Welt ohne Kunst

Open-Air-Ausstellung auf Plakatflächen im Münchner Stadtraum

Da die Räumlichkeiten der Münchner Kammerspiele dem Publikum derzeit nur eingeschränkt offenstehen, nutzen wir die bereits gebuchten Plakatflächen in der Stadt als weitere Bühnen.

Während des Lockdowns waren die Theater, Galerien und Museen geschlossen. Das öffentliche Erleben von Kunst und Kultur blieb auf ein Minimum reduziert. Gemeinsam mit der Agentur Double Standards, die in den letzten 5 Jahren das Erscheinungsbild unseres Theaters geprägt hat, haben die Münchner Kammerspiele ausgewählte Künstler*innen nach Entwürfen und Motiven gefragt.

Alle Arbeiten setzen sich mit der Frage nach einer „Welt ohne Kunst“ auseinander: Wenn ihr die Systemrelevanz abgesprochen wird, was sagt dann die Kunst zu diesem System? Die Ergebnisse sind – als kostenlose Open-Air-Ausstellung – vom 26. Juni bis zum Ende der Spielzeit überall in der Stadt zu sehen.

Die Plakatmotive stammen von Amnesia Scanner, Cana Bilir-Meier, Double Standards, Gregor Hildebrandt, Anne Imhof, Elfriede Jelinek, Rabih Mroué, Henrike Naumann, Philippe Quesne, Milo Rau und Tobias Rehberger.


Mit der Bildendenden Künstlerin Cana Bilir-Meier, Chris Rehberger (Creative Director von Double Standards), Intendant Matthias Lilienthal und Christoph Gurk (Dramaturg und Kurator für freies Theater und Musik)

Die Zahl der Teilnehmenden ist begrenzt. Um verbindliche telefonische Anmeldung wird gebeten: 089 233 96600


Über die Künstler*innen


Amnesia Scanner

Die transdisziplinären Arbeiten des Duos Amnesia Scanner sind in der Popkultur, in der Bildenden und Darstellenden Kunst angesiedelt. Das von Ville Haimala und Martti Kalliala gegründete Ensemble tritt in Galerien, Clubs, Theatern auf und interessiert sich für die Art und Weise, wie Technologie unseren Blick auf die Welt und unser Handeln in ihr verändert. Es geht um Systemschwachstellen, Informationsüberflutung und sensorische Exzesse. Amnesia Scanner waren an den Kammerspielen im Rahmen der Festivals „Decession“ und „Politik der Algorithmen zu Gast. Zuletzt war Ville Haimala als Live-Musiker in der Uraufführung „WUNDE R“ von Enis Maci in der Inszenierung von Felix Rothenhäusler zu sehen.

Cana Bilir-Meier

Cana Bilir-Meier (*1986 in München) ist Filmemacherin und Künstlerin. Ihre Filme, Texte, Zeichnungen und Performances widmen sich aus einer oft persönlichen Perspektive den widerständigen und unsichtbaren Aspekten migrantischer Lebensrealitäten und Biografien. Durch verschiedene Perspektiven und die Verknüpfung von Dokumentar- und Archivmaterial entwickelt sie essayistische Reflexionen über Migration und Geschichte, Erinnerung und Archivierung. Insbesondere interessiert sich Bilir-Meier für nicht erzählte oder ausgeblendete Geschichte(n) migrantischer Lebenswelten, die sie in privaten und öffentlichen Archiven aufspürt.

Double Standards

Chris Rehberger, Gründer und Art Director von Double Standards in Berlin, und Matthias Lilienthal verbindet eine langjährige vertrauensvolle Zusammenarbeit. 2003 haben sie gemeinsam die legendäre Boxer-Kampagne für das damals neu gegründete Theaterkombinat HAU in Berlin Kreuzberg entwickelt. Die Plakatkampagne wurde 2007 mit dem Designpreis in Silber ausgezeichnet. Der gemeinsame Weg führte bis nach München, wo Double Standards für die visuelle Gestaltung der Kammerspiele zuständig ist. Es wurden u.a. T-Shirts zum Mitnehmen in der Stadt plakatiert und Rettungsdecken bedruckt. Zum Abschluss der Intendanz von Matthias Lilienthal entwickelten sie die Idee zur Open-Air-Ausstellung mit Postern.

Gregor Hildebrandt

Gregor Hildebrandt wurde 1974 in Bad Homburg v. d. Höhe geboren. In seinen Bildern und Installationen verarbeitet er analoge Datenträger. So entstehen aus verformtem Vinyl, Kassettenschachteln oder direkt auf Leinwand angebrachten Tonbändern minimalistische Werke, denen durch die musikalische Vorgeschichte eine weitere, unsichtbare Dimension hinzugefügt wird. Hildebrandt ist seit 2015 Professor für Malerei und Grafik an der Akademie der Bildenden Künste in München. 2016 wurde ihm der Falkenrot Preis des Künstlerhaus Bethanien verliehen. Seit 1998 lebt und arbeitet er in Berlin.

Anne Imhof

Anne Imhof wurde 1978 in Gießen geboren. Sie studierte Visuelle Kommunikation in Offenbach (2000-2003), gefolgt von einem Studium an der Städelschule in Frankfurt am Main (2008-2012). Für ihre Abschlussarbeit erhält sie den Absolvent*innenpreis. Folgen wird der Preis der Nationalgalerie für junge Kunst in Paris (2015).

Ein Höhepunkt ihrer Karriere ist die fünfstündige Performance „Faust“ im deutschen Pavillon der Biennale in Venedig, für die sie den Goldenen Löwen gewinnt. Im Mai 2020 wäre in Kammer 2 ein Gespräch und Konzert anlässlich der Veröffentlichung des Albums „Faust“ mit Anne Imhof, Eliza Douglas und Billy Bultheel geplant gewesen.

Wie bei allen Performances seit „Angst II“ spielt auch in Imhofs Beitrag für „Welt ohne Kunst“ ihre Lebensgefährtin Eliza Douglas eine zentrale Rolle. Sie selbst ist Malerin, Konzeptkünstlerin, Musikerin, Performerin. Sie ist häufig das Gesicht der Performances und Fotografien.

Elfriede Jelinek

Elfriede Jelinek, 1946 geboren, hat für ihr literarisches Werk zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter den Georg-Büchner-Preis und den Franz-Kafka-Literaturpreis. 2004 wurde ihr der Nobelpreis für Literatur verliehen. Zum Abschluss der Intendanz von Matthias Lilienthal und seinem Team an den Münchner Kammerspielen hat sie einen Text verfasst („Fortgehen mit wem“). Sie hat eingewilligt, dass ein Zitat aus dem Text Teil der Plakataktion „Welt ohne Kunst“ wird.

Henrike Naumann

Henrike Naumann (geboren 1984 in Zwickau, DDR) lebt und arbeitet in Berlin. Naumann reflektiert gesellschaftspolitische Probleme auf der Ebene von Design und Interieur und erkundet das Reibungsverhältnis entgegengesetzter politischer Meinungen im Umgang mit Geschmack und persönlicher Alltagsästhetik. In ihren immersiven Installationen arrangiert sie Möbel und Objekte zu szenografischen Räumen, in welche sie Video- und Soundarbeiten integriert. In Ostdeutschland aufgewachsen, erlebte Henrike Naumann in den 90er Jahren die rechtsextreme Ideologie als dominante Jugendkultur. Ihre Praxis reflektiert die Mechanismen der Radikalisierung und deren Zusammenhang mit persönlicher Erfahrung. Der Fokus ihrer Arbeit erweitert sich hierbei in Auseinandersetzung mit der globalen Verbindung von Jugendkulturen und deren Rolle im Prozess von kulturellem Othering.

Ihre Arbeiten wurden international ausgestellt, u.a. im Haus der Kunst, München/DE (2020); Museum der Bildenden Künste, Leipzig/DE (2019); Belvedere 21, Wien/AT (2019); Museum Abteiberg, Mönchengladbach/DE (2018); Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main/DE (2018); steirischer herbst, Graz/AT (2018); Busan Biennale, Busan/KR (2018); Ghetto Biennale, Port-au-Prince/HT (2016); Musée d'Art Contemporain und Multimédia, Kinshasa/CG (2016).

Rabih Mroué

Rabih Mroué, in Beirut geboren, lebt derzeit in Berlin. Er ist Theaterregisseur, Schauspieler, bildender Künstler und Dramatiker und Mitherausgeber für The Drama Review (TDR, New York). Er ist außerdem Mitbegründer des Beirut Art Center (BAC) und war Stipendiat am Internationalen Forschungszentrum Interweaving Performance Cultures (FU Berlin, 2012 - 2015). Seine Arbeiten umfassen: „Sand in the Eyes“ (2017), „Riding on a Cloud“ (2013), „33 Rounds and a few seconds“ (2012), „The Pixelated Revolution“ (2012), „The Inhabitants of images“ (2008), „Who’s Afraid of Representation“ (2005) u.a. Dieser Werkkörper, Performances und Ausstellungen, ist international zu sehen, u.a. bei der dOCUMENTA (13), CA2M Centro de Arte Dos de Mayo (Madrid), The ICP Triennial, MoMa (New York), Centre Pompidou (Paris), SALT - (Istanbul). In der Spielzeit 2015/16 inszenierte Rabih Mroué mit „Ode to Joy“ erstmals an den Münchner Kammerspielen. Im Februar 2017 war an den Münchner Kammerspielen die Werkschau „Image War Machine“ zu sehen. In diesem Rahmen hatte die Arbeit „Rima Kamel“ Premiere. In der Spielzeit 2018/19 feierte mit „Kill the Audience“ seine dritte Arbeit an den Kammerspielen Premiere.

Philippe Quesne

Philippe Quesne, geboren 1970, studierte Bildende Kunst, visuelle Gestaltung und Bühnenbild in Paris. Zunächst entwarf er Bühnenbilder und Designs für Opern, Konzerte, Theaterperformances und Kunstausstellungen. 2003 rief er in Paris das Vivarium Studio ins Leben, ein Labor für theatralische Innovation, in dem Maler*innen, Schauspieler*innen, Tänzer*innen und Musiker*innen zusammenarbeiten. Philippe Quesne konzipiert und inszeniert Performances, deren Dramaturgie auf einer starken Verbindung zwischen Raum, Bühnenbild und Körpern basiert. Seine Bühnenbilder werden oft zu Arbeitsstudios oder „Vivarien“, die einen Mikrokosmos darstellen. Zu seinen Arbeiten gehören u.a. „L’Effet de Serge“ (2007), „La Mélancolie des Dragons“ (2008), „Big Bang“ (2010), „Pièce pour la Technique du Schauspiel de Hanovre“ (2011) und „Next Day“ (2014). Seine multidisziplinären Performances sind international auf Festivals zu sehen. Seit 2014 leitet Philippe Quesne das Theater Nanterre-Amandiers in Paris. Mit „Caspar Western Friedrich“ inszenierte Philippe Quesne in der Spielzeit 2015/16 erstmals an den Münchner Kammerspielen. Seine freien Arbeiten, wie z.B. „Die Nacht der Maulwürfe“ oder „Crash Park – Das Leben einer Insel“ waren regelmäßig an der Kammerspielen zu Gast. In der Spielzeit 2018/19 inszenierte Quesne außerdem erneut an den Münchner Kammerspielen mit dem Ensemble: „Farm Fatale“.

Milo Rau

Milo Rau, geboren 1977 in Bern, ist Theater- und Filmemacher und mit Beginn der Spielzeit 2018/19 künstlerischer Leiter des Nationaltheater Gent. Rau studierte Germanistik, Romanistik und Soziologie in Zürich, Berlin und Paris. Als Theaterautor und -regisseur ist Rau ebenso in der freien Szene wie an Stadttheatern tätig gewesen. 2007 gründete er das International Institute of Political Murder (IIPM) als Produktionsfirma für seine „multimediale Bearbeitung historischer oder gesellschaftspolitischer Konflikte“. 2012 wurde Rau mit „Hate Radio“, einem Reenactment einer Sendung des Völkermordradios RTLM in Ruanda, zum Festival „Radikal jung“ und zum Berliner Theatertreffen eingeladen. 2014 wurde er mit einem der neu ins Leben gerufenen Schweizer Theaterpreise sowie für „Civil Wars“ mit dem Preis des Festivals Politik im Freien Theater ausgezeichnet. Im November 2015 erhielt Milo Rau den ersten Konstanzer Konzilspreis „für europäische Begegnungen und Dialog“. 2017 übernahm er die Saarbrücker Poetikdozentur. Mit seinen Arbeiten wie „Five Easy Pieces“, „Die Wiederholung“, „Orest in Mossul“ war Milo Rau regelmäßig an den Münchner Kammerspielen zu Gast.

Tobias Rehberger

Tobias Rehberger (*1966 in Esslingen am Neckar) lebt und arbeitet in Frankfurt am Main und Berlin. Seit 2001 ist er Professor für Bildende Kunst an der Städelschule Frankfurt. 2009 gewann er bei der 53. Biennale in Venedig den Goldenen Löwen für seine Installation mit dem Titel „Was du liebst, bringt dich auch zum Weinen“. Tobias Rehberger ist ein Grenzgänger zwischen Kunst, Design und Architektur. Seine Kunst will nicht nur im Museum stehen, sondern findet auch im öffentlichen Raum statt. Er schafft begehbare Environments, spielt mit der Erwartungshaltung an Bildende Kunst und interveniert im Stadtraum. Rehbergers Kunst ist nie nur zum Anschauen, sondern auch und gerade zum Erleben.