Kammer 1

LANGE NACHT DER NEUEN DRAMATIK

Die Gewinner_innen des Münchner Förderpreises für deutschsprachige Dramatik 2016 stehen fest: Wilke Weermann (1. Preis für „Abraum“), Nele Stuhler (2. Preis für „Fische“), Sophia Hembeck und Svenja Reiner (3. Preis für „René Pollesch #Twittergott“). Herzlichen Glückwunsch!

Der Publikumspreis wurde nach Abstimmung durch die Zuschauer_innen aufgeteilt auf Joël László („Wiegenlied für Baran“) und Nele Stuhler.

Vielen Dank an alle Beteiligten!

_________________________________________________________________________________________

Zum 4. Mal findet die Lange Nacht der neuen Dramatik statt, um einer Unternehmung, die üblicherweise vor allem im Hintergrund, in Dramaturgien und Verlagen stattfindet, eine Öffentlichkeit zu geben: Theaterstücke zu entdecken, die einfach unbedingt aufgeführt werden müssen.

Die Namen der diesjährigen Talente sind: Sophia Hembeck und Svenja Reiner („René Pollesch #Twittergott“), Joël László („Wiegenlied für Baran“), Frederik Müller („Den größten Blumenstrauß der Welt“), Nele Stuhler („Fische“) und Wilke Weermann („Abraum“). Sie alle verbindet, dass sie unter 35 Jahre alt sind, sie bisher höchstens zwei Werke am Theater aufgeführt haben und noch von keinem Theaterverlag vertreten sind. Eine Jury, bestehend aus Guido Huller (Drei Masken Verlag), Hans-Georg Küppers (Kulturreferent), Jakob Lass (Filmregisseur, u.a. „Love Steaks“), Caroline von Lowtzow (Bayern 2/Zündfunk) und Christopher Rüping (Theaterregisseur und Hausregisseur an den Kammerspielen ab der Spielzeit 2016/17), hat sie aus zahlreichen Einsendungen ausgewählt und nun präsentieren die Kammerspiele deren Texte. Das gesamte Ensemble beteiligt sich an diesen Lesungen, die bewusst keine Inszenierungen sind, sondern den Text ins Zentrum rücken. Ihre Phantasie wird gefragt sein: was würden die Dramen wohl für eine theatrale Energie freisetzen? Welche RegisseurInnen hatten ein Händchen, sie zu inszenieren? Denn, TheatermacherInnen aufgehorcht: diese Stücke werden eben noch nicht uraufgeführt worden sein!

Dass an dem Abend dann auch noch ein Jury-Förderpreis (10.000 Euro) und ein Publikumspreis (5.000 Euro) vergeben werden, die Aufnahme in den Drei Masken Verlag winkt und dieser auch noch zwei Stipendien à 2.500 Euro bereitstellen wird, es also vermeintlich Gewinner unter den Gewinnern geben wird, ist da eigentlich fast nebensächlich (auch wenn wir der Edith und Werner Rieder Stiftung natürlich sehr für diese großzügige Unterstützung danken)!

Eine Kooperation des Kulturreferats der Landeshauptstadt München mit dem Drei Masken Verlag und den Münchner Kammerspielen.



Sophia Hembeck und Svenja Reiner: „René Pollesch #Twittergott“
Texteinrichtung: Kevin Barz
Ausstattung: Veronika Schneider
Dramaturgie: Benjamin von Blomberg
Mit: Niels Bormann, Marie Fischer

Großhirn an Emotio - was hast du da gemacht?! Dumme Dinge! Aber zurück zum Anfang: Nele wurde bei Twitter blockiert, ausgeschlossen, als Freundin abgelehnt. Also für nicht gut genug befunden? Und das auch nicht von irgendeiner digitalen Unbekanntheit – sondern von René Pollesch, dem Messias der Postdramatik. Wie gut, dass die kleine heimische WG gerade genug Raum für Überreaktionen und Missinterpretationen bietet und als Militärbasis für die konternde Shitstorm-Offensive herhält! #HIPSTERKRIEG!

Sophia Hembeck
Geboren 1989, studiert seit 2014 an der Universität der Künste Szenisches Schreiben. Vorher Studium der Theater- und Medienwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum und Inszenierung der Künste und Medien an der Universität Hildesheim. Sie war Teilnehmerin der Schreibklasse am Schauspielhaus Wien, Stipendiatin der Romanwerkstatt der Literaturwerkstatt Graz und Stipendiatin der Dramatikerinnenbörse des Luaga & Losna Kinder- und Jugendtheaterfestivals. Ihr Stück „Die Eroberung der Nutzlosigkeit” wird im Februar am Hans-Otto-Theater in Potsdam im Rahmen des Wildwuchs-Festivals gezeigt.

Svenja Reiner
Geboren 1989, studierte Anglistik, Amerikanistik und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen und anschließend Internationales Kunstmanagement an der Hochschule für Musik und Theater Köln. Seit 2015 Studium der Musikwissenschaft mit einem Schwerpunkt in populärer und zeitgenössischer Musik. 2014 gewann sie mit dem Magazinkonzept standpunktgrau einen Redaktionswettbewerb und ist seitdem Teil der Chefredaktion des Onlinemagazins zu Utopie und Dystopie in der Kultur. Seit Dezember 2015 ist sie die Managerin des Neue Musik Ensembles electronic ID.



Joël László: „Wiegenlied für Baran“
Texteinrichtung: Verena Regensburger
Ausstattung: Marie Häusner
Dramaturgie: Manon Haase
Mit: Stefan Merki, Jochen Noch, Wiebke Puls

Ein Paar sitzt am Küchentisch und kann nicht schlafen. Auf dem Sofa liegt Baran, der schläft und im Schlaf spricht und schreit, in einer fremden Sprache, die die Wachgebliebenen aus ihrer warmen Küche über das Mittelmeer in Richtung Osten mitnimmt. Und dann ist da Samadhi, der eigentlich Robert heißt, und sich wegträumt in eine fernöstliche Welt. Der Flüchtling auf dem Sofa raubt ihnen allen den Schlaf – ein Wiegenlied wollen sie anstimmen, aber es bringt sie nicht zur Ruhe.

Joël László
1982 in Zürich geboren. Schreibt Theaterstücke und Prosa und arbeitet als Übersetzer. Er hat Islamwissenschaft und Geschichte studiert. 2013/14 nahm er am Förderprogramm „Dramenprozessor“ am Theater Winkelwiese, Zürich, teil. Zusammen mit Ariane Koch schrieb er die Kurzstück-Sammlung „Zukunft Europa“ (Theater Marie). Ebenfalls für das Theater Marie erarbeitet er 2016/17 eine Neuübersetzung des ungarischen Theaterstücks „Liliom“ von Ferenc Molnár. 2007 und 2013 wurde er mit Werkbeiträgen des Aargauer Kuratoriums ausgezeichnet.



Frederik Müller: „Den größten Blumenstrauß der Welt“

Texteinrichtung: Anta Helena Recke
Ausstattung: Aleksandra Pavlović
Dramaturgie: Katinka Deecke
Mit: Zeynep Bozbay, Peter Brombacher, Jelena Kuljić, Annette Paulmann

Paul war noch nicht oft verliebt. Einmal hatte er etwas mit einem Freund, aber das war ihm anschließend peinlich. Mit seiner Freundin Rachel, die vielleicht auch ein Junge ist und viel mehr über die Liebe und die Lust weiß als Paul, kann er darüber sprechen. Als Rachel aber die unabhängige und schöne Sara kennenlernt und sich von ihr verführen lässt, verändert sich auch die Freundschaft zu Paul. Gänzlich vorbei mit Rachels Gleichmut ist es, als Sara schwanger von Paul wird. (Oder war es Paul, der schwanger wird?)

Frederik Müller
Regisseur, Autor, Zinemaker und Performancekünstler. Er erarbeitet mit unterschiedlichen Medien Projekte zum radical trans feminism und Britney Spears. Hinter ihm liegt eine kurze Karriere als Singer/Songwriter_in unter dem Pseudonym Herrmann Herman. Er studierte Regie an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg von 2010 bis 2015 (Abschluss mit dem Film „I was born to make you happy“ 2015). Derzeit arbeitet er mit Banafshe Hourmazdi und Golschan Ahmad Haschemi an „Meine Nase läuft - deine Stars hautnah“ (Theater Drachengasse, Wien im April 2016).



Nele Stuhler: „Fische“
Texteinrichtung: Yana Thönnes
Ausstattung: Katharina Schütz
Dramaturgie: Tarun Kade
Mit: Brigitte Hobmeier, Julia Riedler

Fisch und E haben sich festlich in Schale geworfen. Fisch steckt in einem Glas, E befindet sich außerhalb. Sie verhandeln das Miteinander der kleinsten ethischen Einheit: nicht ein Individuum alleine, sondern die Verbindung zweier. In klassischer Sonatenhauptform lässt die Autorin Nele Stuhler die beiden um das ringen, was sie trennt und was sie vielleicht zusammen bringen könnte. Denn es gibt eine romantische Utopie des Zusammenseins: Aus Fisch und E werden FischE.

Nele Stuhler
Geboren in Berlin. Erste Theaterarbeiten am Jugendtheater der Volksbühne, p14. Studium der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen und seit 2014 Teilnehmerin des Lehrgangs „Forum Text“ von uniT Graz. Nele Stuhler ist Mitglied des Theaterkollektivs FUX, deren neueste Arbeit „FUX GEWINNT“ im April in den Münchner Kammerspielen Premiere feiert. Ihre Arbeiten wurden u.a. zum Treibstoff Festival in Basel, zum Premières Festival in Straßburg, zum Körber Studio Junge Regie und zum Fast Forward Festival in Braunschweig eingeladen.



Wilke Weermann: „Abraum“
Texteinrichtung: Swen Lasse Awe
Dramaturgie: Johanna Höhmann
Ausstattung: Sophia May
Besetzung: Hassan Akkouch, Thomas Hauser, Mira Huber, Franz Rogowski, Thomas Schmauser, Samouil Stoyanov

Vier Jugendliche und ein alter Mann leben abseits des Raumes, jenseits der Zivilisation, in einem Steinbruch, nahe am Abgrund dessen, was sich Gesellschaft nennt. Unter ihnen bilden sich immer mehr Konflikte aus: Wen lässt die einzige junge Saskia an sich ran? Nimmt oder findet man den Weg zurück in die Stadt? Alle befinden sich im Schwebezustand, zwischen eigener Unzulänglichkeit, Belanglosigkeit und Zwietracht im Miteinander, bis die Gruppe sich schließlich auflöst – und einer verschwindet.

Wilke Weermann
1992 in Emden geboren. In der Spielzeit 2011/12 arbeitete er am Deutschen Schauspielhaus Hamburg als Regiehospitant und –assistent, 2012/13 am Deutschen Theater Göttingen und 2013/14 am bat Studiotheater in Berlin als Regieassistent. Daneben studierte er Komparatistik und Philosophie an der Freien Universität Berlin bis ihn der Studiengang Regie an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg nach Ludwigsburg führte. Sein Drama „Abraum“ war nominiert für den Retzhofer Dramapreis 2015.



JURY Guido Huller (Drei Masken Verlag), Hans-Georg Küppers (Kulturreferent), Jakob Lass (Filmregisseur, u.a. Love Steaks), Caroline von Lowtzow (Bayern 2 / Zündfunk) und Christopher Rüping (Theaterregisseur und Hausregisseur an den Kammerspielen ab 2016/17)