Die Münchner Kammerspiele trauern um Peter Radtke

Foto: privat

Die Münchner Kammerspiele trauern um Peter Radtke. Am 28. November 2020 starb Peter Radtke, der in den 1980er-Jahren in mehreren Inszenierungen der Münchner Kammerspiele zu sehen war: 1985 engagierte ihn George Tabori für seine Medea-Version „M“ nach Euripides. 1986 war er in George Taboris Beckett-Inszenierung „Glückliche Tage“ und in Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ in der Regie von Franz Xaver Kroetz zu sehen.

Peter Radtke war ein großer Wegbereiter für Künstler*innen mit Behinderungen und zugleich für die ganze Gesellschaft und alle Zuschauer*innen, damit sie diese Künstler*innen erleben konnten.

Er erweiterte die Sehgewohnheiten und künstlerischen Ausdrucksformen am Theater, wo er einen bis dahin unbekannten Weg begann, und ermöglichte weiteren Künstler*innen mit Behinderungen den Zugang zu den Brettern, die die Welt bedeuten, und seitdem von Schauspieler*innen mit unterschiedlichen kognitiven und körperlichen Voraussetzungen bespielt werden können.

Sein lebenslanger Einsatz für behinderte Menschen hat Radtke zahlreiche Ehrungen eingebracht, darunter das Bundesverdienstkreuz.
Von 2003 an gehörte er dem Nationalen Ethikrat und seit 2008 dessen Nachfolgeorganisation, dem Deutschen Ethikrat, an.

Ein Nachruf von Erwin Aljukić:

Transkribierter Text des Nachrufs von Erwin Aljukić

Ständig habe ich diese eine Szene vor meinem inneren Auge:
Mittlerweile vielleicht vor fast 10 Jahren bei Johannes B. Kerner. Es waren eingeladen: Alice Schwarzer und Verona Pooth, damals Feldbusch. Zwei Frauen wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, zwei unterschiedliche Frauenbilder. Im wahrsten Sinne des Wortes, zwei vollkommen unterschiedliche Weltbilder, zu einem und demselben Thema gegenüber.
Jede von ihnen ein Vorbild für aber eine ganz andere Anhänger*innenschaft. 
Häme. Beleidigungen. Von Solidarität unter Frauen keine Spur. Ich erinnere mich, wie sehr mir Alice Schwarzer leidtat. Ich war empört, schockiert über so wenig Respekt seitens Verona Feldbusch gegenüber diesem jahrzehntelangen Kampf und Engagement. Doch beide schenkten sich nichts.

Diese Szenen fielen mir immer wieder ein, wenn, ja wenn Herr Dr. Radtke und ich uns begegneten. Und ich gebe zu, irgendwie konnten wir nicht miteinander. Der eine verstand den anderen nicht. So dachte ich mir: “Zieh dich doch mal anders an, modischer. Typisch Behinderter. Muss es denn auch immer diese nachdrückliche Art sein, mit dem Zeigefinger, anklagend, so mürrisch!”. Er – vielleicht – dachte sich: „So ein oberflächlicher Fatzke. Nichts in der Birne!”. Und ja, das ließ er mich spüren. Und es tat mir weh, jedes Mal. Das letzte Mal vor einem Jahr, als wir beide Podiumsgäste beim Sommerblut Festival in der Oper Köln waren. Thema war „Inklusion an den deutschen Bühnen”. Ja, es tat mir weh. Diese herablassende Art mir gegenüber. Wahrscheinlich war ich ihm nicht politisch, aktivistisch, intellektuell genug. Möglicherweise aber auch, und ich bitte um Vergebung, dass ich bereits zu dem Zeitpunkt millionenfach bekannt war als erster Schauspieler mit einer Körperbehinderung in einer TV-Serie, auf meine Weise und mit meinen Mitteln das Bild von Behinderung und Menschen mit Behinderung gegenüber änderte und verändert hatte hin zu einer Selbstverständlichkeit und das massentauglich.

War ich also die Verona Feldbusch, die ganz locker und leicht massenkompatibel im TV und in Medien auf und ab zu sehen war, während Alice Schwarzer, also er, noch wusste, was der wahre Kampf um Gleichberechtigung bedeutet, und sich einer wie ich jetzt nur noch ins gemachte Nest setzt? Nein! Und ja. Ja seine Art mir gegenüber tat mir weh. Doch nein, ich hatte zutiefst Respekt vor ihm. Dr. Peter Radtke…
begleitete mich geradezu Zeit meines Lebens. Bei den jährlichen Treffen der OI-Gesellschaft, deren Begründer er war, bereitete ich gerade mit den anderen Kindern mit Glasknochen ein Theaterstück vor, während meine Mutter an einem seiner Vorträge teilnahm. Ich erinnere mich, welche Zuversicht und Hoffnung seine Biographie “Ein halbes Leben aus Glas” meiner Mutter gab. In einer Lebensphase, da war ich vielleicht sieben, in der vieles noch unvorstellbar und perspektivlos erschien. Es waren ein sehr unspektakulär aufgemachtes Buch, die Seiten in Schreibmaschinenschrift, indem er von seiner Kindheit während des Zweiten Weltkriegs erzählt, wie seine Mutter ihn kilometerweit im Schlitten in die nächste Schule zog, damit er eine Schulausbildung machen kann. Ja…ja – er und seine Mutter, eine Frau die ihr Leben für dieses Kind gegeben hätte, unter widrigsten Umständen, so wie meine Mutter und ich. Eine besondere Bindung. Meine Mutter erkannte sich darin wieder, und es ließ sie hoffen, dass ich auch für mich irgendwann Perspektiven auftun würden. Als dieses kleine Büchlein rauskam, war ich noch in einer Grundschule für Körperbehinderte in einer vollkommen isolierten Welt. Und von der da draußen kannte ich bis dahin nicht viel. Sowie auch er: viele Krankenhäuser, Knochenbrüche, Gips, wegen der Glasknochen. Ja, eben: ein halbes Leben aus Glas. Die Konrektorin meiner Schule wollte verhindern, dass ich aufs Regelgymnasium wechsle, ich hätte meinen Abschluss doch auf dem zweiten Bildungsweg machen können, da hatte Herr Radtke schon längst seinen Doktortitel. Zu der Zeit gab es bereits die ersten Berichte über Dr. Radtke im Fernsehen, über seine Auftritte an den Münchner Kammerspielen. Das war 1985. So jemanden wie er auf der Bühne… puh… wenn der das kann… Das Schicksal nahm sein Lauf. Wunder über Wunder. Und wir begegneten einander Jahrzehnte später.

Ich, Serienstar. Wir gemeinsam in einer TV-Talksendung. Und da war er: Dieser Alice-Schwarzer-und-Verona-Feldbusch-Moment, der sich auch niemals wieder änderte, wann auch immer wir uns begegneten. „Hat er den Wandel der Zeit nicht mitbekommen?“, dachte ich mir, „Was hat der denn schon geleistet in seinem Leben, auf was will er sich was einbilden?“, so kam mir, seinerseits, dieses Gefühl entgegengebracht. Doch nein, es wäre niemals mit diesen beiden Damen vergleichbar gewesen. Wann auch immer ich ihn sah, fühlte ich mich eingeschüchtert, ehrfürchtig. Vor so viel Kraft und Leistung in einem Menschenleben, eine Leistung vor dem man den Tod ziehen muss. Weiß ich selber wie viel Kraft, Mut und Durchhaltevermögen es für vieles braucht, wo andere den viel stringenteren, planbareren und somit energiesparenderen Weg bis ans selbe Ziel zu nehmen haben? Nein, es machte bei Johannes B. Kerner keinen Sinn diese beiden Damen einzuladen in der Hoffnung, dass da eine gleiche Welt zwischen ihnen entsteht. Jede wurde und wird durch ihre Zeit geprägt. Jede steht für einen anderen Weg und andere Mittel der Emanzipation. Und jede hat auf ihre Art und Weise im Kampf um Chancengleichheit beachtliches erreicht. Und sich investiert. Doch anzuerkennen, dass der eigene Lebensweg niemals möglich gewesen wäre, ohne dass die oder der andere den Weg schon mal geebnet hätte, das ist das allermindeste. Und dafür, sehr geehrter Herr Dr. Peter Radtke, bedanke ich mich aus tiefstem Herzen. Dafür zolle ich Ihnen jeglichen Respekt.

Ruhen Sie in Frieden.