Kammer 1

Schicksale

von Mitarbeiter*innen der Kammerspiele in der NS-Zeit

Vortrag und Lesung

Die Herrschaft der Nationalsozialisten in den Jahren 1933 bis 1945 führte zu Verfolgung, Vertreibung und Ermordung – auch von Mitarbeiter*innen der Münchner Kammerspiele. Wir möchten an diese Opfer der Gewaltherrschaft erinnern. Den Abend leitet Prof. Brechtken (Institut für Zeitgeschichte) mit einem Vortrag zur Geschichte des Nationalsozialismus in München ein. Ensemblemitglieder*innen Zeynep Bozbay und Stefan Merki lesen aus Briefen und Archivmaterial, die Zeugnis ablegen zu den Schicksalen von Kammerspiele-Mitarbeiter*innen in der NS-Zeit.

Die Erzählung über die Münchner Kammerspiele im Nationalsozialismus wird üblicherweise beherrscht von der Figur Otto Falckenberg, langjähriger Intendant in der Weimarer Republik und während der gesamten NS-Zeit. Seine 1944 erschienene Biographie „Mein Leben – mein Theater“, zusammengestellt vom damaligen Chefdramaturgen Wolfgang Petzet, ist so geschrieben „als ob es überhaupt kein Drittes Reich gäbe“. In der von Wolfgang Petzet 1973 nachträglich veröffentlichten Gesamtschau „Theater – Die Münchner Kammerspiele 1911 - 1972“ rechtfertigt er, dass Falckenbergs Biographie in den 1940er Jahren so geschrieben worden sei, dass „später nichts zu ändern, sondern lediglich das Fehlende, das Ungesagte hinzuzufügen wäre“. Doch auch hier reicht ein Blick in das Personenverzeichnis, um festzustellen, dass viele Protagonist*innen der frühen Jahre der Münchner Kammerspiele in der Erzählung des Theaters kaum auftauchen. Sie wurden ausgelassen.

Diese fehlenden, ungesagten Schicksale aufzuspüren, an sie zu erinnern und sie in die Erzählung des Hauses einzuweben ist Anspruch eines andauernden Rechercheprozesses. Bisher fehlende, ungesagte Schicksale tragen wir in die Kammer 1 – dem Ort an dem viele frühere Kolleg*innen wirkten. 1926 kamen die Münchner Kammerspiele an die Maximilianstraße. Bereits 1933 mussten viele rasch die Stadt verlassen. Diese Verfolgten und Ermordeten fanden bisher kaum Erwähnung.

Unsere Recherchen haben bisher über 70 Schicksale versammelt. Als vorläufige Bestandsaufnahme möchten wir an die Opfer von Flucht, Vertreibung und Mord unter den Mitarbeiter*innen der Münchner Kammerspiele erinnern und zwar nicht als bloßes Erinnerungstheater, sondern im Sinne einer fortlaufenden Gegenwartsbewältigung, also der Aufforderung, „die Gegenwart so einzurichten, dass sich die gewaltvolle deutsche Vergangenheit nicht wiederholt. Die Gegenwartsbewältigung strebt also keine Normalität oder Läuterung an, sondern das Bewusstsein, dass es der permanenten Arbeit an sich selbst und der Gesellschaft bedarf.“ (Max Czollek)


Vortrag Prof. Magnus Brechtken (Institut für Zeitgeschichte) Es lesen Zeynep Bozbay und Stefan Merki, Recherche Klaus und Janne Weinzierl, Sibylle von Tiedemann Dramaturgie Martín Valdés-Stauber

In Kooperation mit dem

Institut für Zeitgeschichte München-Berlin
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