Kammer 1

KAKTEE / CACTÁCEA

VON ALBERTO VILLARREAL / LUNA MORENA, IN SPAN. SPRACHE MIT DT. ÜBERTITELN

Performance

Der aus Mexico City stammende Autor und Regisseur Alberto Villareal zählt zu den radikalsten und wortgewaltigsten Vertretern eines jungen Theaters, das die Hinterlassenschaften des Kolonialismus – auch und gerade im Hinblick auf den Zusammenhang zwischen ästhetischen, historischen und politischen Fragestellungen – aufarbeiten und überwinden will.

Das Stück „Cactácea“ wurde vom Londoner „Royal Court Theatre“ in Auftrag gegeben, um den vor zehn Jahre begonnenen Austausch mit der brodelnden zeitgenössischen Theaterszene in Mexiko zu würdigen und fortzusetzen. Alberto Villareal war gebeten worden, einen Text über kollektive Identität und die imaginären Anteile in Vorstellungen einer Nation zu schreiben und zu inszenieren. Das Ergebnis ist eine Mischung aus theatraler Installation und performativem Essay, getragen von starken, hypnotischen Bildern, die auf unterschiedlichen Zeitebenen angesiedelt und gleichermaßen mit mythischen und popkulturellen Referenzen gesättigt sind.

Der Text besteht aus vier Teilen. Er handelt vom Ursprung des Landes in der Kultur der Ureinwohner Mexikos und den daran geknüpften Vorstellungen und Projektionen; was als gesellschaftliche und politische Realität angesehen wird, trägt immer auch einen Anteil von Halluzination in sich. Es geht um die Ethymologien des Wortes „Mexiko“; sie zeigen, wie vielfältig und paradox die Spuren seiner Herkunft sind.

Von dem Plan des Eroberers und Kolonialisten Hernán Cortés, auf neuem Gebiet eine göttliche Stadt zu gründen, bewegt sich der Gedankenstrom hin zum Internet als ein virtuelles Territorium, das seine eigenen Gründungsmythen, seine eigenen Bürger und seine eigenen Vorstellungen von Loyalität in Zeiten des Krieges und des Friedens erschafft. Das Stück, in der hier vorliegenden Fassung, beginnt mit einem Prolog, der auf den bizarren Ideen des mexikanischen Videokünstlers, Webaktivisten und Verschwörungstheoretikers Randy Prozac basiert.

Die Inszenierung ist auch das Ergebnis einer Einladung der Puppentheaterkompanie Luna Morena aus Guadalajara, die mit dieser Produktion im Sommer 2016 ihren 15. Geburtstag beging. In einem gemeinsamen Arbeitsprozess hat Alberto Villarreal gemeinsam mit der Truppe ein komplexes System performativer Situationen geschaffen, das Schauspiel und Marionettentheater, Jahrmarktattraktionen und Videobilder, die von einer Drohne aufgenommen werden, kunstvoll miteinander verzahnt. Die zum Einsatz kommenden Puppen wurden extra für diesen Anlass angefertigt.

Die Erstaufführung von „Cactácea“ fand in einem alten Kino statt, das während der 30er Jahre in Guadalajara erbaut wurde. Sämtliche Vorstellungen waren ausgebucht. Die Inszenierung rief kontroverse und leidenschaftliche Diskussionen hervor. Für die Aufführung in den Münchner Kammerspielen bringen Alberto Villarreal und Luna Morena eine speziell für dieses Theater und das deutsche Publikum entwickelte Version auf die Bühne.

Der mexikanische Historiker und Philosoph Edmundo O’Gorman schreibt, der amerikanische Kontinent sei nicht „entdeckt“, sondern „erfunden“ worden. „Cactácea“ ist das Theater dieser Erfindung, ein Blick auf das Heilige, auf die Festlichkeiten und die Verbrechen, die sich im halluzinatorischen Ursprung Mexikos verknüpfen. Es bewegt sich auf einen historischen Punkt zu, an dem wir eines Tages das Ende jeder Form von Nation erleben. Vielleicht bewohnen wir in Zukunft virtuelle Heimatländer, die so faszinierend sind wie die Virtualität, die auf den Namen „Mexiko“ hört.


MIT Andrés David, Lorena Ricaño, Carolina Ramos, Fátima Ramírez, Daniel Macías, Oz Jiménez AUTOR, REGIE, SOUNDDESIGN, RAUM- UND LICHTKONZEPT Alberto Villarreal KÜNSTLERISCHE LEITUNG PUPPENSPIEL Miguel Angel Gutiérrez PRODUKTION Aholibama Castañeda REGIEASSISTENZ Alejandro León PRODUKTIONSASSISTENZ Mariana de León KOSTÜM Esmirna Barrios, KREASKY KOSTÜMASSISTENZ Pepe Romero und Danitza Castañeda TECHNISCHE LEITUNG Américo García TECHNISCHE ASSISTENZ Francisco Ramírez, Gilberto Casas Zavaleta, Gerardo Hernández und Humberto Estrada TON Jorge A. González “Cuervo” GESTALTUNG HANDPUPPEN Américo García, Claude Rodrigue, Rita Basulto, Iker Vicente, Humberto Galicia, Armando Hernández, Nicolás López, Alondra García, Rubén Castellanos, Arturo Castellanos, Álvaro Sandoval, Miguel Angel Gutiérrez BILD-DESIGN UND ILLUSTRATION LAGO; César Rocca, Humberto Vanhuten, René Hernández

Eine Produktion von Luna Morena Taller Experimental de Títeres und Laboratorio de Arte Variedades (LARVA)


Teil von ENDSTATION SEHNSUCHT – THEATER IN MEXIKO: EIN FESTIVAL ÜBER FLUCHT, IDENTITÄT UND DIE DARSTELLBARKEIT VON GEWALT

22. bis 27. November in allen Kammern

Kuratiert von Christoph Gurk und Ilona Goyeneche. In Kooperation mit dem Goethe-Institut Mexiko. Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes. Mit Unterstützung von Secretaría de Cultura de México, Goethe-Institut München und dem Instituto Cervantes.



Neben dem Ticket für die einzelne Veranstaltung ist an der Tageskasse auch ein FESTIVALPASS erhältlich.

FESTIVALPASS (für 6 Tage): 60 Euro / erm. 40 Euro

Zum gesamten Programm geht es hier.