Kammer 1

TROMMELN IN DER NACHT

VON/NACH BERTOLT BRECHT

Inszenierung: Christopher Rüping, Christopher Rüping

Schauspiel

Münchner Kammerspiele, 29. September 1922, Uraufführung „Trommeln in der Nacht“ – Nach jahrelanger Kriegsgefangenschaft kommt ein Mann ins aufständische Berlin zurück. Der erste Weg führt ihn zu seiner einstigen Geliebten. Dort, im Wohnzimmer ihrer Eltern, erfährt er, dass die Frau sich soeben mit einem anderen verlobt hat, einem Kriegsgewinnler, der eines Tages die Fabrik des Vaters in die Zukunft führen soll. Aus Enttäuschung und Wut wendet sich der Mann den sozialistischen Straßenkämpfen zu und wird zum wichtigen Akteur im Spartakusaufstand gegen die konservative Regierung. Die gewaltsame Besetzung des Zeitungsviertels durch die Aufständischen steht unmittelbar bevor. Da besinnt sich die Frau und verlässt ihren Neu-Verlobten, um ihren einstigen Geliebten zurückzuholen. Dieser, vor die Wahl zwischen seiner Frau und dem Aufstand gestellt, zögert kurz, bevor er sich entscheidet.

… TROMMELN IN DER NACHT VON BERTOLT BRECHT
In der Variante, die Brecht 1922 ersonnen und mit der er Zeit seines Lebens gehadert hat, entscheidet Kragler sich für den Rückzug ins Private: Er lässt die Aufständischen stehen und geht mit seiner Frau nach Hause.
Termine dieser Version: 23. Juni, 13. Juli

… TROMMELN IN DER NACHT NACH BERTOLT BRECHT
In der Variante, die Christopher Rüping gemeinsam mit seinem Ensemble nach Skizzen von Bertolt Brecht entwickelt hat, entscheidet Kragler sich gegen den Rückzug ins Private und für den Aufbruch ins Politische: Er lässt Anna stehen und zieht mit den Revolutionären ins Zeitungsviertel.
Termine dieser Version: 13. Juni, 6. Juli

Die beiden Versionen von TROMMELN IN DER NACHT - einmal als Liebes-, einmal als Revolutionsgeschichte - werden an den Kammerspielen abwechselnd gespielt.


Nach „Der Spieler“, „Hamlet“ und zuletzt „Miranda Julys Der erste fiese Typ“ inszeniert Christopher Rüping, Hausregisseur der Kammerspiele, das Stück mit zwei verschiedenen Schlussvarianten, die abwechselnd auf dem Spielplan stehen. Dass die Uraufführung vor fast 100 Jahren an den Kammerspielen stattfand, ist dabei mehr als nur ein Detail.





With English surtitles. For our seating recommendations please click here.


Mit

Hannes Hellmann, Nils Kahnwald, Christian Löber, Wiebke Mollenhauer, Wiebke Puls, Damian Rebgetz

Inszenierung

Christopher Rüping

Bühne

Jonathan Mertz

Kostüme

Lene Schwind

Video

Susanne Steinmassl

Musik

Paul Hankinson, Christoph Hart, Jonas Holle, Matze Pröllochs, Damian Rebgetz

Licht

Christian Schweig

Dramaturgie

Katinka Deecke, Valerie Göhring, Matthias Pees

Eingeladen zum

Theatertreffen 2018
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Premiere am 14. Dezember 2017

pressestimmen

Brecht revisited“ eine akustische Zeitreise auf Bayern 2 von Sven Ricklefs

„(...) Bertolt Brecht’s “Drums in the Night,” (…) has been given a sweaty, exciting and somewhat messy production at the hands of the director Christopher Rüping at the Münchner Kammerspiel, the theater where the play premiered in 1922. (...)
Mr. Rüping’s production shows you can have it both ways, with two slightly altered versions (one listed as “by Brecht”; and the other as “based on Brecht”) that alternate on the theater’s schedule. Both versions, however, end with the plywood set being torn down and noisily fed into a wood chipper, one the director’s many inspired choices in this fast-moving and unpredictable staging. Mr. Rüping has other tricks up his sleeve, which seem contrived to alienate the audience as much as to engage with it. (...)
The small cast performs with admirable cohesion and intensity, (…).
Leaving the theater on the elegant Maximilianstrasse, Munich's Fifth Avenue, you might feel shaken, spent or exhilerated. (...) the sense of discombobulation that Mr. Rüping’s production leaves you with is a small taste of what it’s like to be a stranger in a strange land.“
(New York Times)

„Rüpings Inszenierung wahrt in der ersten Hälfte die Form des auf die Farce heruntergekommenen bürgerlichen Trauerspiels. … In der zweiten Hälfte, als sich die Gesellschaft in Richtung Zeitungsviertel treiben lässt, zerfällt die Einheit von Rolle und Akteur: Ob Kragler zu seiner untreuen Anna heimkehren oder eine neue Heimat in der Revolution suchen soll, darüber berät das an die Oberfläche gespülte kollektive Unbewusste.“
(FAZ)

„Für die ersten beiden Akte wurde das Bühnenbild der Uraufführung rekonstruiert: Windschiefe Wolkenkratzer wie aus Kinderzeichnungen überschatten das Guckkästchen des repräsentativen bürgerlichen Heims. Auch die Gesten und Phrasen der Schauspieler wirken wie ausgeschnitten. Diese Zitatästhetik ist dem Collageverfahren des Textes kongenial. Wenn Wiebke Puls sich als Rabenmutter im expressionistischen Solotanz verrenkt, glaubt man sich in einen Scherenschnittfilm von Lotte Reininger versetzt. Und man sieht: Dass es für Schauspieler in den Kammerspielen nichts mehr zu tun gebe, ist ein Gerücht.“
(FAZ)

„Im letzten Bild werden Mond und Kulissen durch einen Häcksler gejagt. Deutlicher kann man nicht zeigen, dass man gefälligst nicht so romantisch glotzen soll. Starker Beifall für eine starke Inszenierung.“
(Augsburger Allgemeine)

„Vollends von der historischen Reminiszenz gelöst und gegen den Strich gebürstet ist der vierte Akt. Aber gerade diese überraschende Verweigerung aller Brecht-Konventionen verleiht den Szenen eine wunderbar spröde Poesie.“
(Münchner Merkur)

„Und plötzlich ist alles große Oper, von hinten wallt im Gegenlicht Nebel, und der Zuschauer glotzt, wenn schon nicht romantisch, so doch verblüfft angesichts dieses Einbruchs lupenreiner Romantik.“
(Münchner Merkur)

„Mit der Neuinszenierung an den Kammerspielen kann man ein Stück frisch wiedererkennen, das verschwunden war. Die wilde Sprache, die Entlarvung der Phrasen des Bürgers, der Politik in Krieg und Revolution, der „Zeitungen“ (heute: Medien) und des Theaters als Jahrmarktsbude: Das alles zeigt die Geburt des epischen Theaters aus dem Geiste des Panoptikums.“
(Die Abendzeitung)

Hinweis zu Brecht und Feuchtwanger ...

... deren Werke „Trommeln in der Nacht“ und „Wartesaal“ in der Spielzeit 17/18 beide an den Kammerspielen zu sehen sind.


Dass Bertolt Brecht seine ersten Schritte als Dramatiker gehen konnte und an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt wurde, ist nicht zuletzt seinem Förderer Lion Feuchtwanger zu verdanken, der in einer der Figuren seiner „Wartesaal“-Trilogie auch ein erstes literarisches Porträt von Brecht zeichnete. Die enge Verbindung der beiden Autoren zeichnet sich in der Spielzeit 2017/18 durch zwei aufeinanderfolgende Premieren an den Kammerspielen ab: „Wartesaal“ von Lion Feuchtwanger kommt im November 2017 in der Regie von Stefan Pucher raus während „Trommeln in der Nacht“ von Bertolt Brecht kaum einen Monat später im Dezember 2017 in der Regie von Hausregisseur Christopher Rüping Premiere hat. Nach seiner Lektüre von „Trommeln in der Nacht“ hat Feuchtwanger nicht nur vorausschauend formuliert, dass mit Brecht ein Dichter in die Öffentlichkeit getreten ist, der „über Nacht das dichterische Antlitz Deutschlands verändert“ hat. Feuchtwanger hat auch eine inhaltliche Zusammenfassung von „Trommeln in der Nacht“ formuliert, die nicht nur Brechts Stück auf knappste Weise zusammenfasst, sondern durch die Beschreibung des Kollegen auch Feuchtwangers selbst in Humor und Sensibilität sichtbar werden lässt:

„Einer hat Kot und Not des Krieges mitgemacht, war gefangen in Afrika, Knochen und Mark sind ihm verdorrt, wie durch ein Wunder ist er herausgekommen. Und nun ist er zurück, und sein, des Verschollenen, Mädel hat ein anderer, und von dem anderen hat sie ein Kind im Bauch, und er ist lächerlich, ein Gespenst, sehr fehl am Ort, und ohne Geld. Und er geht hin, oder vielmehr es nimmt ihn hin, und er wird die Stimme der Revolution, wird, in einer der erfülltesten Szenen des deutschen Theaters, Spartakus’ Stimme. Und jetzt kommt dieser tief verwirrende, atemhemmende letzte Akt mit seiner genialen komplizierten und doch so selbstverständlichen Pointe, selbstverständlich, weil sie eben nicht aus der Ratio, sondern geradewegs aus dem Blut stammt. Das Mädel nämlich geht dem Revolutionsmann nach, durch alles Geschieße und alle Gefahr, und da sieht er ihr Gesicht, und er lässt die Zehntausende, die er wild gemacht hat, einfach stecken und kaputtgehen wie Fliegen und geht heim mit dem Mädel und sieht nur ein großes, weißes Bett und sich und das Mädel.“ Lion Feuchtwanger über TROMMELN IN DER NACHT