Digitales Programmheft „Mein kleines Prachttier“
Wie können wir das vollkommen Unvorstellbare verstehen?
In „Mein kleines Prachttier“ unternimmt Autor Lucas Rijneveld den Versuch, die Perspektive auf erlebte Gewalt zu wechseln: Der 49-jährige Tierarzt Kurt vergeht sich an einem 14-jährigen Mädchen und schreibt ihr Jahre später aus dem Gefängnis einen langen Brief, einen ganzen Roman. „Ich will, dass du mich verstehst, damit du später dich selbst verstehen kannst.“ Er schreibt über die Beziehung zu ihr, und zwar hoch reflektiert, aber auch sehr emotional und teilweise unglaublich grausam, auch sich selbst gegenüber. Es ist eine unbequeme Lektüre, in der man als Lesende*r selbst mit der Täter-Perspektive verschmelzt. Es ist ein Text, wie wir ihn von einem Täter selbst wahrscheinlich nie lesen würden. Es ist eine Provokation und zugleich ein Versuch der Öffnung hin zu den Ursprüngen von patriarchaler Ge-walt. Es ist auch ein Text über Einsamkeit, Verlust, Erwachsenwerden. Lucas Rijneveld schreibt das Buch noch unter dem Namen Marieke Lucas Rijneveld im Jahr 2021, heute nutzt er nur noch seinen zweiten Namen und männliche Pronomen. Auch das Mädchen im Roman träumt davon, ein Junge zu sein, und befreit sich am Ende durch das eigene künstlerische Schaffen von der Scham, die der Missbrauch durch den Tierarzt ihr zugefügt hat. Während Lucas zum Shootingstar der niederländischen Literaturbranche wird, erreicht das Mädchen im Buch den Durchbruch über die Veröffentlichung eines Pop-Albums.
Wie gelingt eine solche Befreiung?
Auch die Sängerin Kate Bush suggeriert in ihrem Song „Running Up that Hill“ einen Perspektivwechsel: „And if I only could. I‘d make a deal with God. And I‘d get him to swap our places.“ Die Faszination für ihre Musik leuchtet wie ein roter Faden durch die Erzählung und ist auch für die Inszenierung von Leonie Böhm ein Ausgangspunkt.
Ist es möglich, über einen spielerischen Akt im Theater den Möglichkeitsraum zu öffnen, über sexualisierte Gewalt ins Gespräch zu kommen und uns ein Stück weit auch von den patriarchalen Strukturen zu lösen, die diese Gewalt produzieren?
Statistisch gesehen hat fast jede dritte Frau in der EU bereits körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren. Und laut einer Studie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim ist jede fünfte Frau in Deutschland im Kindes- und Jugendalter Opfer von sexualisierter Gewalt geworden. Dennoch reden wir oft nicht über diese Erfahrungen. Warum?
Ein wichtiger Faktor scheint die Scham zu sein. Gisèle Pelicot prägt mit ihrem Satz „Die Scham muss die Seite wechseln“ den Diskurs um sexualisierte Gewalt an Frauen. Indem sie den Prozess gegen ihren Mann öffentlich macht, der sie jahrelang unter Schlafmittel vergewaltigte, teilt sie zum einen die Scham mit all denen, die stillschweigend auch unter dieser Form der Gewalt leiden und litten, zum anderen zeigt sie der Öffentlichkeit, wer sich eigentlich schämen muss: Der Täter. Und die Gesellschaft, die diese Gewalt immer und immer wieder zulässt. Auch hier also ein Perspektivwechsel. Nicht das Opfer soll stigmatisiert zurückbleiben, die Verantwortung für die Tat muss auf der Täterseite übernommen werden.
Die Rollen zu tauschen, ist ein tief theatraler Akt, eines der Grundprinzipien von Theater. In der Inszenierung von Leonie Böhm übernehmen diesen Akt zwei weiblich gelesene Schauspielerinnen: Annette Paulmann und Maren Solty. Wie es in den Arbeiten von Leonie Böhm üblich ist, geben sich die Spielerinnen dem Text ganz hin, immer auf der Suche nach Resonanz und also auf der Suche nach Verständnis für diese Täterperspektive. Das ist nicht leicht, und deshalb stellt sich immer wieder die Frage, was es braucht, um den Akt spielerisch zu vollziehen, dabei neugierig, offen und genau zu bleiben. Durch den Nachvollzug wird die Schuld nicht gemindert, aber die Struktur wird sichtbar, welche es ermöglicht, dass diese Gewalt stattfindet. Auch das Spiel an sich ist ein Gegenbeispiel zu dem Erzählten: Ein zartes, aufmerksames Miteinander, das keine Reproduktion, sondern einen Gegenentwurf versucht.
Was bleibt dann am Ende?
Ein versehrter Körper ist versehrt.
Wir verstecken unsere Wunden, weil wir uns für sie schämen.
Wir sprechen nicht darüber, weil wir Angst haben, selbst Schuld daran
zu sein.
Wir verstecken auch unser eigenes Gewaltpotential. Manchmal sogar unser Begehren, weil es uns Angst macht. Aber wir müssen ins Sprechen kommen.
Der Akt des Sprechens ist ein politischer. Aber auch ein sehr persönlicher. Denn wir offenbaren uns, wir zeigen etwas, was vorher niemand an uns gesehen hat und verändern damit auch, wie wir gesehen werden. Wir häuten uns.
Und vielleicht ist das auch der Beginn eines neuen Miteinanders.
– Theresa Schlesinger
Gewalt gegen Frauen – Ignoriert, geduldet, verschwiegen?
Die Philosophin Manon Garcia im Gespräch in der Sendung Sternstunde Philosophie über ihr Buch „Mit Männern leben“, den Fall Gisèle Pelicot und was wir daraus über Geschlechterverhältnisse lernen können.
„Am siebenundvierzigsten Geburtstag von Kate Bush warst du todkrank. Du fandst das Stück, das von Emily Brontës Sturmhöhe inspiriert war, dieses Stück fandst du so wahnsinnig schön, und du fandst das Stück vor allem da so toll, wo sie zum fünften Mal singt: Heathcliff, it’s me, I’m Cathy, I’ve come home, I’m so cold, let me in through your window. Weil es so verzweifelt klinge, so ratlos, und du dir nicht vorstellen könntest, dass jemand so gern nach Hause wolle, dass jemand sich so heftig nach einem Geliebten sehnen könne, so heftig, dass ihr ganz kalt wird.“
The Most Wuthering Heights Day Ever, Melbourne 2024
And if I only could
I’d make a deal with God
And I’d get him to swap our places
Die Playlist zum Buch
Hören Sie hier die Songs aus dem Buch „Mein kleines Prachttier“: