LIEBES PUBLIKUM

Kommen Sie, gehen Sie mit uns auf die Reise! Die Spielzeit 2018/19 an den Münchner Kammerspielen

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Mein Team und ich werden 2020 die Münchner Kammerspiele verlassen. Ich bedaure das. Gleichzeitig sehe ich in dem bevorstehenden Abschied die Chance, einen anderen Blick auf die folgenden zwei Spielzeiten zu werfen und eine erste Bilanz zu ziehen. Die Kammerspiele haben Zuschauer verloren, aber auch neue hinzugewonnen, junge vor allem: Es sind zehn Prozent mehr Studierende im Theater. Und es werden mehr Karten im freien Verkauf erworben, mit 42 Prozent sind es fast doppelt so viele wie vor unserer Zeit. Das bedeutet, dass es uns gelungen ist, ein diverseres Publikum für die Kammerspiele zu interessieren, das sich spontan entscheidet und genau weiß, welche Produktionen es sehen möchte. Unser Haus hat viele Menschen aufmerksam und neugierig gemacht auf Theater, und das ist ein großer Erfolg.

Wir freuen uns, dass mit „Trommeln in der Nacht“ (in der Inszenierung von Christopher Rüping) und mit der Schwarzkopie von „Mittelreich“ (von Anta Helena Recke nach der Inszenierung von Anna-Sophie Mahler) zwei unserer Arbeiten zum Theatertreffen 2018 eingeladen sind. Die Münchner Kammerspiele sind das einzige Theater mit einer Doppeleinladung nach Berlin. Außerdem wird unsere Ensemble-Schauspielerin Wiebke Puls im Rahmen des Theatertreffens mit dem 3sat-Preis für ihre Leistung in „Trommeln“ ausgezeichnet. Ebenso freuen wir uns, sechs Tage bei den Wiener Festwochen zu bestreiten, und zwar mit „Tiefer Schweb“, einer Inszenierung von Christoph Marthaler und mit Susanne Kennedys „Die Selbstmord-Schwestern“. Diese Einladungen machen mich stolz und ich bin froh, dass unsere Produktionen auf Reisen gehen. So haben noch mehr Menschen die Möglichkeit, sich unserem Theater anzunähern. Ich freue mich auf die nächsten zwei Jahre mit Ihnen. Wir werden so weiterarbeiten wie bisher, Sie kennen jetzt unsere Form des Theatermachens, und viele von Ihnen schätzen sie.

Vielleicht erinnern Sie sich an das „Schlachten“-Projekt von Luk Perceval? Frank Baumbauer eröffnete seine Intendanz mit einer zwölfstündigen Bearbeitung von Shakespeares Königsdramen. Etwas Ähnliches wird unser Hausregisseur Christopher Rüping versuchen. Zur Eröffnung der Spielzeit 2018/19 inszeniert er ein Antikenspektakel. Er besetzt eine kleine Gruppe von Schauspielerinnen und Schauspielern, die eine zehnstündige Aufführung stemmt, und zwar mit drei Tragödien und einer Komödie – so wie es in der antiken Aufführungspraxis üblich war. Mir gefallen diese megalomanischen Formate, die uns als Zuschauer überfordern: Eines meiner Abschiedsprojekte am HAU in Berlin war eine 24-stündige Aufführung von David Foster Wallaces Roman „Unendlicher Spaß“ an Orten utopischer Beton-Architektur aus den siebziger Jahren. Für das Antikenprojekt zieht das Theater der griechischen Kultstätte Epidauros in die Kammerspiele ein, heißt, wir zeigen Open-Air-Spektakel in einem Jugendstil-Theater, dessen räumliche Vorteile eher im intimen Spiel liegen. Antikes Theater, das aus dem Ritual lebte und früher einmal die Religion ersetzte, wird für zehn Stunden einen bürgerlichen Raum besetzen und Sie als ZuschauerInnen bestenfalls in eine Art Rausch versetzen. Sie kennen dieses Gefühl vom sogenannten „Binge Watching“, dem Serienmarathon, dem wir uns von Zeit zu Zeit ausliefern: Eine Folge noch, zwei, oder drei... Beim Antikenspektakel ist es unser Ensemble, das Sie eine Nacht lang mitreißen wird.

Stefan Kaegi hingegen wird einen Roboter auftreten lassen. Für gewöhnlich benutzen wir Saugroboter, es gibt aber auch längst Pflegeroboter. Die gesellschaftlichen Umwälzungen durch intelligente Maschinen werden uns bald alle beschäftigen. Auf welche Weise, untersucht Stefan Kaegi in „Uncanny Valley“. Sein Roboter wird dem Autor Thomas Melle nachempfunden sein. Wenn dies in einem Theater geschieht, stellt sich die Frage: Wie spielt dieser Roboter? Wie bewegt er sich? Und werden Roboter in 50 Jahren den Menschen überlegen sein? Die Disponentin freut sich jedenfalls darauf, ohne Rücksicht auf Besetzungswünsche und Verfügbarkeiten Gastspiele planen zu können. Der Roboter kann dreimal hintereinander spielen ohne müde zu werden. Was wird uns aber in seiner Darstellung fehlen, wo liegt die Differenz – oder, noch schlimmer, wird uns nichts fehlen? Sowohl Rüpings Antikenprojekt als auch Kaegis Roboter treibt das Theater in Extreme und uns als Zuschauende in die Orientierungslosigkeit.

In der Kammer 2 wird Trajal Harrell nach seiner letzten Arbeit „Juliet & Romeo“ nun einen Abend über einen Gärtner, die Schönheit der Welt und deren drohendes Ende choreografieren. Bei „Juliet & Romeo“ war ich unendlich dankbar für die Wärme seiner dargestellten Welt. Sein Interesse an Mode und sein Faible für Schönheit ist etwas, das seine Inszenierungen mit der Stadt München verbindet. Der aktuelle Abend wird daran anknüpfen.

Außerdem freut es mich, dass Susanne Kennedy und Yael Ronen ihre Zusammenarbeit mit den Münchner Kammerspielen fortsetzen werden. Yael Ronen interessiert sich für die Schöpfungsgeschichte der Bibel – die Genesis, ein fast philosophischer Text. Ich glaube, dass Menschen aus dem Mittleren Osten, insbesondere aus Israel, ein anderes Verhältnis zu Bibel und Talmud haben. Sie leben in biblischen Städten. Eden ist nicht das Paradies, sondern einfach ein schöner Bergort in Israel und im Libanon. Die Orte der Bibel sind für uns Orte der Predigt. Für Israelis sind sie Orte des täglichen Lebens zwischen Startups, Wochenmarkt und Anschlägen. Nach ihren Abenden, die sie auf Grundlage filmischer oder literarischer Vorlagen zu Identitätsvernichtungsmaschinen verdichtete, interessiert sich Susanne Kennedy jetzt für klassische Dramen. Sie geht zurück zu Tschechows Text „Drei Schwestern“, eben weil Sie sich wieder für Theater interessiert. Ihre Inszenierungen fordern uns gedanklich heraus, es sind Strapazen der schönsten Art. Dass sie mit der Tschechow-Arbeit in München einen neuen Ansatz wagt, freut mich besonders. München ist die Stadt, in der ihre Arbeit ihren Anfang genommen und sich auf den Weg in die Welt gemacht hat.

Es macht mich glücklich zu beobachten, wie das Ensemble im Laufe der letzten drei Spielzeiten zusammengewachsen ist. Auszeichnungen wie der Theaterpreis der Stadt München 2017 für Annette Paulmann und der 3sat-Preis für Wiebke Puls beweisen, wie hoch die schauspielerische Qualität ist, mit dem wir bei aller Lust am Experiment arbeiten. Vielleicht ist es auch der Druck von außen, der uns künstlerisch zusammenschweißt. Uns macht die Arbeit miteinander großen Spaß. In der neuen Spielzeit spannen wir einen großen Bogen: Wir beleben den dionysischen Kult und fragen gleichzeitig nach den Auswirkungen künstlicher Intelligenz. Mich interessiert die Gegensätzlichkeit zwischen einem Theater, das ausschließlich auf Schauspielerinnen und Schauspieler baut und einem Roboter, der sie ersetzt, an dessen Ungenügen Sie sicher Ihren Spaß haben werden. Kommen Sie, gehen Sie mit uns auf die Reise!

Mit freundlichen Grüßen

Matthias Lilienthal

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