MK:

COLD LOVE (seelenstahlbaden)

Eine nō-Phantasie von Anatol Boyd
Regie: Lennart Boyd Schürmann

 Werkraum
 9 Euro
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Leopold von Sacher-Masoch hat in seinem unvollendeten Novellenzyklus Das Vermächtnis Kains die Kälten und Klüfte menschlicher Freiheitsbemühungen beschrieben. Die Dioramen menschlicher Gewaltsamkeiten, diesein literarisches Projekt einer „poetischen Naturgeschichte des Menschen“ hervorbrachte, sind neben neben dem kommerziellen Kalkül erotischer Populärliteratur einer politischen Aufklärung verpflichtet, die um ihre Zumutungen weiß. Denn die von Sacher-Masoch projektierte neuheidnische Sinnlichkeit, die unter matriarchalen und kosmopolitischen Vorzeichen steht, ist mit der Auflösung jener Identitäten und moralischen Kategorien verbunden, die noch von der patriarchalen Gesellschaft geprägt sind.

So sind seine exemplarisch angelegten Schriften neben Figuren wie der bekannten, peitschenschwingenden „Venus im Pelz“ auch von solchen Subjektivitäten bevölkert, die einen asketischen Impuls verfolgen und sich den neuen, aufbrechenden Erfahrungsmöglichkeiten verweigern. Eine ebensolche Figur ist Anatol aus Die Liebe des Plato, was den hermeneutisch unbekümmerten Ludwig II. seinerzeit dazu brachte, im Autor seinen Seelenverwandten auszumachen und mit ihm unter diesem Pseudonym in Briefkontakt zu treten. Sacher-Masochs erotische Neugier war entzündet und so überredete er den peinlich um Diskretion bemühten bayerischen Herrscher zur Konkretion ihres spirituellen Verkehrs in Form eines nächtlichen Blind Dates im Hotel Bernauer in Bruck.

COLD LOVE (seelenstahlbaden) lädt unter selbigem Pseudonym zu einem kollektiven Blind Date mit den philosophischen Themen des anthropologisch versierten Erotikers Sacher-Masoch. In einer Reihe von Stück-Miniaturen wird seine Ausstellung radikaler Formen des Liebens als spekulative Konstellation von historischen Experimenten mit libidinösen Ökonomien fortgesetzt. Die Grundstruktur eines japanischen nō-Festspiels adaptierend werden die jeweiligen Ausgangsmaterialien als gleichsam theatrale wie soziale Modelle erkundet. Versucht wird, die Risiken und Nebenwirkungen moderner Freiheitsprojekte anhand unterschiedlicher Darstellungsmodi erfahrbar zu machen – als therapeutische Seelenexpedition für Liebeswillige.

Mit Materialien von Guillaume Dustan, Dorothee Günther, Alexandra Kollontai, Yukio Mishima, Leopold von Sacher-Masoch, Max Stirner, Pseudo-Zenchiku/Bertolt Brecht.

Dank: Jana Baldovino, Sophie Baranes, BLESS, Rose Breuss, Katharina Diebel, Martina de Dominicis, Brigitte Frank, Glaserei Wenzel, Gloria Hasnay, Malte Jeden, Naso, Michael Ott, Richard Stury Stiftung, Samurai Kampfkunst Kagami-ryu München, Treize

  • Mit: Cornelius Kiene, Lea Reihl, Anna K. Seidel, Nils Thalmann, Niklas Wetzel, Julius Gruner, Nathalie Schörken, Katharina Stark
  • Regie: Lennart Boyd Schürmann
  • Dramaturgie: Moritz Nebenführ
  • Kostüme: Carla Renée Loose
  • Komposition und Sound: Stanislav Iordanov
  • Künstlerische Beratung: Achinoam Alon
  • Bühne: Marleen Johow, Lennart Boyd Schürmann
  • Recherche Choreographie: Rose Breuss, Martina de Dominicis (IDA Linz)
  • Beratung: Michael Ott
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