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Anlässlich der Preisverleihung des Internationalen Theaterinstituts (ITI) an Anta Helena Recke. Was man auch hätte sagen können.

Im Anschluss an die Aufführung von „Die Kränkungen der Menschheit” erhielt die Regisseurin Anta Helena Recke vergangene Woche in den Münchner Kammerspielen den „Preis des Internationalen Theaterinstituts” (ITI) für ihre Schwarzkopie der Inszenierung „Mittelreich”. Wir freuen uns sehr über diese Auszeichnung und die Wertschätzung dieser für uns wichtigen Arbeit. Ergänzend zu der bei der Preisverleihung gehaltenen Rede hier ein paar Worte von uns, um die künstlerische Arbeit von Anta Helena Recke und des Ensembles von „Mittelreich“ zu würdigen.

Anta Helena Recke beschäftigt sich in ihren Arbeiten damit, wie Welt fortlaufend durch Wahrnehmung konstituiert wird. Dabei legt sie sowohl die Unterschiede der Perspektiven und Blickverhältnisse offen, als auch das Werden und die Gewordenheit des normierten Blickes. Sie ist eine genau arbeitende und konsequente Künstlerin, die Ansätze und Errungenschaften der Konzeptkunst, insbesondere der „Appropriation Art“, für das Theater nutzbar macht. Mit den Mitteln der Bühne lässt sie sichtbar werden, was immer anwesend ist und dadurch als gegeben angenommen wird – und doch Konstruktion ist: Weiß-sein.

Ihrer Version „Mittelreich“ hat Anta Helena Recke einen entscheidenden Kunstgriff zugrunde gelegt. Es handelt sich um eine exakte Kopie der Inszenierung von Anna Sophie Mahler nach Joseph Bierbichlers gleichnamigem Roman. Das Bühnenbild, den gesprochenen Text und die Musik, das alles hat die Regisseurin exakt vom Original übernommen. Es gibt nur einen gravierenden Unterschied. Das ausschließlich weiße Ensemble wurde komplett gegen Schwarze Darsteller*innen ausgetauscht.

Diese konzeptuelle Entscheidung impliziert eine Kritik an einer in deutschen Stadttheatern üblichen Besetzungspolitik. In ihrer Zusammensetzung repräsentieren die Ensembles nicht die Vielfalt der in diesem Land lebenden Bevölkerung, sondern verteidigen nach wie vor die Privilegien von Menschen mit weißer Hautfarbe und der entsprechenden kulturellen Prägung. Diese Besetzungspolitik wird gestützt durch die Narration von universell wandelbaren Darsteller*innen. Sie sollen – bei entsprechender Eignung und Ausbildung – jede Rolle spielen können. Die gleiche Ideologie hat über lange Zeit hinweg zur mittlerweile als rassistisch weithin geächteten Praxis des „Blackfacing“ geführt.

Wer beide Fassungen von „Mittelreich“ aufmerksam studiert, wird feststellen, dass die unterschiedliche Besetzungspolitik den gesprochenen Text in seiner Bedeutung massiv verändert. Mit ihrer Schwarzkopie macht Anta Helena Recke deutlich, dass es eben nicht gleichgültig ist, wer welchen Text spricht. Wer heute systemisch und strukturell von Ausgrenzung betroffen ist, wird in vielen gesprochenen Passagen aus Bierbichlers Textvorlage immer eine andere Semantik mitschwingen lassen als auf Theaterbühnen am häufigsten anzutreffende Abstammungsdeutsche. Es gehört zu den außerordentlichen Leistungen ihrer Arbeit, hierfür ein Bewusstsein geschaffen zu haben. Für die künftige Theaterpraxis wäre es fatal und in keiner Weise wünschenswert, hinter diesen Erkenntnisstand zurückzufallen.

Zusammen mit ihrem Ensemble – den Schauspieler*innen Yosemeh Adjei, Victor Asamoah, Ernest Allan Hausmann, Jerry Hoffmann, Moses Leound Isabelle Redfern, den Musiker*innen Romy Camerun, Miriel Cutiño Torres, Jan Burkampunter der musikalischen Leitung von Prisca Mbawala-Dernbach – sowie dem Dramaturgen Julian Warner hat Anta Helena Recke mit der Arbeit „Mittelreich” nicht weniger als ein Referenzwerk geschaffen, das auf grundlegende Weise die exkludierenden Strukturen des Betriebssystems „Stadttheater“ hinterfragt.

„Mittelreich in der Inszenierung von Anta Helena Recke ist eine Einladung zum Dialog, denn sie funktioniert in zwei Richtungen: Sie macht nicht nur erfahrbar, was es bedeutet, in einer weißen Gesellschaft weiß zu sein, also in ihr permanent bestätigt, repräsentiert und als normal angesehen zu werden. Die Inszenierung bietet die Möglichkeit, diese, die eigene Perspektive, als spezifisch wahrzunehmen. Recke schafft mit den Mitteln des Theaters einen Erfahrungsraum, um Strukturen sichtbar zu machen, die auch außerhalb des Theaters wirksam sind. Darüber hinaus hat sie für die nicht-weißen Menschen im Publikum ein Bild auf der Bühne geschaffen, das es ihnen möglich macht, sich darin tatsächlich gespiegelt zu sehen. Gerade die Art und Weise, wie in den Medien „über“ die Inszenierung geschrieben wurde („Schwarzsein alleine reicht nicht“), muss als Symptom gelesen werden und zeigt die Relevanz dieser Arbeit. So wirkt „Mittelreichüber den Theaterabend hinaus, etwa in Form der angestoßenen und fortlaufenden Diskussionen hier im Haus – von den bereits angesprochenen Besetzungspolitiken bis hin zu Fragen der Autor*innenschaft im Theater.

Liebe Anta, seit Beginn der Intendanz von Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen prägst Du diese Institution durch Deine Arbeiten und die auch damit verbundenen Auseinandersetzungen – und die waren gewiss nicht immer einfach. Dafür sind wir dankbar und freuen uns sehr, dass wir die letzte gemeinsame Spielzeit mit einer Arbeit von Dir eröffnen konnten. „Die Kränkungen der Menschheit“ führt Deine Arbeit an der Wurzel der Wahrnehmung konsequent weiter. Auch dieser Abend lädt das Publikum dezidiert dazu ein, neue Standpunkte einzunehmen und die eigene Perspektive auf den Prüfstand zu stellen. Ausgehend von Sigmund Freuds Text „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“ spürst Du in dieser Arbeit den von ihm diagnostizierten drei Kränkungen der Menschheit nach – die Erkenntnis, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist, dass der Mensch vom Affen abstammt und dass er ein Unterbewusstsein hat, das er nicht steuern kann. Eine vierte Kränkung fügst Du selbst hinzu: Die Tatsache, dass die Annahme „einer“ homogenen Menschheit eine bloße Illusion ist – zumindest solange Rassismus eine weltweit auftretende Struktur ist, deren Ausprägungen sich momentan weiter verschärfen. Diese Einsicht stellt deshalb eine tiefgreifende Kränkung dar, weil die Mehrheitsgesellschaft insofern keine Definitionshoheit beanspruchen kann.

Die Münchner Kammerspiele.


Anta Helena Reckes Inszenierung „Mittelreich“, die 2017 an den Münchner Kammerspielen Premiere hatte, war im Jahr 2018 beim Festival radikal jung vertreten und wurde als eine der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen des Jahres auch beim Berliner Theatertreffen ausgezeichnet. Ihre Arbeit „Die Kränkungen der Menschheit ist derzeit in an den Münchner Kammerspielen zu sehen.