Programmheft „Liebe/ Eine argumentative Übung“

von Sivan Ben Yishai

„Jede Nacht schlief sie auf seiner aufgepumpten Brust ein und wachte auf mit gebrochenem Genick.“

Olivia Öl, Protagonistin dieses Theaterstückes, hat eine gute Rolle ergattert: Das GIRLFRIEND des Comic Heldes Popeye, sie ist Teil seiner Serie. Da sollte man nicht meckern und eher einiges dafür tun, dass die Romantik der Beziehung erhalten bleibt. Für das Aufrechterhalten der eigenen Illusionen ist Olivia Öl bereit, eine ganze Menge herunter zu schlucken.  „Relax, no drama, baby!“, muntert sie sich regelmäßig auf. Als emanzipierte Frau, deren Partner von sich selbst sagt, er sei Feministin, gibt es keinen Grund zur Klage. Sie will ihm etwas geben, damit er nicht müde wird von ihr. Schließlich wuchs sie auf, um eine gute Zuhörerin zu sein. Hat sie ihn eigentlich verdient? Sie ist vierzig, er erst zweiunddreißig. Sie liebte, dass dieser Mann sie liebte.

In einem Chor von Stimmen öffnet Sivan Ben Yishai den Weg in die verborgenen Ecken der häuslichen Sphäre, in den inneren Vorgarten. Wie finden wir unseren Platz als Frauen, als Männer, als Liebende? Wie blicken Frauen auf Frauen, die auf Männer blicken? Wie blicken Frauen auf sich selbst, wie möchten sie angesehen werden? Wie blicken sie auf sich?

Mit viel Humor bohrt sich Sivan Ben Yishai Schicht um Schicht tiefer in die Zonen von unfreiwillig reproduzierten Mustern und weiblichem Selbsthass. „Liebe/ Eine argumentative Übung“ ist eine performative Selbstuntersuchung! Sie beginnt mit dem ersten Orgasmus der Zwölfjährigen, der eine Warnung und vier ausgeschlagene Zähne hinterlässt, und mit zwei Fotos von glücklichen Familien: Olivia und Popeye jeweils mit Mama und Papa. Die Segel sind gesetzt noch bevor wir selber je ausdenken könnten, wohin die Reise gehen soll. FAMILIE AHOI!

Olivia Öl muss feststellen, dass sie zwar Emanzipation „performen“ kann, aber trotzdem in ihrer eigenen Wohnung das Gefühl hat, ihren Körper zu verstecken, seit Popeye dort eingezogen ist: „Wenn er hinsah fühlte sie sich wie eine Nudel mit schlechter Frisur. Als würde sie von innen altern“. Irgendwann bricht sich ihr innerer Tiger Bahn, Olivia Öl wird zur Vulva, unterwegs auf einem maßlosen Beutezug durch die Stadt. Die Hauptrollen werden umgeschrieben, Popeye verschwindet, Knochen splittern, ihr Geschlecht übernimmt die Regie. Eine wirkliche Erlösung bringt der Furor nicht, denn am Ende des Stückes erkundigt sich die weibliche Stimme bei der Gynäkologin immer noch nach einem, den Eigengeruch abtöteten Intimspray  – am besten mit Erdbeeraroma.

Heike Goetzes Inszenierung setzt auf einen Umgang mit dem Text als Körper, als Resonanzraum für die Grenzgänge einer Frau, wozu der rhythmischen Schreibstil von Sivan  Ben Yishais geradezu einlädt. Die ursprüngliche Aufteilung des Textes auf diverse Stimmen setzt die Regisseurin mit der Schauspielerin Johanna Eiworth in ein Solo um, in dem die Live-Musik von Fabian Kalker, Text, Körperperformance sowie der Bühnenraum des „inneren Vorgartens“ miteinander kommunizieren. Die Schauspielerin Johanna Eiworth experimentiert mit Zuschreibungen und Zuständen von Weiblichkeit UND Männlichkeit im eigenen Körper und erkundet, was „Frau“ alles sein kann. Sivan Ben Yishais Stücke erzählen keine Geschichten, sondern bohren jeweils Fragen nach. Warum sind unsere Geschlechteridentitäten so limitiert, warum dürfen Männer nicht ihre Weiblichkeit leben und umgekehrt, Frauen ihre Männlichkeit? Was wäre das Dritte, jenseits der binären Geschlechteridentitäten liegende? Und wie sähe dann LIEBE aus? So ähnlich oder auch noch ganz anders könnten die Fragen zu „Liebe/ Eine argumentative Übung“ lauten.

Sivan Ben Yishai

Sivan Ben-Yishai wuchs in Jerusalem auf und studierte szenisches Schreiben und Theaterregie in Tel-Aviv. Sie begann als eine Regisseurin, die manchmal schreibt, und zehn Jahre später, 3000 Km von Jerusalem entfernt, schreibt sie meistens. Seit acht Jahren lebt sie in Berlin, schreibt auf Englisch und wird von ihrer einen und fast einzigen deutschen Stimme ins Deutsche übersetzt: Maren Kames. Schreibt über Krieg im Frieden, Cappuccino und Tränengas, den weiblichen Blick und Anzug Tragende Männer, deren Zeit vorbei ist.

Die Münchner Kammerspielen beginnen eine längerfristige Zusammenarbeit mit Sivan Ben Yishai, in der Spielzeit 2021/22 ist die Uraufführung eines neuen Stücks geplant.

Heike Goetze

Heike Goetze studierte Theaterregie an der Zürcher Hochschule der Künste. Seit 2007 ist sie freischaffende Regisseurin, Kostüm- und Bühnenbildnerin u. a. in Basel, Berlin, Bochum, Freiburg, Hannover, Luzern München und Zürich. Ihre Arbeiten entstehen in kollektiven Arbeitszusammenhängen und bestehen aus bildstarken Erzählweisen, die sich durch eine tänzerische Physis, hohe Präsenz der Körper, inhaltliche Radikalität und eine Musikalität des Sprechens auszeichnen. Sie sucht Begegnungen mit autonomen und informierten Künstler*innen, um eine inhaltlich vielschichtige und sinnliche Auseinandersetzung mit einem Thema zu finden. 2008 wurde sie als beste Nachwuchsregisseurin beim Körber Studio Junge Regie am Thalia Theater Hamburg ausgezeichnet. 2010 wurde ihre Inszenierung »Stiller« vom Schauspielhaus Zürich zum Festival Radikal jung eingeladen. Zudem ist sie als Dozentin an den Kunsthochschulen in Zürich und Ludwigsburg tätig.

In der Spielzeit 20/21 inszeniert sie erstmals am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg.

Johanna Eiworth

Johanna Eiworth, in Göteborg geboren und im Odenwald aufgewachsen, studierte von 1996 bis 2000 Schauspiel am Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Von 1999 bis 2006 war sie festes Ensemblemitglied am Burgtheater Wien. 2006 wechselte sie ans Theater Freiburg und 2017 von dort ans Schauspielhaus Bochum. Sie arbeitete u. a. mit Regisseur*innen wie Andreas Kriegenburg, René Pollesch, Klaus Maria Brandauer, Nicolas Stemann, Sebastian Hartmann, Friederike Heller, Christoph Frick, Marcus Lobbes, Robert Schuster, Sandra Strunz, Heike M. Goetze, Felicitas Brucker und Johanna Wehner. Von 2018 bis 2020 war sie Ensemblemitglied in Mannheim. Seit 2020 ist sie Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele.

Fabian Kalker

Fabian Kalker ist ein deutsch-französischer Komponist und Musikproduzent. Er studierte Komposition bei David Angel und Ed Neumeister sowie Jazzgitarre bei Kurt Rosenwinkel. Er hat sein eigenes Studio in Berlin, und komponiert für Theaterproduktionen im deutschsprachigen Raum, sowie für zeitgenössische Tanzperformances in London, Zürich und Berlin. Sein Sound ist beeinflusst von elektronischer Musik. Die Clubkultur Berlins ist ein konstanter Referenzpunkt seiner künstlerischen Arbeit, weitere Inspiration zieht Fabian Kalker aus Literatur, modernen klassischen Kompositionen, aus Jazz und zeitgenössischer Kunst.

Viola Hasselberg

Viola Hasselberg, geboren 1968 in Bonn, studierte Angewandte Theaterwissenschaft, Musik und Politikwissenschaft an der Universität Hildesheim. Es folgte ein einjähriges Forschungsstipendium in Polen. Als Schauspielerin und Regisseurin bei der freien Gruppe Theater ASPIK, ab 1999 dann als Dramaturgin und Regisseurin am Luzerner Theater, am Schauspiel Hannover und zuletzt von 2006-2017 Schauspieldirektorin am Theater Freiburg. Dort betrieb sie gemeinsam mit Barbara Mundel eine starke künstlerische Vernetzung mit der Stadt auf dem Weg zu einem “Stadttheater der Zukunft”, sowie eine kontinuierliche Partnerschaft mit Künstlern in Istanbul.

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Fotos: Judith Buss

Recherchematerialien und Inspirationsquellen

“Aber das Weib ist nichts, ein hohles Gefäß und behält die männlichen wie die weiblichen Sekrete”, schrieb Otto Weininger in seinem Buch “Geschlecht und Charakter” (1903).

Gut. Angenommen. Angenommen wir sind hier, und wir sind in diesen Körper geworfen, und dieser Körper ist weiblich. Und jetzt lasst uns hinzufügen, dass dieser Körper, der weiblich ist, ein hohles Gefäß voller Sekrete ist. Lasst uns erwähnen, dass die Sekrete von einem anderen Körper produziert wurden, und lasst uns annehmen, dass dieser andere Körper zumeist männlich ist. Der weibliche Körper: der Behälter, das Gefäß, die Mülltonne, der Lagerraum. Von Exkrement, von Sperma, von Neugeborenen? Von Resten, von Ideen, von Projektionen? Von Hausarbeit, von Ruinen, von Geschichte? Also ja, lasst uns annehmen. Und lasst uns nun vorstellen, dass sich dieser Behälter von Sekreten verwandelt und ein Raum wird, ein Ort. Und der Ort, weibliches Inneres, ist voller Sekrete, überflutet von ihnen, eine Mülltonne, dumpster diving. Und lasst uns annehmen, dass wir da hinein, ins Zentrum des hohlen weiblichen Beckens, nun ein paar Stühle stellen. Dass wir ein paar Lichter hängen. Dass wir etwas Platz in der Mitte schaffen. Und nun, in dieses Chaos hinein, laden wir das Publikum ein, einzutreten, einzutreten in uns: site specific. Und lasst uns annehmen. Lasst uns nur annehmen, dass wir dieses Mal nicht aufräumen für die Gäste.

Sivan Ben Yishai
(Quelle: http://sivanbenyishai.com)


Letter from a trans man to the old sexual regime. von Paul B. Preciado

„I’m not talking, and cannot talk, as a heterosexual or a homosexual, although I’m acquainted with and occupy both positions, because when someone is trans, these categories become obsolete. I’m talking as a gender renegade, as a gender migrant, as a fugitive from sexuality, as a dissident (sometimes a clumsy one, because there is no trans user’s guide) with regard to the regime of sexual difference. As a self-appointed guinea-pig of sexual politics who is undergoing the as yet unthemed experience of living on both sides of the Wall and who, by dint of crossing it every day, is beginning to be fed up, ladies and gentlemen, with the stubborn rigidity of the codes and desires which the hetero-patriarchal regime dictates.“

https://www.textezurkunst.de/articles/letter-trans-man-old-sexual-regime-paul-b-preciado/


Virginie Despentes: KING KONG Theorie, Berlin Verlag 2007

„Noch nie hat eine Gesellschaft so viele Beweise der Unterwerfung unter ein Schönheitsdiktat gefordert, noch nie so zahlreiche Eingriffe in den Körper mit dem Ziel, ihn weiblicher erscheinen zu lassen. Natürlich hat auch noch nie eine Gesellschaft den Frauen so viel körperliche und intellektuelle Freizügigkeit zugestanden. Die überzogene Zurschaustellung von weiblichen Attributen wirkt wie eine Abbitte für den Verlust der Vorrechte der Männer, wie ein Versuch, sich selbst wieder Mut zu machen, indem man auch die Männer wieder etwas zuversichtlicher stimmt. „Lasst uns frei sein, aber bloß nicht zu sehr.“ Und schon sind die Frauen bereit, sich selbst zurückzunehmen, die neu erworbene Macht bloß nicht zur Schau zu stellen, sondern schnell wieder in die Rolle von Verführerinnen zu schlüpfen, und zwar dies umso unmißverständlicher, als ihnen klar ist, dass sie eigentlich nur so tun müssen als ob.“


Teresa Bücker zu Männlichkeitsnormen und sexualisierter Gewalt im SZ Magazin:

„Dass unsere Gesellschaft vor allem Mädchen und Frauen dazu anhält, sich gegen Übergriffe zu schützen, und ihnen immer wieder die Schuld daran gibt, wenn sie sexualisierte Gewalt erfahren – bekannt auch als Victim Blaming -, wird schon lange kritisiert. Denn in einem ähnlichen Maß wird mit Jungen und Männern nicht darüber gesprochen, wo ihr eigenes Verhalten übergriffig sein könnte oder sogar in den Bereich der Strafbarkeit fällt. Dabei müsste ein gleichwertiges Verantwortungsgefühl für Kinder und Jugendliche zwei Dinge beinhalten: Wir schützen nicht nur mögliche Betroffene vor Übergriffen, indem wir sie stark machen, sondern leiten auch die an, sich anders zu verhalten, die vielleicht einmal zu Tätern werden könnten. Wir klären Jugendliche über sexualisierte Gewalt aktuell nicht gleichberechtigt auf. Da sich gegen unerwünschtes Verhalten zu wehren jedoch immer nur der zweite Schritt sein kann, muss der erste Schritt sein, dieses Verhalten zu vermeiden.“

https://sz-magazin.sueddeutsche.de/freie-radikale-die-ideenkolumne/vergewaltigung-aufklaerung-jungen-88318


Dieses Video zu ‚Female Drag Queens‘ haben wir gemeinsam angeschaut und uns davon in den Proben inspirieren lassen:


Diane Torr und ihre ‚Man for a Day‘-Workshop-Dokumentation.