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MK:

Digitales Programmheft „Zeit ohne Gefühle“

„Am liebsten sind uns Geschichten, in denen wir wissen, wer die Bösen sind und wer die Guten. Noch lieber sind uns Geschichten, in denen wir die Guten sind.“

(aus: „Zeit ohne Gefühle“)

Im Jahr 1934 wird auf einem Gelände etwas außerhalb des Ortes Feldafing am Starnberger See eine nationalsozialistische Eliteschule errichtet. Geplant von Ernst Röhm, Stabschef der Sturmabteilung der SA, nach dem Vorbild des bayerischen Kadettenkorps, entsteht hier ein Internat für den zukünftigen Führernachwuchs.

Nur wenige Monate nach Kriegsende 1945 werden die nun verlassenen Gebäude genutzt, um die Überlebenden aus den umliegenden Konzentrationslagern und Arbeitslagern aufzunehmen. Zeitweise leben hier bis zu 6000 Displaced Persons. Das DP Camp bleibt bis 1953 erhalten, danach übernimmt die Bundeswehr das Gelände. Seit 1957 wird es als Fernmeldeschule und Fachschule des Heeres für Elektrotechnik genutzt.

Feldafing: Ein Ort, der wie ein Brennglas deutscher Geschichte sowohl die Täter- als auch die Opferseite des Nationalsozialismus in sich gespeichert hat. Was davon bleibt erhalten?

Die Autorin und Journalistin Lena Gorelik hat ein Stück geschrieben, welches auf historischen Quellen, Dokumenten und Interviews aus verschiedenen Zeiten besteht. Eine kunstvolle Montage des Lebens also, wo sich Zeitebenen verschränken, ineinandergreifen, klaffende Lücken entstehen und immer wieder das Heute hell aufleuchtet. In ihrem Vorwort zu dem Text schreibt sie: „Das Leben unterteilt bekanntermaßen nicht in Szenen, alles findet gleichzeitig statt und hängt miteinander zusammen. In dem Stück kommen wir alle vor, deswegen ist es nicht von Bedeutung, wie viele Spieler*innen uns spielen. Jede*r kann jede*r sein, so ist das Leben. Das Stück erzählt mit möglichst großem Gefühl eine Zeit ohne Gefühle.“

„Zeit ohne Gefühle“ ist zugleich der Titel des Stücks, sowie ein Zitat von Mordechai Teichner, dessen Leben eine der Leitlinien eben dieses Stücks ist. Im Jahr 1944 wird er mit seinen Eltern und Geschwistern von Budapest nach Auschwitz deportiert. Von dort wird er mit seinem Vater gemeinsam in ein Arbeitslager, ein Außenlager des KZ Dachau, nach Mühldorf gebracht. Nach Kriegsende findet er im DP Camp in Feldafing für kurze Zeit einen Ort, der ihn aufnimmt, bevor er nach Israel emigriert.

„Zeit ohne Gefühle“, so bezeichnet Mordechai Teichner den Moment kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Er beschreibt den Zeitpunkt, der auch bekannt ist unter dem Begriff „Stunde Null“. Was aber soll das sein, diese „Stunde Null“? Wo endet (die) Geschichte? Kann es so ein Ende überhaupt geben?

Die Holocaust-Überlebende Nesse Godin, die ebenfalls im DP Camp in Feldafing war, schreibt dazu: „Vergessen Sie nicht, 1945, 1946 waren die Nazis noch da. Man konnte es in ihren Gesichtern sehen, die Männer tauschten einfach ihre Mäntel – und das war es. Ihre Einstellungen – die waren noch da.“ Wo sind sie heute?

Immer wieder verbinden sich Stränge der Historie mit Schlaglichtern von Heute. Der Text verwebt und verschränkt Sprache und Erinnerung, zeigt Kontinuitäten auf und hinterfragt unsere Erinnerung.

Die Inszenierung von Regisseurin Christine Umpfenbach basiert auf über 10 Jahren Beschäftigung. Verschiedene Recherchephasen und Begegnungen prägen ihre Arbeit. Die Begegnung mit Mordechai Teichner im Jahr 2015 steht dabei ganz am Anfang. Die ausgiebige und langjährige Arbeit an Feldafings Geschichte der beiden Historiker*innen Marita Krauss und Erich Kasberger bildet einen weiteren wichtigen Baustein des Fundaments der Arbeit.

Im Jahr 2022 stirbt Mordechai mit 92 Jahren. Sein Sohn Meir Teichner begibt sich im Frühjahr 2025 schließlich auf die Spuren seines Vaters und besucht uns in München. So verschränkt sich auch seine Perspektive mit der des Textes, mit den Zitaten aus den Interviews seines Vaters Mordechai, sowie den historischen Dokumenten zur Reichsschule in Feldafing und dem DP Camp.

Und was bleibt nun am Ende? „Der See ist immer da. Andere Dinge bleiben auch, Gedanken, Zeiten fallen zusammen, fallen übereinander; die Menschen auch.“ (aus: „Zeit ohne Gefühle“)

Theresa Schlesinger

Wir danken: Meir Teichner, Sohn von Mordechai, der die Recherche seit einem Jahr begleitete sowie Dedi Baron, die die Verbindung zu Meir herstellte und bei der Recherchewoche im Februar 2025 dabei war. Prof. Dr. Marita Krauss und Erich Kasberger (Autor*innen des Buches „Traum und Albtraum – Feldafing im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit“) nahmen uns mehrere Male in Pöcking herzlich auf, um ihr Wissen mit uns zu teilen, und lasen das Stück mit Blick auf die historische Richtigkeit Korrektur. Wir danken überdies Günter Schodlok und Franz Langstein (Kreisbildungswerk Mühldorf am Inn e.V.) und Edwin Hamberger (Stadtarchiv Mühldorf am Inn), Dr. Christoph Thonfeld (KZ-Gedenkstätte Dachau), Bundeswehr in Feldafing (Claus Piesch), Lara Fürguth für das Übersetzen, Jana Bugerova und Andrea Koschwitz.

Lesen Sie hier einen Beitrag der Regisseurin Christine Umpfenbach zur Recherche und dem Entstehungsprozess des Stücks.

Sehen Sie hier ein Video über die DP Camps in Bayern.

Zum Artikel (bpb)  

Lesen Sie hier einen Beitrag aus dem Jahr 2020 über „Die Stunde Null als Zeiterfahrung“ von Martin Sabrow, Professor für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und Direktor des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF).

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l. (Lena Gorelik): Charlotte Troll | r. (Max Czollek): Paula Winkler
Zum Video  

Max Czollek im Gespräch mit Lena Gorelik

Sehen Sie hier ein Gespräch zwischen der Autorin Lena Gorelik und dem Schriftsteller und Publizist Max Czollek, welches im Rahmen der Gesprächsreihe „Versöhnungstheater“ am HKW Berlin am 1.10.2023 stattfand.