KammerCampus #1

9.-13. Oktober 2015: his/her/story - actual tendencies in documentary and biographical theatre

Beim KammerCampus #1 trafen sich 60 Studierende von DasArts Amsterdam, Hochschulübergreifendes Zentrum Tanz (HZT) Berlin, Theaterakademie August Everding München, Otto-Falckenberg-Schule München, Max Reinhardt Seminar Wien und Akademie der Bildenden Künste Wien.
Rund um die Eröffnung der Spielzeit unter der neuen Intendanz von Matthias Lilienthal nahmen die Studierenden vom 9.-13. Oktober an einem breit gefächerten Programm aus Workshops, Aufführungen, Künstlergesprächen und Konzerten teil. Thematischer Schwerpunkt war die Arbeit mit dokumentarischen, biografischen und ortsspezifischen Ansätzen.



Workshop I (IN ENGLISCHER SPRACHE)
Re/en/action - Reenactment als künstlerische Strategie zur Bildkorrektur

mit Verena Ries und Janne Schäfer

Was ist hier passiert? Was darf hier nie wieder passieren? Was müsste hier passieren? Das Wiederholen und Modifizieren von Vergangenem in der Jetztzeit ist eine künstlerische Strategie, mit der wir das Verhältnis zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erforschen und Geschichte und Lokalität als aktiver Prozess erfahrbar gemacht wird. Zur Erforschung von persönlicher, kollektiver und medialer Erinnerung und öffentlichem Raum experimentieren und erfahren die TeilnehmerInnen mit Reenactment als künstlerischer Strategie selbstständig, was es heißt mit bildnerisch-performativen Mitteln in die mediale Geschichtsschreibung einzugreifen. Im Zentrum des Seminars steht die Behauptung: Wiederholung an sich existiert nicht. Jedes Mal wenn etwas wiederholt wird, wird eine Differenz erzeugt. In dem Workshop wird das Reenactment als künstlerische Strategie an Hand von unterschiedlichen Arbeiten vorgestellt und in konzentrierter Form selbst erprobt.

Verena Ries, 1978 in München geboren, arbeitet als freischaffende Theaterpädagogin und Regisseurin u.a. am Jungen DT Berlin, Jungen Schauspiel Hannover, Jungen Schauspielhaus Düsseldorf, Theater an der Parkaue Berlin. Sie unterrichtet u.a. am Institut für Performative Künste der HBK, Braunschweig und ist im Ausbildungsprogramm „Abenteuer Kultur“ von dm - drogerie Markt als künstlerische Beraterin tätig. Sie studierte Angewandte Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis in Hildesheim und Devising Theatre am Dartington College of Arts/GB. www.riesverena.de

Janne Schäfer, 1976 in Darmstadt geboren, arbeitet seit 1999 als Teil des Künstlerinnenduos J&K (zusammen mit der dänischen Künstlerin Kristine Agergaard). In ihren Interventionen, Installationen und Performances erforschen J&K kulturelle und individuelle Identitätsmodelle und Mythologien. Letzte Einzelausstellungen: Museum of O.O.O., KUNSTEN, Aaalborg Museum of Art, 2015 und The Nation, National Gallery of Denmark, Kopenhagen, 2013-2015. Zahlreiche Teilnahme an internationalen Ausstellungsprojekten, u.a. ff/TAZ3, Teatr Studio, Warschau, 2014; Tea with Nefertiti, Institute du Monde Arab, Paris, MATHAF, Doha, u.a. 2012-2014; Copenhagen Arts Festival 2012; 4th Arts Baltica Triennial of Photographic Art, KUMU Tallin, Casino Luxembourg, Kunstraum Kreuzberg, u.a. 2007/2008. Janne Schäfer studierte Fine Art/Sculpture am Chelsea College of Art, London und Kunst im Kontext an der UdK Berlin. Sie ist Mitglied des feministischen Künstlerinnennetzwerks ff. (fffffff.org) www.jk-world.net


Workshop II (IN ENGLISCHER SPRACHE)
Transit Trains

with Christine Umpfenbach and Ruth Feindel

More and more refugees use trains from Italy to their desired destination in Germany, Sweden or other European countries. The train becomes a transit space. Since the overwhelmed Italian police stopped to make strict controls, we often share this same space and become witnesses of random police controls on the train or at train stations like Rosenheim or Munich. Because of this shared awkward situation we need to ask ourselves, what is our postion in this worldwide refugee movement. Lampedusa seems not so far away from Munich anymore. What do I have to do with this movement? What are my thoughts and feelings, when I sit next to a group of refugees? What can I do, when I witness controls? What when my neighbour in the train gets arrested only because he/ she is black? Are there possibilities to interfere? Can I just continue to work with my labtop, when right next to me people sit who have lost everything?
The project will ask the students to witness these controls inside the trains coming from Verona and on stations like Rosenheim and Munich Hauptbahnhof (Gleis 11). Further they will make interviews with people involved, like the conductor, the „Bahnhofsmission“, the police and then find an artistic approach to work with this documentary material. Ruth Feindel and Christine Umpfenbach have worked together on several city projects in Freiburg and in Munich.

Luckily, recent events have changed the situation for refugees a bit: the warm welcome given by many citizens in Munich, Vienna and other cities will hopefully influence the politicians as well. But the situation is still very unstable, laws have to be passed, sustainable structures have to be build.
According to the actual situation we will adapt the workshop's content.


Christine Umpfenbach creates documentary theatre that engages in social realities with a particular focus on migration, labour and the city. Each project is based on comprehensive research. The performers are often non-actors. She has worked both in Germany as well as internationally. At the Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin she was artistic director for the ‘Ratten 07’, a theatre project consisting of homeless people. Since 2006 she has been involved in several city projects of the Münchner Kammerspiele in Munich. In her recent productions URTEILE at the Residenz Theater she dealt with the victims of the so called National Socialist Underground (NSU) in Munich and in CAMP HERZL with Jewish refugees in Salzburg from 1945 as 1948. Last year, in 2014 she was awarded with the „Theater-Förderpreis der Stadt München“

Ruth Feindel did cultural studies in Hildesheim, Paris and York. From 2005 to 2013 she worked as a theatre dramaturg first in Munich (Münchner Kammerspiele) and in Freiburg (Theater Freiburg). Her focus of interest lies on research-based projects, often realised as documentary theatre both with professional actors as well as non-professional actors. Another main area of her work is comprised of accompanying playwrights in their work process. Since 2014 she lives in Berlin and continues her work as a free lance dramaturg and lecturer at the Universität der Künste Berlin and other places. Currently she is preparing the first RECHERCHETHEATERTAGE together with the director/ author Tobias Rausch and a theatre installation called WECHSELSTUBE together with her collegue Frank Oberhäußer. Both projects will be realized at Deutsches Theater Berlin. Starting September 15 she will work as an editor for the Suhrkamp Theater Verlag in Berlin as well.



Workshop III (IN DEUTSCHER SPRACHE)
Der Kaiser ist nackt

mit Boris Nikitin und Laura de Weck

Dokumentarische Künste sind zwiespältig. Mit Performances, Filmen und Ausstellungen richten sie ihren Blick auf einen bestimmten Wirklichkeitsausschnitt, heben diesen hervor, reflektieren und deuten ihn. Sie stellen ihn damit zugleich der Öffentlichkeit zur Verfügung. Persönliche Biografien werden veröffentlicht, subjektive Erfahrungen vervielfältigt.
Dokumentation geht einher mit dem Potential zur Transformation. Sonst wäre es langweilig.
Zugleich ist nie gesichert, ob diese Geschichten, Erfahrungen und Biografien der Wahrheit entsprechen.
Die Wirklichkeit ist ein Gerücht. Sie entsteht durch Erzählungen, Beschreibungen, Zeugnissen, also sprachlichen Versuchen, von der Wirklichkeit zu berichten und damit die Wirklichkeit zu erfassen.
Ist Wirklichkeit nicht immer potentiell fake, eine Illusion?
In dem dreitägigen Workshop-Seminar beschäftigen sich die Studierenden mit Dokumentationen, Zeugen, dem scheinbar unendlich geteilten Raum des Internets, Punk-Dokumentarismus, Coming-Outs und einer Wirklichkeit, die aus Andersens „Des Kaisers neue Kleider“ zu stammen scheint.
Außerdem präsentiert die Schweizer Autorin und Schauspielerin Laura de Weck am zweiten Tag ihre Lecture-Performance „Dok Dich“ und richtet ihren Blick auf die Öffentlichkeit und Wirklichkeit nicht als etwas unwiderlegbar Faktisches, sondern als einen Raum der m
öglichen Sichtbarkeiten, der Selbst-Darstellung, der Ausstellung, der coming-outs, der Selbst-Ermächtigung.
Wer auftritt und erz
ählt, macht seine Geschichte teilbar. Wer spricht, verändert.

Boris Nikitin ist Theaterregisseur, Autor und künstlerischer Leiter des Festivals „It’s The Real Thing - Basler Dokumentartage“. Seine Projekte, teilweise schon seit mehreren Jahren international auf Tournee, spielen mit den Grenzen zwischen Performance und Theater, Illusion und Dokumentarischem, offensivem Dilettantismus und schauspielerischer Virtuosität. Nikitin kooperiert mit freien Theaterhäusern wie die Gessnerallee, das HAU, die Kaserne Basel, Mousonturm Frankfurt, ebenso wie mit Stadttheatern wie das Schauspielhaus Graz, Theater Freiburg, Kammerspiele München.
Zuletzt inszenierte er eine Messe bei den Mormonen in Freiburg, baute eine Theaterinstallation für eine Ausstellung in Delhi und entwickelte eine Doku-Oper für die letztjährige Ruhrtriennale.
Für die Kammerspiele inszeniert er diesen Herbst das reale Intendantenvorsprechen des vierten Otto-Falckenberg-Schauspieljahrgangs als ein Verkaufsereignis an der Schnittstelle zwischen Wirklichkeit und Fiktion.

Laura de Weck ist Autorin und Schauspielerin. In ihren Texten kondensiert sie Gesellschaftspolitik in ihre einfachste Einheit: den zwischenmenschlichen Dialog. Für ihre Dokumentation über Selbstdokumentation surft sie für uns in sozialen und anderen Netzwerken. Sie spannt den Bogen von der Privatwebsite zum Polit-Nudie, liest aus ihren Dialogen und behauptet: es ist nicht gefährlich wenn das Private öffentlich wird, aber es ist gefährlich, wenn das Öffentliche privat erscheint.