbeine, ernennen sich zu KZ-Aufsehern, Generälen, sogar zum Nachfolger Hitlers. Die Entscheidung fällt schwer, ob man diese Kinder bemitleiden oder hassen soll.

Dass die Welt in Flammen steht, können die Kinder nicht begreifen. Genauso wenig begreifen sie die Ideologie, die ihnen vorgelebt wird, die sie aufsaugen und zu ihrer eigenen machen. Elsner beschreibt die Welt von Fliegeralarm verwirrend detailreich in endlos wirkenden Satzreihen. Wagt man einen Blick hinter die Fassade der sprachlichen Überspitzung, trifft man auf das pure Grauen. Die Brutalität der Beschreibung ist schwer auszuhalten, weil sie wahr ist. Und weil solche oder ähnliche Vorfälle wirklich passiert sind. Dass die Täter*innen, anders als im Roman, keine Kinder, sondern zurechnungsfähige Erwachsene waren, hinterlässt ein Gefühl der Ohnmacht.

Zweites Bild. Zeitsprung. Der Bayerische Wald in den 1980er Jahren. Eine Gruppe von drei Altnazis sowie der Sohn eines vierten gehen auf die Jagd.

Elsner deckt in ihrem Roman Heiligblut schonungslos auf, dass der Fakt, dass der Krieg seit mehreren Jahrzehnten vergangen ist, nicht zwangsläufig mit der Aufarbeitung der NS-Zeit verbunden ist. Sie zeichnet das Bild dreier Männer, deren Zeit längst vergangen ist. Trotzig halten sie an ihren persönlichen Erinnerungen und den veralteten Ideologien fest, stilisieren sich als Kriegshelden und werden dadurch ungewollt zu ihren eigenen Karikaturen. Die Jagdszene bildet den Rahmen für die Verhandlung von Fragen nach Macht und Abhängigkeiten. Dabei greift Elsner auch auf Bilder der christlichen Mythologie zurück.

Wer gibt vor, was wir zu denken haben? Wer entscheidet über richtig oder falsch?? Wer ist der Wolf? Wer der Gejagte und wer der Jagende?

Elsners Roman behält seinen satirischen Charakter, ohne die faschistische Denkausrichtung der Protagonisten zu untergraben. Und auch auf der Bühne wechseln sich ein körperbetont-humoristisches Spiel mit radikalen Aussagen ab, die die Überwindung der NS-Ideologie als gescheitert entlarven.

Ich finde, die Rollen müssen mich finden

Porträt der Schauspielerin Hannelore Elsner (im Gespräch mit Alexander Kluge) aus Anlass ihres Films Die Unberührbare. Basierend auf dem Leben seiner Mutter, der Schriftstellerin Gisela Elsner, erzählte Oskar Roehler 2000 von den letzten Monaten im Leben einer Schriftstellerin namens Hanna Flanders (mit vielen Ausschnitten aus dem Film).

Drittes Bild. Zwillinge, dichtende Dackel, verdrängte Schriftstellerinnen, DDR-Pässe, Schrauben über Schrauben und Frauen in komischen Verrenkungen. Elsner verbindet thematische Sphären, die auf den ersten Blick getrennt erscheinen. In ihren Essays, Kurzgeschichten und Interviews erhebt sie Schlagfertigkeit und Sprachakrobatik zu olympischen Disziplinen. Aus dem Blickwinkel ihrer kommunistischen Überzeugung heraus verhandelt sie scharf und treffend politische und gesellschaftliche Fragestellungen. Ihren Humor verliert sie dabei nie. Genauso wenig verlieren die olympischen Anwärter*innen auf der Bühne trotz ewigen Scheiterns ihren Sportsgeist. So wie Gisela Elsner weiterschrieb, obwohl sie in den Augen ihrer Kritiker*innen längst literarisch gescheitert war.

 

Viertes Bild. Geleitet durch den Blick der Kamera, tritt man in die Welt des Romans Berührungsverbot ein. Elsner beschreibt darin die kläglichen Versuche der Protagonist*innen, durch eine oberflächliche sexuelle Offenheit ihrem bürgerlichen Umfeld der Begrenzung zu entkommen. Dass deren Verständnis von Freiheit unabdingbar mit Fragen nach Macht und Unterwerfung gekoppelt ist, findet in deren sexuellen Praktiken ihren Ausdruck. Die Ehepaare in dem Roman verabreden sich für orgiastische Ausschweifungen, bei denen Gewalt und Grenzübertretung zunächst nur in der Luft mitschwingen, dann jedoch deutlich zutage treten. Der Blick durchs Schlüsselloch offenbart die Wahrheit hinter der Fassade der Einfamilienhäuser: Der Wunsch nach Macht der kleingehaltenen bürgerlichen Männer geht mit der Unterdrückung und Verletzung der Frauen einher.

Elsners Bilanz? Sie bleibt ernüchternd. In allen drei Romanen schreibt sie den Protagonist*innen die Fähigkeit zu wirklicher positiver Entwicklung ab. Ein Nazi bleibt ein Nazi und die bürgerliche Beschränktheit ein nicht zu verändernder charakterlicher Zug. Gleichberechtigung und eine Gesellschaft frei von den Zwängen des Kapitalismus sind bei Gisela Elsner eine utopische Vorstellung. Aber gerade darin liegt der versteckte Appell der Autorin: Wir müssen tätig werden, wenn sich die Dinge nachhaltig verändern sollen.

Melina Dressler

Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen

Ein neuer Blick auf die deutsche Wirtschaftsgeschichte, die “soziale Marktwirtschaft“ und die damit verbundenen gesellschaftlichen Mythen, ausgehend von dem Buch der Publizistin Ulrike Herrmann: „Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen“. Text-, Foto- und Videomaterial.

der Freitag

Gisela Elsner (1937 - 1992) – Radikalsatirikerin, Radikalfeministin, Radikalkommunistin | #femaleheritage

Im Rahmen der Aktion Blogparade „Frauen und Erinnerungskultur #femaleheritage“ der Monacensia im Hildebrandhaus stellt die Literaturwissenschaftlerin Dr. Christine Künzel Gisela Elsner und ihr literarisches Schaffen vor.

Blog der Muenchner Stadtbibliothek

Deutschland, fang an zu lieben, und zwar alle deine Kinder!

Gastbeitrag der Regisseurin Pınar Karabulut zur Krise der Kultur für die SZ-Serie: Bühne? Frei!

Süddeutsche Zeitung

Zur Aktualität der Werke von Gisela Elsner. Warum Gisela Elsners Werk noch heute von eindringlicher Relevanz und Brisanz ist, legt Germanist und Soziologe Michael Peter Hehl in seinem Vortrag im Rahmen eines Symposiums zum 75. Geburtstag der Autorin dar.

Internationale Gisela Elsner Gesellschaft

Aufnahmen von Gisela Elsner, sowie Collagen, Ausstellungsbilder und Fotos von Veranstaltungen der Internationalen Gisela Elsner Gesellschaft

Der deutsche Faschismus und seine Nachwirkungen in Elsners späten Romanen und Essays.

Der Alltag als Horror und Barbarei

In der Märzausgabe 2021 der Versorgerin bespricht Kulturwissenschaftler Robin Becker Gisela Elsners Roman Das Berührungsverbot. Dabei geht er nicht nur auf die dargestellte bürgerliche Sexualmoral und ihre Verbindung zum Kapitalismus ein, sondern zieht auch Linien zu anderen Werken der Autorin.

Versorgerin

Die Auferstehung der Gisela Elsner. Lesung aus den Werken der Autorin mit Christine Künzel und Jörg Sundermeier.