„Moralische Werte sind mit einer direkten Suggestion nicht zu umgehen“

Ein Gespräch mit Hypnotiseur Alexander Schelle, Diskurspate für „Der Kirschgarten“

Scharlotta Iwanowna ist wohl die Figur im Tschechowschen Kirschgarten-Universum, die wie keine andere den „Zustand Kirschgarten“ repräsentiert. Das heißt: in Zeiten des Umbruchs, des Übergangs sich zu befinden ohne Grenzen, klare Zuordnung, Heimat. Sie trägt all dies Transitorische in sich, sie kennt es nicht anders, hat vielleicht sogar eine Gelassenheit gewonnen angesichts ihres Status Quo: ich weiß nicht, woher ich komme, wohin ich gehe, ja, wer ich bin. Kein Wunder nun, das Tschechow diese ikonische Figur mit einer besonderen Begabung ausstattet – sie kann zaubern! Gleich zu Beginn da sie mit der Ranjewskaja aus Paris zurückkehrt, fordert Lopachin sie auf, einen Zaubertrick zu zeigen; Scharlotta aber verweigert sich (noch), nicht ohne vorher allen den Kopf verdreht zu haben angesichts des Versprechens, ihrer Zauberkunst teilhaftig zu werden.

Im dritten Akt aber, während alle auf Leonids Rückkehr von der Versteigerung des Kirschgartens warten – alle wissen, dass sich ihr Schicksal entscheidet und verharren dennoch, als stünde nichts bevor, auf das sie Einfluss nehmen könnten – da (ver)zaubert Scharlotta. Und dehnt die Zeit, als würde die nächste Sekunde Realität nicht anbrechen müssen. Oder als ließe sich ihre Realität vielleicht mit einem Augenschlag, einem Handschnipser, anders in Besitz nehmen, bewohnen, kultivieren. Zuversichtlich, entspannt, angstfrei. Und gemeinsam.

Um uns diesem spezifischen Aspekt zu nähern, haben wir den Hypnotiseur Alexander Schelle als Diskurspaten zu einer Probe eingeladen, bei der er uns in die Kunst der Hypnose einführte.


BENJAMIN VON BLOMBERG:
Werden Sie oft gefragt: Können Sie zaubern?

ALEXANDER SCHELLE:
Eher bekomme ich die Frage gestellt, ob man das Problem „x“ auch über Hypnose lösen könne.

BVB:
Was muss ein guter Hypnotiseur können?

AS:
Er sollte vor allem empathisch sein. Man spricht mit dem Unterbewusstsein seines Gegenübers und das sollte mit möglichst viel Feingefühl und Sorgfalt passieren.

BVB:
Wie würden Sie das Verhältnis zwischen Hypnotiseur und Hypnotisiertem beschreiben?

AS:
Es ist ein Vertrauensverhältnis. Ohne Vertrauen ist es nicht möglich loszulassen, und das ist nötig, um sein Unterbewusstsein zu öffnen.

BVB:
Genießen Sie Macht?

AS:
Auch wenn Laien mich in einer besonderen Machtposition wahrnehmen, sehe ich darin keine Macht, sondern vielmehr Verantwortung für die Person, die sich auf mich einlässt.

BVB:
Werden Hypnotisierte gern gelenkt?

AS:
Da kann ich nur für mich sprechen. Ich hatte schon als Kind eine eigene Meinung und habe mich nie durch Gruppendruck zu Dingen bewegen lassen, die ich nicht wollte. Daher sehe ich mich als sehr schwer lenkbar.

BVB:
Haben Sie oft mit Ängsten zu tun?

AS:
Ich selbst? Unser Leben ist viel zu kurz, um Zeit für Ängste zu haben. Ängste behindern das Ausleben von Interessen, die Verwirklichung von Wünschen und Träumen.

BVB:
Wie steht es auch mit jener, sich prinzipiell auf Hypnose einzulassen?

AS:
Ich gehe selbst 3–4 Mal die Woche in Hypnose. Es gibt keinen Grund Angst davor zu haben, sofern man einen gewissenhaften Hypnotiseur hat. Ich würde mich aber sicher nicht hypnotisieren lassen, wenn keine Vertrauensbasis vorhanden ist. Das ist aber weniger eine Angst als vielmehr gesunder Menschenverstand.

BVB:
Setzt Hypnose die Bereitschaft zum Kontrollverlust voraus?

AS:
Das klingt mir zu negativ. Hypnose ist kein Kontrollverlust im Negativen, sondern ein positives Loslassen. Es ist kein Zustand der Willenlosigkeit, sondern ein Zustand der mentalen Entspannung.

BVB:
Ist eine Massenhypnose denkbar?

AS:
Auf jeden Fall und das ist leider in der Geschichte der Menschheit schon vielfach passiert. Dies kann bei öffentlichen Kundgebungen, aber auch durch das Fernsehen passieren.

BVB:
Lernen Hypnotisierte, ein Ohnmachtsgefühl zu genießen?

AS:
Die Frage müsste lauten: Genießen Hypnotisierte den Zustand der Trance? Ja, auf jeden Fall!

BVB:
Sind denn Menschen unter Hypnose noch sie selbst, oder anders: sind sie außer sich oder bei sich?

AS:
Selbstverständlich sind sie noch sie selbst! Man kann auch unter Hypnose keine Aufgaben suggerieren, die man nicht auch im Wachzustand machen würde. Unsere moralischen Werte sind mit einer direkten Suggestion nicht zu umgehen. Es wäre kein Problem einen Exhibitionisten vor anderen Menschen zum Ausziehen zu bewegen, dagegen würde ein eher schüchterner Mensch dieser Suggestion niemals folgen. Aber wenn ich der schüchternen Person suggerieren würde, dass seine Kleidung brennt und er sie ganz schnell ausziehen muss, weil er sonst auch verbrennen würde, dann würde er dies sehr schnell tun, da sein Leben wichtiger ist als seine Scham.

BVB:
Das heißt, küsst man unter Hypnose im Allgemeinen jede und jeden oder nur die, die man unbedingt küssen will (und sich vielleicht vorher nicht zu küssen getraute)?

AS:
Sie meinen: kann ich mit Hypnose jede Frau rumkriegen? Das werde ich natürlich oft gefragt! Also: Ein Mann, der mit sehr viel Charme eine Dame hypnotisiert, bekommt relativ sicher seinen Kuss – ein Ekelpaket wird schon daran scheitern, die Dame überhaupt zu hypnotisieren. Das ist wie im richtigen Leben: Wir hypnotisieren uns schließlich jeden Tag gegenseitig, es wird nur nicht so genannt! Wenn sich ein Paar verliebt, werden sie wie in Trance zueinander hingezogen. Man spricht ja gerne davon, Liebe mache blind oder dumm. Das liegt einfach daran, dass wir in dem Zustand der Verliebtheit nur noch eine geringe Aufnahmefähigkeit haben.

BVB:
Was ist mit Hypnose nicht möglich?

AS:
Noch fehlt uns ein umfassendes Wissen über das Unterbewusstsein des Menschen – für mich ist ihre Wirkmacht aber grenzenlos.


Alexander Schelle beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit der menschlichen Psyche und arbeitet seit 2009 als Mentalist und Hypnotiseur. Ihn interessiert dabei besonders der therapeutische Ansatz, vor allem die Möglichkeiten zur Neucodierung des Unterbewusstseins. Mit seinem Abendprogramm „Gehirnwäsche“ tritt er regelmäßig im Theater Krist & Münch in München auf. Zusätzlich bietet er Seminare zu Hypnose und Selbsthypnose an. Wer Interesse hat, kann mit seiner Hypnose-App kostenlos eine Entspannungshypnose ausprobieren. www.alexander-schelle.de