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Die Münchner Kammerspiele sind entsetzt und bestürzt über das, was in der Nacht zum Mittwoch geschehen ist.

Mit den Morden von Hanau, dem dritten Anschlag seiner Art innerhalb eines Jahres, ist zur Gewissheit geworden, was wir seit den Verbrechen des NSU hätten wissen können: Rechtsextremer Terror, ob antimuslimisch oder antisemitisch, ist Teil des Alltags in Deutschland geworden. Wir alle sind mit den Konsequenzen dieser Wahrheit überfordert. Wir können und wollen uns nicht an den Gedanken gewöhnen, dass sich Menschen in diesem Land, beispielsweise, in einer Shisha Bar nicht sicher fühlen.

Zu viele Medien und Politiker*innen sprechen von einem „mutmaßlich fremdenfeindlichen Anschlag“. Mit dieser Rhetorik werden die Ermordeten noch einmal zu „Anderen“ – zu „Fremden“ – gemacht und so genau jener Logik unterworfen, die sie das Leben gekostet hat. Warum so umständliche Sprachverdrehungen, wenn es für das, was zu den Morden von Hanau geführt hat, eine klare und unmissverständliche Formulierung gibt: Es geht um einen tief in unserer Gesellschaft verankerten Rassismus. Der zeigt sich auch und vor allem dann, wenn nun über den Täter, seine Motive, seine Psyche gesprochen wird – und viel zu wenig über Menschen, die seit gestern nicht mehr leben, ihre Angehörige und Freund*innen.

Wir als Theatermacher*innen können nicht so tun, als wäre unser Handeln und Tun, als wären die Kultureinrichtungen, in denen wir leben und arbeiten, nicht selber in die Logik des Rassismus verstrickt.

Unsere Institutionen haben eine zutiefst problematische Geschichte. Als Orte, an denen ein nach wie vor überwiegend europäischer Kanon immer wieder neu interpretiert und aktualisiert wird, bleiben sie, allen Öffnungsversuchen zum Trotz, viel zu sehr Durchsetzungsinstrumente weißer Macht.

Viele Menschen erleben sie als eine abgeschlossene und hermetische Welt, in der die Vielfalt und die einem stetigen Wandel unterworfene Zusammensetzung der Bevölkerung in diesem Land nicht einmal ansatzweise vertreten ist. Das Theater, als Bühne, als Raum der symbolischen Handlung und des Nachdenkens einer Gesellschaft über sich selbst, erfüllt es seine Aufgabe in Zeiten wie diesen nur dann, wenn es sich schonungslos mit dem Fortwirken kolonialer Ordnungen im „eigenen Betrieb“, wenn es sich mit den – vielen Beteiligten oftmals unbewussten – Funktionsweisen des strukturellen Rassismus auseinandersetzt.

Die Morde von Hanau gehen uns alle an. Sie treffen nicht die „Anderen“, sondern den Kern einer als „offen“ sich verstehenden Gesellschaft. Für diese Werte werden wir nicht aufhören, auf die Straße, auf Demonstrationen und auf Mahnwachen zu gehen. Es kann nicht sein, dass wir immer nur dann für kurze Zeit aufwachen, wenn wir eine neue Stufe der Eskalation rassistischer Gewalt erleben. Es bedarf grundlegender Veränderungen in dieser Gesellschaft, an denen wir täglich arbeiten. Nur so lässt sich verhindern, dass wir uns von den Täter*innen, den Organisationen, Parteien, Strukturen, die sie tragen, vor sich hertreiben lassen.

Wir trauern mit den Opfern, ihren Angehörigen und Freund*innen.