Wo waren Sie am 26.9.1980?

Digitales Programmheft zu 9/26 – Das Oktoberfestattentat. Ein Rechercheprojekt von Christine Umpfenbach

von Harald Wolff

Foto: Julian Baumann

Der schwerste Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik

Wo waren Sie am 26.9.1980? Wenn Sie Münchner*in sind und vor 1970 geboren, dann wissen Sie es. Sie wissen, wo sie waren, als Sie vom Oktoberfestattentat erfahren haben. Sie wissen, wie sie den Tag verbracht haben. Und wie sollten Sie auch nicht. Sie erinnern sich, so wie Sie sich an die Mondlandung erinnern, an den Tag, an dem John Lennon starb, an den Gewinn der Weltmeisterschaft, an den Anschlag auf die Twin-Towers des World Trade Centrums in New York.

Das ist nicht erstaunlich. Erstaunlich ist, dass sich sonst niemand erinnert. Dass die, die noch nicht geboren waren, nicht wissen, was an diesem Tag passiert ist. „Ich gebe Ihnen Brief und Siegel drauf, wenn ich heute auf den Marienplatz gehe und frage:
Was war am 26.9.1980 in München – acht von 10 Leuten zucken die Schulter“, erzählt uns Hans Roauer, einer der Überlebenden des Anschlags.

Dabei ist der Anschlag auf das Oktoberfestattentat der bis heute schwerste Terroranschlag, den es in der Bundesrepublik gab. 13 Menschen wurden getötet, weitere 221 Menschen wurden verletzt (68 von ihnen schwer), als am 26.9.1980 die Bombe im Bereich des Haupteinganges in einem Mülleimer explodierte – gegen 22.20 Uhr, also genau zu der Zeit, als die Menschen nach Hause drängten.

Getötet wurden:
Gabriele Deutsch (1962)
Robert Gmeinwieser (1963)
Axel Hirsch (1957)
Markus Hölzl (1936)
Paul Lux (1928)
Ignaz Platzer (1974)
Ilona Platzer (1972)
Franz Schiele (1947)
Angela Schüttrigkeit (1941)
Errol Vere-Hodge (1955)
Ernst Vestner (1950)
Beate Werner (1969)

Und auch der Täter selbst, Gundolf Köhler, Mitglied der rechtsradikalen Wehrsportgruppe Hoffmann, starb bei dem Attentat.

Das Oktoberfestattentat ist zugleich der größte rechtsextreme Terroranschlag in der Geschichte dieses Landes. Und dennoch hat er kaum Eingang gefunden in das kollektive Bewusstsein gefunden. Anders als etwa 9/11 in den USA, ist er kein Bezugspunkt unserer Geschichtserzählung geworden. Woran liegt das?

Foto: Julian Baumann

Mechanismen des Wegschauens und Verdrängens

Der Attentäter wurde zum Einzeltäter erklärt, der aus Liebeskummer und wegen einer schlecht gelaufenen Prüfung an der Universität gehandelt habe. Mit diesem Ergebnis stellte das bayerische LKA die Ermittlungen bereits im Mai 1981 ein, dem folgte der Generalbundesanwalt im November 1982.

Der Rechtsanwalt Werner Dietrich, der viele der Überlebenden des Attentats vertritt (und auf dessen Antrag hin der Generalbundesanwalt 2014 das Ermittlungsverfahren wegen des Oktoberfestattentates wieder aufgenommen hatte), kommt nach umfassenden Einblick in die Akten der Sicherheitsbehörden zu dem Schluss, dass zwar in den Landes- und Bundesverfassungsschutzbehörden weitreichende Erkenntnisse zu den rechtsextremen Netzwerken vorgelegen hätten, in denen der Attentäter verkehrte; dass dies offenzulegen aber politisch nicht gewollt gewesen sei: Nur 35 Jahre nach dem Ende der NS-Zeit durfte es keinen rechten Terror in Deutschland geben, zu groß war die Sorge vor einem Imageschaden bei den Nato-Verbündeten, gegenüber Israel – und gegenüber der DDR.

Die Geschichten, die wir uns über uns als Gesellschaft erzählen, bestimmen aber unsere Lebenswirklichkeit und unsere Handlungen. Das Unterdrücken angemessener Erzählungen hat deshalb nicht nur auf die Überlebenden und Betroffenen eines solchen Anschlags verheerende Auswirkungen, sondern auch auf die Gesellschaft als Ganzes. Davon erzählt dieser Abend.

Robert Höckmayr, Brigitte Hossmann, Dimitrios Lagkadinos, Renate Martinez, Hans Roauer und Claudia Zimmerer haben uns ihre Geschichte erzählt: Wer sie sind und wer sie waren, wie sie das Attentat erlebt haben. Vor allem aber haben sie von den Folgen erzählt, die das Attentat für ihr Leben hatte. Und davon, wie Versorgungs- und Sicherheitsbehörden, aber auch wie wir als Gesellschaft mit ihnen als Überlebenden umgegangen sind; und wie sehr sie für ein angemessenes Erinnern kämpfen mussten.


Denn nicht nur die Überlebenden zahlen einen hohen Preis für die falschen (oder ganz fehlenden) Erzählungen vom Attentat. Ulrich Chaussy, der Journalist, der nicht aufgehört hat, die ursprünglichen Ermittlungsergebnisse in Frage zu stellen, hat die „Mechanismen des Wegschauens und Verdrängens“ in seinem Buch zum Oktoberfestattentat detailliert untersucht und deutet schon im Titel der aktuellen Neuauflage auf die gesellschaftlichen Folgen hin: „Das Oktoberfestattentat und der Doppelmord von Erlangen. Wie Rechtsterrorismus und Antisemitismus seit 1980 verdrängt werden“. Die Frage stellt sich und wird gestellt, ob eine konsequente Verfolgung rechter Strukturen nach dem Wiesn-Attentat nicht langfristig die Mordserie des NSU verhindert hätte.

Foto: Julian Baumann

Eine Kultur des Erinnerns

Deshalb ist es wichtig, dass der Generalbundesanwalt schon bei der Wiederaufnahme des Verfahrens vor sechs Jahren vom „schwersten rechtsterroristischen Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik“ gesprochen hat; deshalb ist es zentral, dass er als Ergebnis der Ermittlungen am 8. Juli 2020 festgehalten hat, dass der Attentäter „aus einer rechtsextremistischen Motivation“ heraus gehandelt habe. Deshalb ist es wichtig, dass die bayerische Landesregierung mittlerweile von politischen Fehlern und falschen Einschätzungen spricht. Deshalb ist es wichtig, dass sich der Umgang mit dem Gedenken in München seit 2015 nachhaltig wandelt, was sich unter anderem in dem neuen, aufwändig und gemeinsam mit Überlebenden entwickelten Informationsort „Dokumentation Oktoberfest-Attentat“ neben dem Denkmal am Haupteingang zum Oktoberfestgelände manifestiert. Der Besuch sei empfohlen. Und: Es lohnt sich, etwas Zeit mitzubringen.

Foto: Julian Baumann

Robert Höckmayr hat am 26.9. 2020 in seiner eindrucksvollen Rede bei der Gedenkveranstaltung zum 40. Jahrestag des Oktoberfestattentats davon gesprochen, wie wichtig die Einordung des Attentats durch den Generalbundesanwalt als rechtsextrem für ihn als Überlebenden ist. Er hat daran das bemerkenswert versöhnliche Fazit angeschlossen, dass damit nach seiner Einschätzung die Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern und Behörden im Kern erfolgreich war.
Uns als Gesellschaft hat er dabei auch adressiert. Denn es sind ja nicht nur die Überlebenden, Hinterbliebenen und Betroffenen, für die es wichtig ist, diese Geschichte zu erzählen: Eine Kultur des Erinnerns sei ein starkes Signal einer wachsamen Gesellschaft, meinte Höckmayr.

Foto: Julian Baumann

Welche Geschichten erzählen wir?

Denn entscheidend ist, was für Geschichten wir erzählen. Sie bestimmen, wie unsere Gesellschaft ist. „Nichtaufklärung, wo Aufklärung möglich gewesen wäre, ist unentschuldbar“, hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei derselben Gedenkveranstaltung ausgeführt. Und weil die Geschichte des Oktoberfestattentates nun endlich erzählt wird, hat er aus ihr eine direkte Handlungsanleitung für die Gegenwart abgeleitet: Wegschauen sei nicht mehr erlaubt, das Decken von Kolleg*innen, die sich in internen Chats rechtsextrem äußern auch nicht mehr; die Rede von Einzeltätern dürfe es nicht länger geben, Netzwerke müssten aufgedeckt werden.

Am Ende stehen immer dieselben Fragen:

  • Welche Geschichten müssen erzählt werden?
  • Wessen Geschichten erzählen wir?
  • Wer erzählt sie?
  • Und welche Form finden wir dafür?

Was ist Ihre Geschichte? Wo waren Sie am 26.9.1980? Wenn Sie uns erzählen wollen, was Sie an diesem Tag getan haben und wie sie vom Anschlag erfahren haben, schreiben Sie uns eine E-Mail. Was haben Sie an dem Tag gemacht? Wo und wie haben Sie vom Anschlag erfahren, was haben Sie gedacht? Was haben Sie gemacht, gesehen, gespürt? – Schreiben Sie es uns: 26091980@dieneuesituation.de

Foto: Julian Baumann