KammerCampus #12

KammerCampus #12

20.-22. OKTOBER 2017 Appropriate Representation

Was geschieht, wenn eine Künstlerin ein bereits existierendes Werk, das nicht von ihr selber stammt, einem Akt der Aneignung zuführt - also es kopiert, mit kleinen, aber um so bedeutsameren Veränderungen versieht oder es in einen unterschiedlichen Kontext stellt?

Anta Helena Recke ist die vielleicht erste Theaterschaffende, die eine in der Bildenden Kunst längst etablierte kulturelle Technik – die APPROPRIATION ART – in einer radikalen Geste auf die Darstellende Kunst überträgt.

Ihre Arbeit „MITTELREICH“ ist eine Kopie der gleichnamigen Inszenierung von Anna-Sophie Mahler, die vor zwei Jahren in der Kammer 1 ihre Premiere erlebte und in der Folge zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. ANTA HELENA RECKE übernimmt alle Parameter von Mahler originalgetreu. Es wird der gleiche Text gesprochen. Die Szenographie ist identisch. Nur die Schauspieler*innen werden ausgetauscht. Es stehen ausschließlich schwarze Darsteller*innen auf der Bühne. Mit dieser Strategie der abweichenden Wiederholung markiert „Mittelreich“ den strukturellen Rassismus an weißen Theaterinstitutionen.


Freitag, 20. Oktober
14:45 h Welcome, Falckenbergstr. 2
15-18 h WORKSHOPS Teil I mit Aline Benecke, Julian Warner und Olivia Wenzel (Details siehe unten)

Samstag, 21. Oktober
11-13 h optional: Again and Again - Ausstellung im Haus der Kunst (Strategien von Wiederholung und Appropriation in der Videokunst)
14-17 h WORKSHOPS Teil II mit Aline Benecke, Julian Warner und Olivia Wenzel
18:30 h VORTRAG "Talent zum Privileg" mit Dr. Joy Kristin Kalu
19:30 h VORSTELLUNG MITTELREICH, REGIE: ANTA HELENA RECKE NACH DER INSZENIERUNG VON ANNA-SOPHIE MAHLER

Sonntag, 22.10. 14-18 h
SYMPOSIUM ABWEICHENDE WIEDERHOLUNG zu Fragen der Repräsentation und Diversity in Kulturinstitutionen mit Sarah Bergh, Hamado Dipama, Matthias Lilienthal, Prof. Dr. Maria Muhle, Anta Helena Recke, Jovita Dos Santos Pinto, Shaheen Wacker, Hanna Voss u.a.

# WORKSHOPS NUR FÜR STUDIERENDE #
# KEINE ANMELDEGEBÜHR #
# EINTRITT MITTELREICH 8 € UND SYMPOSIUM 5 € #
# UNTERKUNFT UND EVT. ANREISE BITTE PRIVAT ORGANISIEREN #

Teilnehmer*innenzahl ist begrenzt -
bitte Anmeldung unter Angabe von Hochschule / Studiengang / Semester
an anne.schulz@kammerspiele.de


1.) LET'S TALK ABOUT... WORKSHOP MIT ALINE BENECKE

Die Inszenierung “Mittelreich” will anhand der Neu-Besetzung einer bereits existierenden Inszenierung mit Schwarzen Menschen die bestehende rassistische Besetzungspraktik des Stadttheaters im deutschsprachigen Raum aufzeigen und bietet eine pragmatische Lösung an. Was steckt hinter der Geste dieser Aneignung?

Rassismus, Klassismus, Sexismus und Ableismus sind Diskriminierungsformen, die in sozialen und institutionellen Strukturen - auch in Kultureinrichtungen - immer noch bestehen. Diskriminierung in Kultureinrichtungen oder kulturellen Projekten kann sich strukturell und inhaltlich äußern: Ziel des Workshops ist es, diskriminierende Strukturen in gemeinsamen Diskussionen zu erarbeiten und zu benennen und somit Ausschlüsse, Hierarchien und Macht zu thematisieren. Wir werden vor allen Dingen grundlegende Begriffe erarbeiten und uns noch weitere Inszenierungspraxen anschauen, die mit Methoden der Neu-Besetzung, Um-Benennung und Aneignung intervenieren.

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Aline Benecke forscht und arbeitet künstlerisch zu Konstruktionen kultureller Identität, zu identitätspolitischen Fragen und zur politischen Relevanz des Visuellen. Sie interessiert sich in ihrer Arbeit für indigene, de- und postkoloniale Theorien und für queeren und Schwarzen Feminismus. Ihr gegenwärtiges künstlerisches Forschungsprojekt wird realisiert als Serie von Workshops, Installationen, Essays und Performances im Rahmen des künstlerischen Doktorats “PhD-In-Practice” an der Akademie der bildenden Künste in Wien

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2.) COALITIONS OF DIFFERENCE - WORKSHOP MIT JULIAN WARNER

- Ein auto-ethnographischer Workshop um Verkörperung, Repräsentation und Aneignung

"We were dancing in the club, not on the wall…“, erzählen geflüchtete Schwarze Männer über die Wendezeit in Berlin 89/90. Während weiße Deutsche auf der Berliner Mauer feiern, tanzen sie in den RnB-Clubs auf der Suche nach einer weißen deutschen Frau, die sie zwecks Bleiberecht ehelichen wollen. Körperliches Kapital wird symbolisches Kapital wird ökonomisches Kapital. Unsere Gesellschaft ist durchzogen von rassistischen Strukturen und Anti-Blackness. Unser Begehren ist durchzogen vom Interesse für Schwarze Musik, Schwarze Ikonographien, Schwarze Biographien und Schwarzen Körpern.

In diesem Workshop wollen wir die Differenzen unserer Subjektpositionen anerkennen und die Frage stellen, wie wir dennoch im Club dennoch gemeinsam tanzen können. BITTE BEQUEME KLEIDUNG MITBRINGEN!

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Julian Warner, geboren 1985, studierte Theaterwissenschaft, Amerikanische

Literaturgeschichte und Ethnologie an der LMU München. Er war als Dramaturg bei der Schwarzkopie von "Mittelreich" tätig und ist Mitglied der künstlerischen Forschungsgemeinschaft Hauptaktion. Er kuratierte Workshops, Performances und Stadtteilprojekte für das Lothringer13 Kunstareal der Stadt München sowie Vortragsreihen in der Favorit Bar. Seit Oktober 2015 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kulturanthropologie der Universität Göttingen. Seine Schwerpunkte sind Black Diaspora Studies, Rassismus- und Popkulturforschung. Er ist zudem als „Fehler Kuti“ Teil der Experimental-Band 1115 (Alien Transistor).

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3.) black 'n music - WORKSHOP MIT OLIVIA WENZEL

"Welche afrikanische Musik und welche Afrikaner bezeichnet das Präfix "afro-"? Was ist westlicher Jazz? Kann eine Band aus Japan Britpop machen? Und warum ist Grunge kein Britpop? Was ist clubbish an Club Music? Was ist eigentlich Pop? Kann gut verkaufte Volksmusik auch Pop sein? [Und was zur Hölle] (...) ist Weltmusik? "

In seinem Buch "tracks 'n 'treks. Populäre Musik und Postkoloniale Analyse" stellt Ismaiel-Wendt die Verknüpfung von Musik und Geographie grundsätzlich in Frage. An seine Überlegungen anschließend richten wir den Fokus auf Musiker*innen of color, die ethnische Zugehörigkeiten bewusst öffentlich performen. Welche Strategien verfolgen sie mit welchem Ziel? Wie reagieren das Internet und wir darauf? Und wer ist überhaupt wir?

Im Workshop arbeiten wir mit kurzen Schreibaufgaben, um uns neben der analytischen Annäherung auch kreativ mit Inszenierungen von "Blackness" auseinanderzusetzen. Dabei streifen wir u.a. Sun Ra's "Space is the Place" und den Begriff des Afrofuturismus, Beyoncé's Song und Video "Formation", M.I.A.'s Song und Video "Borders" und sich daran anschließende Diskurse.

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Olivia Wenzel, 1985 in Weimar geboren, Studium der Kulturwissenschaften und ästhetischen Praxis an der Uni Hildesheim, lebt und arbeitet in Berlin. Wenzel schreibt Texte für die Bühne und Texte zum stillen Lesen, macht Musik als OTIS FOULIE und ist als Performerin aktiv - zuletzt im Stück "Die Erfindung der Gertraud Stock" mit dem Kollektiv vorschlag:hammer.
Wenzels Texte fürs Sprechtheater wurden u.a. an den Münchner Kammerspielen, am Hamburger
Thalia Theater, am Deutschen Theater Berlin und am Ballhaus Naunynstrasse aufgeführt. Mit Prosatexten war sie u.a. zu Gast beim Internationalen Literaturfestival Berlin, im Literaturhaus Hamburg und beim Prosanova Festival. 2017 ist sie Teilnehmerin des Klagenfurter Literaturkurses beim Bachmannpreis und nimmt an der Autorenwerkstatt des LCB teil.
Neben dem Schreiben leitet Wenzel Textwerkstätten mit Kindern und Jugendlichen an, und ist Teil des
cobratheater.cobra Netzwerks.