Kammer 1

WARTESAAL

Nach dem Roman „Exil“ von Lion Feuchtwanger

Inszenierung: Stefan Pucher

Schauspiel

Hoffentlich geht es bald vorüber, denken derzeit viele Menschen mit Blick auf die Trump-Präsidentschaft, die Erfolge rechtspopulistischer Parteien und die „Flüchtlingskrise“. Sie befinden sich in einer Art ohnmächtigem Wartezustand. Wie handelnd tätig werden, wenn die Krisen der Zeit weit über den Einzelnen hinausreichen? Der Münchner Schriftsteller Lion Feuchtwanger wird aktiv, indem er zwischen 1930 und 1939 die „Wartesaal-Trilogie“, bestehend aus den Romanen „Die Geschwister Oppermann“, „Erfolg“ und „Exil“, schreibt. Ohne zu wissen, was die Zukunft bringen wird, gelingt es ihm, das Leben unter dem Nazi-Regime auf geradezu unheimliche Art und Weise plastisch zu machen. Feuchtwanger zeigt Menschen, die zu handeln versuchen, ohne die unaufhaltsam heraufziehende Katastrophe abwenden zu können. Nur sich selbst können sie retten, wenn überhaupt. Der Regisseur Stefan Pucher, der in der Spielzeit 2015/16 T.C. Boyles Roman „América“ an den Kammerspielen inszenierte, stellt in „Wartesaal“ den Zustand des Exils in den Mittelpunkt. Wie einen Halt finden, wenn es die Heimat nicht mehr gibt? Wenn der Übergang einfach nicht vorübergeht.

Mit freundlicher Unterstützung des Fördervereins der Münchner Kammerspiele.

Uraufführung am 25. November 2017

Hinweis zu Brecht und Feuchtwanger ...

... deren Werke „Trommeln in der Nacht“ und „Wartesaal“ in der Spielzeit 17/18 beide an den Kammerspielen zu sehen sind.


Dass Bertolt Brecht seine ersten Schritte als Dramatiker gehen konnte und an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt wurde, ist nicht zuletzt seinem Förderer Lion Feuchtwanger zu verdanken, der in einer der Figuren seiner „Wartesaal“-Trilogie auch ein erstes literarisches Porträt von Brecht zeichnete. Die enge Verbindung der beiden Autoren zeichnet sich in der Spielzeit 2017/18 durch zwei aufeinanderfolgende Premieren an den Kammerspielen ab: „Wartesaal“ von Lion Feichtwagner kommt im November 2017 in der Regie von Stefan Pucher raus während „Trommeln in der Nacht“ von Bertolt Brecht kaum einen Monat später im Dezember 2017 in der Regie von Hausregisseur Christopher Rüping Premiere hat. Nach seiner Lektüre von „Trommeln in der Nacht“ hat Feuchtwanger nicht nur vorausschauend formuliert, dass mit Brecht ein Dichter in die Öffentlichkeit getreten ist, der „über Nacht das dichterische Antlitz Deutschlands verändert“ hat. Feuchtwanger hat auch eine inhaltliche Zusammenfassung von „Trommeln in der Nacht“ formuliert, die nicht nur Brechts Stück auf knappste Weise zusammenfasst, sondern durch die Beschreibung des Kollegen auch Feuchtwangers selbst in Humor und Sensibilität sichtbar werden lässt:

„Einer hat Kot und Not des Krieges mitgemacht, war gefangen in Afrika, Knochen und Mark sind ihm verdorrt, wie durch ein Wunder ist er herausgekommen. Und nun ist er zurück, und sein, des Verschollenen, Mädel hat ein anderer, und von dem anderen hat sie ein Kind im Bauch, und er ist lächerlich, ein Gespenst, sehr fehl am Ort, und ohne Geld. Und er geht hin, oder vielmehr es nimmt ihn hin, und er wird die Stimme der Revolution, wird, in einer der erfülltesten Szenen des deutschen Theaters, Spartakus’ Stimme. Und jetzt kommt dieser tief verwirrende, atemhemmende letzte Akt mit seiner genialen komplizierten und doch so selbstverständlichen Pointe, selbstverständlich, weil sie eben nicht aus der Ratio, sondern geradewegs aus dem Blut stammt. Das Mädel nämlich geht dem Revolutionsmann nach, durch alles Geschieße und alle Gefahr, und da sieht er ihr Gesicht, und er lässt die Zehntausende, die er wild gemacht hat, einfach stecken und kaputtgehen wie Fliegen und geht heim mit dem Mädel und sieht nur ein großes, weißes Bett und sich und das Mädel.“ Lion Feuchtwanger über TROMMELN IN DER NACHT