MK: Therese Giehse

Ur-Münchnerin und Ikone der Kammerspiele, genial genaue Beobachterin und Schauspielerin. Außerdem jüdisch, lesbisch, sozialistisch (nie Partei), erzpazifistisch, anti-muffig, multi-interessiert, konsequent, renitent.

Therese Giehse: Die Situationen verändern sich, die Menschen, ihre Beziehungen zueinander. Man darf nichts erstarren lassen.

Quelle: „Ich hab nichts zum Sagen.“ Gespräche mit Monika Sperr.

Therese Giehse steht exemplarisch für viele Künstlerinnen, die gerade die Anfangsphase der Kammerspiele geprägt haben. Es ist Zeit, sich intensiver mit ihr zu beschäftigen und die weibliche Tradition der Kammerspiele neu zu entdecken. Deshalb heißt die ehemalige Kammer 2 im neuen Haus ab der Spielzeit 2020/21 Therese-Giehse-Halle. Der Eingang der Therese-Giehse-Halle befindet sich in der Falckenbergstraße 1, gegenüber dem blauen Haus.

Leben und Wirken

1898 Therese Gift wird in München geboren, in der Herzog-Rudolf-Straße, direkt um die Ecke der MK.

1918/1920 Schauspielausbildung in München (Unterricht bei Toni Wittels-Stury). Erhält den Künstlernamen Giehse. Verdient Geld zur Ausbildung in einer amtlichen Kohlenkartenstelle.

1920/25 Erste Erfahrungen an Provinztheatern.

1925/1933 Spielt bei Regisseur und Theaterdirektor Otto Falckenberg (1873–1947) an den Münchner Kammerspielen meist ältere, eher unsympathische Frauen. Gilt als herb und zu dick. Ist in politischen Stücken, aber auch in Possen und harmlosen Faschingsspäßen zu sehen. Wird mit den sehr ernsten und sehr komischen Rollen zum Publikumsliebling. Auch Hitler schwärmt, nennt sie in brachialer Unkenntnis „deutsches Weib in verjudetem Haus.“ Lernt Bertolt Brecht kennen (Proben zur „Dreigroschenoper“). Befreundet sich intensiv mit Klaus und Erika Mann.

1933 Giehse gründet zusammen mit ihrer Lebensgefährtin Erika und mit Klaus Mann das radikale Antifa-Kabarett „Pfeffermühle“ direkt neben dem Hofbräuhaus. Spezialität: Grauen und Komik. Spielt nebenbei weiter an den Kammerspielen. Flüchtet als doppelt Gefährdete (jüdisch und links) in die Schweiz. Nimmt das Kabarett mit.

1933/1937 Spielt im Exil mit der „Pfeffermühle“ wochenlang vor ausverkauftem Haus im Zürcher „Hotel Hirschen“, geht auf Tournee durch Europa. Wenig erfolgreiches Gastspiel in den USA. Während ihrer Aufführungen fallen keine Namen von Personen, Städten und Ländern: Künstler*innen spielen Parabeln, Märchen und Gleichnisse, um auf die politischen Zustände im nationalsozialistischen Deutschland aufmerksam zu machen.

1936 Giehse heiratet einen englischen Freund, den Schriftsteller John Hampson-Simpson in Solihull, Country of Warwick, bekommt einen englischen Pass, entzieht sich dem Nazi-Zugriff.

1937 Ensemblemitglied am Zürcher Schauspielhaus.

1941 Mitten im Zweiten Weltkrieg: Giehse spielt am Zürcher Schauspielhaus die „Mutter Courage“ in der Uraufführung von Bertolt Brechts erzpazifistischem Stück. Wird als Schauspielerin bekannt und geachtet und später neben Helene Weigel zur führenden Brecht-Interpretin.

ab 1949 Giehse spielt wieder auf der Bühne der MK, aber auch in Gastspielrollen am Berliner Ensemble (1949–1952) und in Zürich (bis 1966). Bleibt gefragte Brecht-Interpretin, prägt aber auch die Uraufführungen von Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ und „Die Physiker“, fasziniert in Büchners „Woyzeck“ und im „Biberpelz“ von Gerhart Hauptmann, führt selber Regie (Kleists „Der zerbrochene Krug“, 1952).

ab 1954 Giehse kehrt nach München zurück. Spielt u.a. in „Gigi“ von Colette und „Moral“ von Ludwig Thoma. Steht der Wiederbewaffnung und dem nicht nur ästhetischen Muff der Adenauer-Ära offen feindselig gegenüber.

ab 1955 Macht (wenig begeistert) Filme. Erhält das Filmband in Silber für ihre Rolle in „Kinder, Mütter und ein General“, brilliert 1958 in „Mädchen in Uniform“ (mit Romy Schneider).

1955 John Hampson-Simpson und Thomas Mann sterben.

1956 Bertolt Brecht stirbt.

1959 Zusammenbruch auf der Bühne, mehrwöchiger Klinikaufenthalt.

1960 In der Zeit der außerparlamentarischen Opposition der 60er Jahre, des Widerstands gegen Notstandsgesetze und Vietnam-Krieg, spielt Giehse vermehrt mit einer neuen und radikal politischen Generation von Theatermacher*innen. Intensive Beziehung zu Peter Stein.

1966/1974 Gibt Brecht-Abende, mit denen sie bis 1974 auf Tournee durch die Bundesrepublik geht. Sie liest und singt Brecht-Texte mit musikalischer Begleitung.

1968 Liest öffentlich pazifistische Texte von Brecht und engagiert sich für die Abrüstung.

1969 Erika Mann stirbt.

1970 Eröffnung des Schaubühnen-Kollektiv-Theaters in Berlin mit: „Die Mutter“.

1973 Zeigt bis ins hohe Alter großes Verständnis für „die Jungen“– unterschreibt im Alter von 75 eine Resolution von Berufsschüler*innen gegen bürokratische Schikanen mit „Therese Giehse, Lehrling, 75 Jahre alt“.

1974 Giehse brilliert in Helmut Dietls Fernsehserie „Münchner Gschichten“ (als nachsichtige, anti-muffige, konsequent resistente Oma Anna Häusler).

1975 Therese Giehse stirbt in München.

Hauptquellen:
„Ich hab nichts zum Sagen.“ Gespräche mit Monika Sperr. C. Bertelsmann, München 1973.
dhm.de/lemo/biografie/biografie/therese giehse
Weitere Quellen:
br.de/themen/religion/juden-bayern-therese-giehse-100.html
wikipedia.org/wiki/Theres_Giehse
Therese Giehse – Ein Leben in Bühnenbildern. Film von Gabriele Dinsenbacher, BR, 1997
Nachdenken über Therese Giehse – Ein Gespräch mit Peter Stein.

Fotos: Hilde Zemann