Kammer 1

MELANCHOLIA

VON LARS VON TRIER

Inszenierung: Felix Rothenhäusler

Schauspiel

„Eine Frau zu sein, bedeutet noch immer, im rein Psychologischen gefangen zu sein. Ganz egal, wie leidenschaftslos oder groß die Vision von der Welt ist, die eine Frau ausformuliert – wann immer diese Vision ihre eigene Erfahrung und Emotion beinhaltet, wird das Teleskop auf sie selbst zurückgerichtet.“ (Chris Kraus, „I Love Dick“)

Justine sehnt das Ende der Welt herbei, dabei scheint von außen betrachtet in ihrem Leben alles bestens zu laufen. Ihr Freund Michael liebt sie mit Hingabe, ihre Schwester Claire hat für sie ein aufwändiges Hochzeitsfest auf dem wunderschönen Landsitz Eremitage organisiert. Der Chef der Werbeagentur, in der sie arbeitet, behandelt sie als „High Potential“ und befördert sie zum Art Director. Doch all das kann Justine nicht erfreuen. Sie spürt, dass die Welt um sie herum nicht so heil ist, wie die anderen behaupten. Sie sieht, was alle anderen verleugnen: die Katastrophe ist bereits eingetreten. Erst als der Planet Melancholia auf die Erde zurast und eine Kollision unausweichlich ist, wird sie ruhig. Ist Lars von Triers Filmkunstwerk „Melancholia“ die Geschichte einer kranken Frau? Oder ist es eine Erzählung über eine Welt, der man mit Recht den Untergang wünscht? Ist das Ende ein Grund, sich in Düsterkeit zu versenken? Oder kann man ihm gar voller Optimismus entgegensehen? Was geschieht, wenn Planeten ihre gewohnte Umlaufbahn verlassen, und aufeinander treffen? Bei von Trier steckt in der Aussicht des Endes auch die Möglichkeit, dass sich die Dinge noch einmal wenden. Vielleicht zum Besseren.

Felix Rothenhäusler inszenierte an den Kammerspielen zuletzt Ryan Trecartins „The Re’Search“ und Eugène Labiches „Trüffel Trüffel Trüffel“. Lars von Triers apokalyptische Überwältigungsoper „Melancholia“ wird bei ihm zum lustvoll-transparenten Sprech-Denk-Spiel. Das Ende der Welt – etwas ist möglich.


Englische Passagen werden auf Deutsch übertitelt. Bitte beachten Sie, dass die Übertitel nicht von allen Plätzen lesbar sind. Einen Plan mit Sitzplatzempfehlungen finden Sie hier.



Premiere am 15. Juni 2019

pressestimmen

„Dem Regisseur gelingt es, von Triers Film in die Sprache des Theaters zu übersetzen und dabei – zusammen mit seinem gut aufgelegten Ensemble – einen eigenständigen, stimmigen Abend zu kreieren. [...] Die fünf Darsteller auf der Bühne erzählen die Filmhandlung nach, sie reden dabei vor allem über- anstatt miteinander. Das treibt das Gefühl der Isolation, der Fremdheit sehr viel weiter, als es auf der Kinoleinwand möglich ist.“ (Münchner Merkur, Michael Schleicher)

„Es ist der Abend zweier Frauen. [...] Eva Löbau erzählt und spielt Claire. Sie ist das emotionale Moment der Aufführung, erst ostentativ lebensfroh, dann restlos verzweifelt. Man kann sich ihre Claire als die eine Seite derselben Figur denken, deren andere Julia Riedler ist. Sie ist Justine. Aber sie spielt Justine nicht depressiv, sondern durchscheinend, fragil.“ (Süddeutsche Zeitung, Egbert Tholl)

„Zum Schauspielereignis gerät diese Neuinszenierung freilich durch das Frauenduo der beiden Schwestern Justine und Claire: Hinreißend wie Julia Riedler den Wandel von der zunächst so erfolgreichen und vor Lebensfreude schier übersprudelnden Karrierefrau überzeugend darstellt, Michael voll erotischer Hingabe bezirzt und als blondes Partygirl mit dem Publikum lasziv flirtet. Doch zunehmend verfinstert sich ihr Gemüt. Immer trauriger wird sie, melancholischer und letztlich lebensnegierend. Eine schauspielerische Glanzleistung, die darin gipfelt, minutenlang schweigend und apathisch im Zuschauerraum zu sitzen und dabei ihrer Verzweiflung und ihren seelischen Wunden nachzuspüren.
Eine Szene, die selbst hartgesottenen Zuschauern sehr nahe geht. Und nicht minder faszinierend Eva Löbau als Justines Schwester Claire: ein Fröhlichkeits- und Harmoniebolzen mit Sinn für pragmatische Lösungen.” (Donaukurier, Hannes S. Macher)

„Acht Jahre später lassen Regisseur Felix Rothenhäusler und sein Dramaturg Tarun Kade an den Münchner Kammerspielen den Untergang der Erde im Präsens nacherzählen – von denjenigen, die ihn erlebt und damit eigentlich nicht überlebt haben. Insofern kann das Münchner Ende nicht das Ende sein. Noch nicht. Nur eine Warnung, die ohne Zeigefinger auskommt und ohne Special Effects. [...] Mutig ist dieses Erzähltheater allein auf den Zuschauer ausgerichtet. Das niedrige schwarze Plateau, das die Bühne ausfüllt, signalisiert die Versuchsanordnung.” (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Theresa Grenzmann)

„Rothenhäuslers Ansatz ist keineswegs so düster, wie man es angesichts des drohenden Weltuntergangs vermuten würde. Er strebt ein „Theater der Potentialität” an, dass die Perspektive vom Ende der Möglichkeiten zur Möglichkeit der Veränderung verschieben will, so analysiert es der Theaterwissenschaftler Nikolaus Müller-Schöll in einem Text zum Stück.” (taz, Annette Walter)