WIR SIND GEKOMMEN, ABER WIR SIND GAR NICHT DA?

Kongress

Vortrag von Nicolas Stemann zu seiner Arbeit mit Geflohenen / Samstag, 17.10. 19:30 / PROBEBÜHNE 1

Nicolas Stemann hob mit seiner Aufführung von DIE SCHUTZBEFOHLENEN die politische Debatte um Flucht und Asyl auf die Agenda des Theatertreffens 2015. Ausgehend von den Refugee-Protesten in der Wiener Votivkirche 2013 und in Anlehnung an antike Tragödien hatte Elfriede Jelinek mit DIE SCHUTZBEFOHLENEN ein wütendes Sprachoratorium geschaffen, in dem Geflohene um Gehör und Aufnahme bitten und die Ignoranz der Mehrheitsgesellschaft anklagen. Stemann brachte das Stück zur Aufführung, indem er ein Ensemble deutscher Schauspieler mit einem Chor von Menschen konfrontierte, die zur Zeit ohne Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland leben. Es ging darum, gleichermaßen den in die Unsichtbarkeit Gedrängten zur Sichtbarwerdung zu verhelfen als auch die verborgenen Rassismen und strukturellen Diskriminierungen der Institutionen auszuloten, in deren Rahmen die Inszenierung stattfand. Aufgrund rechtlicher Hürden musste das Stück an jedem Ort, an dem es aufgeführt wurde, immer wieder mit einer neuen Gruppe Geflohener einstudiert werden. Das Engagement und vor allem die Bezahlung der Geflohenen gingen dabei stets mit Kämpfen gegen institutionelle Bedenken einher.
Aus der Begegnung mit der Flüchtlings-Gruppe We Are Here während des SCHUTZBEFOHLENEN-Gastspiels in Amsterdam entstand schließlich eine weiterführende Zusammenarbeit: erst in Form eines Workshops und schließlich eines weiteren Projekts mit dem Titel LABYRINTH (zusammen mit We Are Here Coorperative und dem Frascati Theater). Anders als bei DIE SCHUTZBEFOHLENEN (und anders als in ihrem momentanen Leben) waren hier die Geflohenen selber die AutorInnen des Projekts, die das zermürbende bürokratische Labyrinth thematisierten, in das sie in ihrem Kampf um Aufenthalt gezwungen werden – teils über viele Jahre, gefangen in absurden juristischen Paradoxien, die politisch verursacht sind und nun auf ihrem Rücken ausgetragen werden. Obwohl aus Regionen wie Eritrea stammend, dürfen sie nicht bleiben - aus eben diesem Grund aber dürfen sie auch nicht abgeschoben werden. Die Zuschauer übernehmen die Perspektive der Geflohenen, während diese die Rollen der Vertreter von Bürokratie und Staat spielen.
Von den vielfältigen Erfahrungen seiner Zusammenarbeit mit Geflohenen in diesen Projekten sowie mit den Institutionen, ihren Möglichkeiten und Grenzen, wird Nicolas Stemann berichten.

Nicolas Stemann ist ab der Spielzeit 2015/2016 Hausregisseur der Münchner Kammerspiele.


In deutscher Sprache.

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17. Oktober 2015