Programmheft „Habitat / München (pandemic version)“

Die Pandemie verhüllt unsere Körper, unsere Gesichter. Das Abstandhalten ist eine körperliche, kollektive Einschreibung, die alle Menschen auf der Welt betrifft. Es ist eine Herausforderung, mich dem Verhältnis Kunst und Gesundheit immer wieder neu zu stellen – es gibt Pläne, die ich immer wieder adaptieren und neu denken muss, weil die Pandemie in Bewegung ist und mich zwingt, mich mit ihr zu bewegen. Ich habe mich entschlossen, in der Pandemie ein Ensembleprojekt zu entwickeln. Ich möchte ein Projekt in und mit der Pandemie entwickeln, nicht über die Pandemie. Welche künstlerischen Aspekte kann ich in der Distanz und im Abstand finden? Mich interessiert, ob und wie utopische Fasern in der Dystopie heranwachsen.“ Doris Uhlich

In Habitat schnalzen, vibrieren und klatschen die nackten Körper vieler Menschen zu elektronischen Sounds und abstrakten Techno-Tracks aufeinander. Habitat/ München (pandemic Version) nimmt eine neue Wendung, ist eine körperliche Recherche mit und in der Pandemie. Das Ensemble recherchiert die Empathie und die Gemeinschaft der kollektiven Energie, die Energie der Distanz, und verarbeitet die unmögliche Nähe. Mit dem 1,5 Metern Abstand, auch wenn die Performer*innen keine Chance haben, sich gegenseitig zu berühren, schaffen sie es, uns auf die Reise von der individuellen Vereinzelung zu der kollektiven Togetherness des nackten Körpers mitzunehmen. Die Körper suchen nach realen gemeinsamen Erfahrungen und erschaffen Möglichkeiten, sich zu vernetzen. Sie zelebrieren ihre Einheit in der Vielfalt, auch auf Distanz.

Habitat bleibt eine schamlose, aber auch schambefreite Hymne auf einen nackten Körper jenseits von kulturellen Einschreibungen und gängigen Schönheitsidealen. Der Körper wird nicht zum Fetisch, zum Objekt degradiert und Fleischlichkeit nicht metaphorisch oder poetisch ideologisiert, sondern materiell aufgefasst und dabei mit seiner ganzen Masse und Wucht, aber auch in seiner Fragilität gezeigt.

Doris Uhlich stellt sich der Herausforderung, wie und wohin sich diese Utopie in Zeiten von Covid-19 transformiert. Was bedeutet die Verunmöglichung körperlicher Nähe? Welche Energie, Melancholie, Sehnsucht, vielleicht auch Genuss und Erleichterung löst das Abstandhalten aus? Welche Emotionen kommen nackt auf der Haut heraus?

Die Auflagen der Covid-19 Verordnungen werden in der Choreografie berücksichtigt und auch als Impulse aufgegriffen.


Habitat / München: Eine Produktion der Münchner Kammerspiele in Kooperation mit insert Tanz und Performance GmbH. Gefördert durch die Kulturabteilung der Stadt Wien.
Projektpartner der Habitat-Serie sind donaufestival / Krems, ImPulsTanz / Wien in Kooperation mit Wiener Secession, Tanzquartier Wien.

Doris Uhlich

Doris Uhlich entwickelt seit 2006 eigene Projekte. Im Werk der Choreografin steht die Beschäftigung mit Alltagsgesten oder auch, wie in SPITZE (2008) oder Come
Back (2012), mit künstlichen Gesten – in diesen Fällen dem strikten Bewegungscode des klassischen Balletts – im Zentrum. Ihre Performances sind oft Auseinandersetzungen mit Schönheitsidealen und Körpernormen. Seit ihrem Stück more than naked (2013) beschäftigt sich Doris Uhlich in ihren Arbeiten zudem mit
der Darstellung von Nacktheit jenseits von Ideologie und Provokation. Dabei nimmt Musik – besonders elektronische Tanzmusik von New Wave bis Techno – eine wichtige Rolle ein. 2017 wurde sie für das Duett Ravemachine gemeinsam mit Michael Turinsky mit dem Nestroy-Preis für “Inklusion auf Augenhöhe” ausgezeichnet, die 2018 uraufgeführte Produktion Every Body Electric war u. a. zur Tanzbiennale von Venedig und zur Bienal Sesc de Dança in São Paulo eingeladen. Danach folgte bei ImPulsTanz 2019 das Solo TANK, das im Februar 2021 im Naturhistorischen Museum in einer Site-specific-Version gezeigt wird. Im Herbst 2019 choreografierte Uhlich
mit Habitat / Halle E ihr bisher größtes Stück für 120 Menschen. Zuletzt feierte stuck im Tanzquartier Wien Premiere, eine Studie über Unbeweglichkeit und Stillstand, die mit ihrer minimalistischen Choreografie und der metaphorisch aufgeladenen Bildsprache an frühe Arbeiten anknüpft.

Boris Kopeing

Boris Kopeing ist Medienkünstler und Dj mit Vorliebe für technoide Rhythmen und synthetische Frequenzmuster. Techno basiert für ihn auf vermutlich uralten Ritualen, bei denen es darum geht, Körper in Schwingung zu versetzen und die Konsistenz des Körpers und der Wahrnehmung zu verändern. Von 2008 bis 2015 unterrichtete er am Institut für raum&design Strategien der Kunstuniversität Linz.

Fotos: Sigrid Reinichs