MK:

Klaviersoirée Aylin Aykan

John Cage - In a Landscape (1948)
Wolfgang Amadeus Mozart - Rondo a-moll KV 511 (1787)
Aylin Aykan - Kaleisoloscope (2021) - Uraufführung
für Klavier und Live-Zuspielung

 Therese-Giehse-Halle
 9 Euro
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 9 Euro

Dies wird kein Klavierabend im üblichen Sinne - eher eine Einladung, in eine Art kontemplativen Klangraum einzutauchen. Vielleicht, um gerade jenen Gedanken und Fragen nachzuhorchen, auf die es niemals klare Antworten gibt. Drei besondere Werke, von Wolfgang Amadeus Mozart, John Cage und Aylin Aykan, weben diesen Raum:

Das unerwartet melancholisch-düstere Rondo a-moll KV 511 nimmt eine Sonderstellung in Mozarts Oeuvre ein; es entstand 1787 in Wien und stellt vermutlich seine Reaktion auf den plötzlichen Tod eines „liebsten, besten Freundes“ dar, wie er in einem Brief an seinen Vater schreibt. Mozart spannt einen Bogen, der weit über seine Epoche reicht - gleichzeitig in die Vergangenheit wie in die Zukunft weisend: Bachs tief gläubigen Ernst findet man in dieser Komposition ebenso wie Schuberts in Schönheit schimmernde Abgründe. Barocke Polyphonie in kammermusikalisch verwobener Stimmführung und romantisch anmutende jähe Licht- und Stimmungswechsel fügen sich zu einem zutiefst persönlichen, wie auf dem Hochseil balancierenden Klavierstück, fernab jeglicher Galanterie und Heiterkeit, die man oft so leichtfertig mit diesem Komponisten assoziiert. Allein Mozarts ungeheuer dramatische, quasi moderne Setzung der Pause als abrupte Leerstelle lässt den Eindruck von zu Musik gewordener Fassungslosigkeit.entstehen.

In a Landscape ist der Titel eines sehr erstaunlichen Klavierstücks von John Cage aus dem Jahre 1948; eigentlich wirkt es mehr wie ein zu Tönen geronnenes Bild. Still und groß, passiv und kraftvoll zugleich, entzieht es sich in seiner Abkehr von konventionellen Formen und seiner radikalen Offenheit jeder gewohnten musikalischen Analyse. Seine rätselhafte Schönheit ist eher philosophisch zu begreifen, oder auch frei assoziativ. Mehr Zeichnung als Komposition, oder eher: Komposition einer Zeichnung, im Sinne von Bildkomposition. Wird die Landschaft gezeichnet oder der Mensch - schauend und staunend angesichts der Größe und Macht der Natur? Ist es der Blick durch ein Fenster nach innen?

Kaleisoloscope von Aylin Aykan verdankt seine Existenz im Grunde der Zwangsbremsung durch die Corona-Pandemie, genauer gesagt einem Projektstipendium des Musikfonds. Wie der Titel schon verrät, ist die Grundidee die eines musikalischen Kaleidoskops, das aus vorproduzierten Klangbausteinen verschiedener Länge entsteht. Die Miniaturen können teilweise jede für sich stehen, ergeben zusammengesetzt aber ein größeres Ganzes. In der Konzertsituation werden diese Module als Zuspielungen in frei wählbarer Reihenfolge abgerufen und die Pianistin tritt in einen Live-Dialog mit der Aufnahme. Die Module sind also wie feste Teile, die in einer Art Plasma aus Improvisationen treiben, von dem sie getragen und manchmal auch überspült werden. Das musikalische Selbstgespräch birgt einige spannende Aspekte, vor allem die Idee eines Dialogs mit der Vergangenheit; so, als ob sich verschiedene Zeitebenen vermischen. Die Motivik schöpft aus unterschiedlichsten Quellen: anatolische Lieder tauchen hier ebenso auf wie Splitter aus Mozarts a-moll-Rondo. Das Klavier wird in diesem Stück durch ausgefeilte Inside-Spieltechniken eher als Saiten- denn als Tasteninstrument verstanden, denn: eine unergründlich reiche, alte Seele steckt im modernen Konzertflügel!

Durch das variable Konzept wird jede Aufführung anders und neu sein; so ist es eigentlich jedes Mal eine Uraufführung. Aber diese Aufführung wird tatsächlich die allererste - also eine „Erst-Uraufführung“.

Aylin Aykan

In München geboren, aus einer Istanbuler Familie stammend, studierte sie Philosophie und Musikwissenschaften an der LMU und Klavier bei John Strathern am Richard-Strauss-Konservatorium: Konzertexamen im Fach Kammermusik; internationale Meisterkurse. Langjährige Erfahrung als Klavierpädagogin.

Sie ist aktiv als Konzertpianistin und Komponistin mit Kammermusik, Solorecitals und verschiedenen poetisch-musikalischen Programmen; ihre Konzerte wurden vom Bayerischen Rundfunk und Deutschlandfunk übertragen und aufgezeichnet.

Kritiken zufolge bestimmen Intelligenz und Intuition zu gleichen Teilen ihr Spiel.

In ihren Kompositionen und Neu-Arrangements traditioneller Weisen experimentiert sie gerne mit Inside-Spieltechniken: Sie begreift den Konzertflügel nicht nur als Tasten- sondern vor allem als Saiteninstrument, wie zB. im Trio mit der Sängerin Nihan Devecioglu und dem Multiinstrumentalisten Ardhi Engl (Schloss Elmau, Gasteig und Goethe-Forum München, Komische Oper Berlin). So hat sie sich mit ungewöhnlichen interkulturellen Projekten einen Namen gemacht - auch als Kuratorin für Veranstaltungen und Festivals, u.a. für die deutsch-türkische Initiative CultureFlow. In ihren aktuellen Projekten befasst sie sich mit den Schnittstellen zwischen Komposition und bildender Kunst.

2020 erhielt sie vom Musikfonds Berlin ein Förderstipendium und 2021 ein Arbeitsstipendium der Landeshauptstadt München für zwei neue, längerfristig angelegte Kompositionsprojekte.