Stadtraum 1

OLYMPIA 2666

NACH DEM ROMAN VON ROBERTO BOLAÑO, INSZENIERUNG: LIGIA LEWIS, TOSHIKI OKADA, CHRISTOPHER RÜPING, MARIANA VILLEGAS U.V.A., RAUM: BENJAMIN FOERSTER-BALDENIUS / RAUMLABORBERLIN

Schauspiel

ACHT REGIETEAMS ADAPTIEREN DEN ROMAN „2666“ VON ROBERTO BOLAÑO FÜRS THEATER UND ZEIGEN IHN AN ACHT ORTEN IN MÜNCHEN. FÜR ACHT WOCHEN, VON MAI BIS JULI 2020, ENTSTEHT EIN PARCOURS AUS INSTALLATIONEN UND INSZENIERUNGEN, DEN DAS KOLLEKTIV „RAUMLABORBERLIN“ SZENOGRAFISCH VERBINDET.

Zum Abschluss der Intendanz von Matthias Lilienthal stellen sich die Münchner Kammerspiele noch einmal einer großen Herausforderung und locken das Publikum auf eine jeweils 24 Stunden lange Odyssee durch die Stadt. Die drei grundlegenden Ziele und Setzungen, die prägend für die Zeit von Matthias Lilienthal an den Kammerspielen gewesen sind, werden mit diesem Projekt auf exemplarische Weise zusammengeführt und verdichtet – die Internationalisierung des Hauses; die Erkundung und Bespielung des Stadtraums mit den Mitteln des Theaters; die Verbindung und Hybridisierung verschiedenster Produktionsformen, die sich während der letzten Jahre zwischen Stadttheater und Freier Szene entwickelt haben.

Das Kollektiv „raumlaborberlin“ verbindet die acht über die Stadt verteilten Spielorte durch eine Szenografie, die zwischen Bühnenbild und Architektur, zwischen Experiment und Dokumentation changiert. Acht künstlerische Positionen, die den Spielplan während der vergangenen fünf Jahre geprägt haben, treffen somit auf die Ästhetik der Architekt*innengruppe aus der Hauptstadt. Auf diese Weise sollen sich vielfältige Formensprachen entwickeln. Zu den Regieteams zählen Hausregisseur Christopher Rüping und Toshiki Okada, ein langjähriger Weggefährte von Matthias Lilienthal. Auch Entdeckungen wie die Choreografin Ligia Lewis oder Mariana Villegas sind dabei.

„2666“, das in der Literaturkritik einhellig als Jahrhundertroman gefeierte Epos von Roberto Bolaño, ist bereits mehrfach in Theaterhäusern gezeigt worden. Noch nie aber wurde der Roman für ein so ausladendes Projekt im Stadtraum inszeniert, als Parcours durch verschiedene Lebenswelten, als 24-Stunden-Spektakel, als Collage unterschiedlichster künstlerischer Handschriften. Genau für ein solches Format bietet sich dieses Jahrhundertbuch mit seinen ausufernden, labyrinthisch verzweigten Handlungssträngen geradezu an – ganz zu schweigen von der Aktualität der verarbeiteten Stoffe.

Der Autor entwirft ein surreales, von der Abwesenheit moralischer Kategorien geleitetes Panoptikum strukturell bedingter Gewalt. Er taucht tief ein in eine Welt asymmetrischer Machtverhältnisse, in die Widersprüche und Kehrseiten der Globalisierung, in die Ökonomien der Ausbeutung und in die Abgründe einer Nekropolitik, in der ein menschlicher Körper nur so viel wert ist wie die durch ihn erbrachte Arbeitskraft. Und es geht um systematische Gewalt gegen Frauen.

Schauplatz des Geschehens ist die Grenzregion zwischen Mexiko und den USA. Nicht erst seit den Plänen des amtierenden US-Präsidenten für den Bau eines Schutzwalls gegen Arbeitsmigrant*innen und Geflüchtete ist sie ein Symbol für den Antagonismus zwischen globalem Norden und Süden. Seit dem Wahlsieg von Donald Trump ist sie aber auch mehr denn je ein Ort, an dem sich die durch voranschreitenden Nationalismus und Rechtspopulismus erzeugten Konflikte beispielhaft zuspitzen.

Beim 24-Stunden-Spektakel der Münchner Kammerspiele wird der Startpunkt das Olympiagelände von 1972 sein – historischer Ort eines gesellschaftlichen Aufbruchs und Sinnbild der optimistischen Versprechungen der Nachkriegsmoderne. Weil es unmöglich und wahrscheinlich auch gar nicht erstrebenswert ist, in Deutschland räumliche Entsprechungen zu den von Bolaño imaginierten Schauplätzen zu finden, werden die ausgesuchten Locations eine möglichst große Differenz zu den düsteren Landschaften aus Bolaños Roman etablieren. Diese bewusst gesetzten Kontraste reflektieren auf einer grundlegenden Ebene über Utopie und Ernüchterung in unserer Gegenwart und Geschichte.

Denn das Projekt der Moderne ist unglaubwürdig geworden. Der Zustand der Welt verwirrend und ernüchternd. Von dieser Grundhaltung ist das Werk des chilenischen Schriftstellers Roberto Bolaño durchzogen. In keinem seiner Bücher ist sie so intensiv und drastisch entfaltet worden wie in „2666“. Er ist das wahnwitzige Protokoll einer Suche, eines Aufbruchs, der letztlich in die Sackgassen der Globalisierung führt. Wer ist dieser Autor, der sich mit wilder Fabulierkunst in die Abgründe der Welt hineinimaginiert?

Roberto Bolaño, 1953 in Chile geboren, verbrachte Teile seiner Jugend in Mexico City. Das war eine seiner Durchgangsstationen auf der Flucht vor der Pinochet- Diktatur in seiner Heimat. Mitte der 1980er Jahre zog er nach Barcelona. Kurz nach seiner Ankunft in Spanien erfuhr er, dass er Hepatitis hat. Mittlerweile Vater geworden, entschloss er sich aufgrund seiner unheilbaren Krankheit, seine schriftstellerische Produktion von schwer verkäuflicher Lyrik auf zugänglichere Formen umzustellen. So entstand innerhalb weniger Jahre ein umfangreiches OEuvre von Romanen und Erzählungen.

Kurz nach der Vollendung seines letzten großen Textes, „2666“, verstarb Bolaño. Das war im Jahr 2003. Obwohl der Autor seinen Roman als ein Buch konzipiert hatte, verlangte er in einer letzten Verfügung die Veröffentlichung von fünf Einzelbänden. Damit beabsichtigte er, seine Familie finanziell abzusichern. Die wiederum entschied sich, das ursprüngliche künstlerische Vorhaben in den Vordergrund zu stellen und alle Teile gemeinsam als ein Werk zu veröffentlichen.

Die fünf in „2666“ versammelten Miniromane stehen in keinem zwingenden Zusammenhang und bilden keine lineare Erzählung. Die Handlung führt von Germanistikkongressen in der Bremer Altstadt in die Wüstenlandschaften Mexikos und von da aus an Stätten des 2. Weltkriegs in Osteuropa. Dennoch durchziehen verschiedene Motive das gesamte Buch und begründen Stränge, die sich miteinander verflechten, dann wieder aufteilen, um an unerwarteter Stelle, keiner Logik folgend, wieder aufzutauchen. Es entsteht eine mäandernde Struktur, in der sich mit jeder Seite nicht nur die Protagonist*innen wandeln, sondern oft genug auch die Erzählhaltung.

Im Laufe der Erzählungen tritt deutlich hervor, was die eigentlichen Themen des Romans sind: Es geht um das Scheitern eines gesellschaftlichen Aufbruchs, das der Autor ex negativo, also als Leerstelle, immer wieder umkreist. Es geht um die Tragödie Lateinamerikas, um eine von Machtkämpfen und Drogenkartellen geschundene Utopie einer Moderne, die bei Nacht betrachtet die Logik des Zivilisationsbruchs vielleicht schon immer in sich getragen hat.

Die reale Mordserie, auf die sich Bolaños Roman bezieht, beginnt Anfang der 1990er Jahre. Bei den auf mittlerweile 1.500 geschätzten Opfern handelt es sich um Menschen, die ihr Geld überwiegend in den Maquiladoras verdienen, jenen Fabriken, in denen Einzelteile zusammengefügt werden, um Waren billig für den Export in den Westen zu produzieren. In den Jahren nach der Veröffentlichung von „2666“ hat sich die Lage zugespitzt: Viele der Betriebe schließen, und die Produktion verlagert sich an Orte mit noch niedrigeren Kosten und schlechteren Arbeitsbedingungen. Die Wirtschaftskrise in den USA zeigt also auch jenseits der Landesgrenzen ihre Wirkung.

Die Morde, das macht Bolaño in „2666“ deutlich, sind nicht einfach eine Fehlentwicklung, sondern konstitutiver Teil einer frauenverachtenden Gesellschaft, in der der Wert des Lebens wie auch der Wert der Waren von denen bestimmt wird, die Macht haben. Die Mörder werden selten gefunden. Auch Bolaño klärt seine Geschichten nicht auf, er löst keine Rätsel. Aber das Scheitern zieht mit jeder Geschichte, die er erzählt, in seiner fundamentalen Ausweglosigkeit immer weitere Kreise. Scheinbar beiläufig kommt der Roman auf den größten Zivilisationsbruch der Geschichte zu sprechen, die Shoa, erzählt als Aneinanderreihung bürokratischer Vorgänge, in ihrer Behäbigkeit und Erbarmungslosigkeit eine Manifestation des Bösen selbst. Ein Thema, das der Autor nicht moralisch bewertet und gerade deshalb seiner Tragweite gerecht wird. Roberto Bolaño hat ein geradezu obsessives Verhältnis zu Deutschland und seiner Kultur. Deutlich zeigt das neben anderen Werken sein Roman „Die Naziliteratur in Amerika“, in dem es um fiktive Biografien ideologisch belasteter Schriftsteller geht.

So macht es vor diesem Hintergrund Sinn, den Olympiapark zum Ausgangspunkt einer ortsspezifischen Inszenierung von Bolaños Roman zu machen. Als vor mehr als 50 Jahren entschieden wurde, dass München Austragungsort für die Spiele sein sollte, war die Bundesrepublik ein Land im Umbruch. Olympia 1972 war gedacht als Gegenentwurf zu den Spielen von 1936 in Berlin. Damals hatte das nationalsozialistische Regime ein faschistisches Spektakel inszeniert. An die Stelle des Wettkampfes sollten in München nun die „heiteren Spiele“ einer aufgeklärten und den Schrecken zweier Weltkriege entwachsenen Weltgemeinschaft treten. Olympia 1972 sollte sich mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzen und zugleich ein Modell für demokratische Transparenz vorlegen.

Was ist aus den architektonischen und gesellschaftlichen Entwürfen der Nachkriegszeit geworden? Wo wäre heute das utopische Potential aufzusuchen? Gerade in München drängt sich gegenwärtig angesichts von Zuzug und Gentrifizierung die Frage auf, wie langfristige und nachhaltige Stadtentwicklung aussehen könnte. Immerhin zeigte sich im Jahr 2015 die Weltoffenheit von damals erneut, als die bayerische Metropole zum Ankunftsort hunderttausender Fliehender wurde. Ihre Ankunft zeigte ihren Bewohner* innen, die durch globale Wertschöpfungsketten und Exporte reich geworden sind, wie sehr die Lebensrealität vor Ort mit den wirtschaftlichen Bedingungen andernorts verflochten ist, welches Leid unsere Lebensweise dort hervorbringt. Wohlstand und Konsum der Einen produziert die Ausbeutung und Armut der Anderen.