Programmheft „The Assembly / Die Versammlung“

Ein wirklichkeitsnahes Schauspiel von Alex Ivanovici, Annabel Soutar, Brett Watson

Politik ist schon was sehr Persönliches

Vier Menschen treffen sich zum ersten Mal beim Abendessen. Politisch, beruflich und kulturell haben sie verschiedenste Hintergründe. Energisch diskutieren sie über Zugehörigkeit, Geschlechtergerechtigkeit, diskriminierende Sprache und Religion und setzen sich zudem mit umstrittenen Aussagen einer weiteren Person auseinander. Sechs Schauspielerinnen stellen diese konfliktreiche Gesprächsrunde nach. Auch das Publikum kommt hier zu Wort.

Wir sind uns einig: Politische Diskussionen sind essenziell für eine lebendige Demokratie. Das ist der Grundgedanke eines Parlaments. Demokratien entwickeln sich, wenn sich Kommunikation entwickelt.
Woran scheitert politischer Dialog? Bedeutet Toleranz auch, Intoleranz zu tolerieren? Auch extremen Meinungen eine Plattform zu geben und jedem aufmerksam zuzuhören? Geht das überhaupt? Oder ist genau das gefährlich? Und wo verlaufen die Grenzen zu Zensur? In langen und intensiven Gesprächen auf und neben der Bühne, zwischen Regisseurinnen, Autoren, Dramaturg*innen und Schauspielenden, Kanadiern und Deutschen und ausgewählten Münchner*innen entstand ein bis zuletzt unfertiges Stück. Im Probenprozess und im Spiel wurden und werden trotz Uneinigkeit Entscheidungen getroffen. Es entsteht ein Miniatur-Parlament, ein Modell, das es möglich macht, zu erkennen, wo Demokratie nicht funktioniert und wo sie aufblüht, wie das Miteinander-Sprechen zum Aneinander-Scheitern wird und dennoch nicht vergeblich bleibt.

Gleichzeitig wird deutlich, wie emotional aufreibend dieses permanente Scheitern, Missverstehen und Überhören, Übertönen und Aneinanderprallen sein kann. Wie Resignation, Zynismus und Ironie zu Mitteln des Selbstschutzes werden, Allianzen trotz gegensätzlicher Grundhaltungen entstehen, um eine Argumentation zu gewinnen und wie die Einsicht, dass niemand wirklich gewinnen kann, zu Stillstand führt.
Bis es weitergeht. Je konkreter das gemeinsame Ziel – im Stück die Aufgabe, zusammen einen Brief zu formulieren, desto mehr flüchten sich die Diskutant*innen in Details, im festen Willen, zumindest eine Sache richtig zu machen. Einigung ist immer der kleinste gemeinsame Nenner und entsprechend klein. Kann man dennoch durch Einigungen und Kompromisse genügend Veränderungen erreichen, um die Krisen dieser Zeit zu bewältigen? Und was, wenn nicht?

In der Pause reden sie über Zombies, über Menschlichkeit und Unmenschlichkeit. Sie sprechen über Geschichte und den Umgang mit Vergangenheit. In der Pause stimmen sie einander zu. Dann geht es weiter, zurück an den Tisch, zurück in die Rollen, für die sie gecastet wurden, damit eine möglichst aufgeladene Diskussion entsteht.
Das Stück bleibt eine Inszenierung und dennoch trifft es. Wie eine Fotografie wird nur ein Ausschnitt beleuchtet, ein Teilbereich der Lebenswelten der Teilnehmer*innen, ausgewählt von Außenstehenden. Doch ist es ein Ausschnitt der Wirklichkeit und er hält uns als Gesellschaft in einer bestimmten Bewegung fest, damit wir sie beobachten können. In der Beobachterposition verstehen wir die Wut, die Verzweiflung, den Verdruss und die Anstrengung. Und jeder Zuschauende versteht noch ein bisschen mehr. Deshalb bitten wir zum Schluss Sie an den Tisch. Das ist Ihre Welt, Ihre Demokratie und wir möchten hören, was Sie zu sagen haben.

Text: Thalia Schoeller
Lektorat: Mehdi Moradpour

Das Projekt ist Teil von Kanadas Kulturprogramm als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2020/2021 und wird unterstützt durch das Canada Council for the Arts und die Regierung von Kanada mit zusätzlicher Unterstützung der Regierung von Québec.


In Kooperation mit dem Festival Theater der Welt.

Fotos: Tanja Kernweiss


Weiteres Recherchematerial

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Die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahr 2018/19 über antidemokratische Ansichten. Mit umfangreicher Datenerhebung und transparenter Methodik erforscht die sogenannte „Mitte-Studie“ Demokratiemisstrauen, rechtsextremes Gedankengut und gruppenspezifischen Menschenhass in der politischen Mitte.

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen über die Kunst des Miteinander-Redens und seinen Entwurf für leisere und einander zugewandtere Diskussionen (Ein Gespräch).

Blythe Baird spricht mit dem genauen Blick einer Betroffenen über Alltagssexismus und sexuelle Gewalt an Frauen. Ein intimes Plädoyer für die Notwendigkeit von Feminismus. Videobeitrag in englischer Sprache.

Sobald weiße Menschen und ihre Privilegien in der Gesellschaft benannt werden, sagt Autorin Alice Hasters, scheint ihnen Gleichsein plötzlich wichtig und Hautfarbe egal zu sein (Text und Audio): „Warum weiße Menschen so gerne gleich sind

Theater als Versammlung
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Theater als Versammlung
und
Theatre as Assembly. Spheres of Radical Imagination and Pragmatic Utopias