Kammer 2

ORATORIUM

Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis, von She She Pop

„Und aufgebaut haben wir es, damit / Ihr entscheiden sollt / Durch das Sprechen der Wörter und / Das Anhören der Chöre / Was eigentlich los war, denn / Wir waren uneinig.“ (Bertolt Brecht, „Fatzer“) – She She Pop zählen neben Gob Squad oder Rimini Protokoll zu den international renommiertesten VertreterInnen der Freien Theaterszene in Deutschland. In der Spielzeit 2015/2016 debütierte die vor fast 25 Jahren im Dunstkreis des Gießener Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft gegründete Gruppe an den Kammerspielen mit „50 Grades Of Shame“ – einer Repertoireproduktion, die in enger Zusammenarbeit zwischen den PerformerInnen von She She Pop und dem hauseigenen Ensemble entstand. Nun kehren sie mit einem Oratorium, einem Chor-Projekt zum Thema Eigentum nach München zurück.
Eigentum verändert das Bewusstsein, Eigentum trennt Freunde, es erteilt Macht über andere, schließt aus, reduziert Teilnahme. EIGENTUM MACHT SÜCHTIG nach mehr. Eigentum ist selbstverständlich. Nichts ist so konstituierend für unsere Gesellschaft, nichts wirkt so trennend auf die Gemeinschaft, nichts ist so bestimmend für ihre kapitalistischen Strukturen, wie die Idee des Eigentums. Und weil Eigentum Grenzen zieht zwischen „Meinem“ und „Deinem“, wollen She She Pop bei diesem Thema künstlerisch eine Gegenposition beziehen und IM KOLLEKTIV AGIEREN. Angeleitet von Bertolt Brechts Lehrstück-Theorie werden sie über Eigentum sprechen und singen.
Das Libretto für das „Oratorium“, ein Textkörper aus Liedern und Sprech-Chören, entsteht aus einer Recherche im direkten alltäglichen Umfeld der in Berlin ansässigen Theatergruppe. She She Pop führen Interviews mit Personen, die durch besondere Eigentumsverhältnisse in Beziehung zu den PerformerInnen stehen: die ehemalige Nachbarin, die obdachlos geworden ist; die befreundete Künstlerin, die aufgrund einer Eigenbedarfskündigung ihre Wohnung verlassen musste; der Asylsuchende, der in der Zweitwohnung schläft; die Mutter als Erbin einer Textildynastie. Die Interviews werden möglichst breit gestreut geführt und im Anschluss literarisch überformt. Sie werden zu kollektiven Monologen verdichtet oder zu dialogischen Partituren von Solisten und Chor – oder von Chor und Chor. Der Chor nimmt in diesem Konzept eine sinnbildliche Funktion ein. In ihm soll sich zeigen, wie das Weiterreichen von Eigentum, das Erben, ein heimliches Programm ist, das in die Gemeinschaft eingebaut ist, ein Programm, das in dieser Gemeinschaft Risse bildet und sie trennt. Der Chor ist nicht nur ein Bild, in dem unerkannt Arm neben Reich tritt. Man sieht eine Gruppe vorgeblich Gleicher - bevor sie durch das Erben auseinanderfällt.