Kammer 3

KOMMT RUNTER VOM BALKON, SONST HOLT EUCH DER VIETCONG

VON RABIH MROUÉ

Schauspiel

Darf das Theater politisch sein? Und falls ja, auf welche Weise? Diese Fragen beschäftigen den libanesischen Regisseur und Künstler Rabih Mroué in seiner dritten Arbeit an den Münchner Kammerspielen.

Im Mai 1968 kam es nach amerikanischem Vorbild zu „Go-ins“ an den Münchner Kammerspielen: Demonstranten drangen ins Theater ein, um mit dem Publikum zu diskutieren. Sieben Wochen später wiederholte sich der Vorfall im Werkraum der Kammerspiele. Allerdings richteten sich die Proteste nicht gegen die Notstandgesetze,wie im Fall des ersten „Go-ins“, sondern gegen die Theaterleitung. Nach nur drei Vorstellungen hatte sie die Inszenierung „Viet Nam Diskurs“ von Peter Weiss in der Regie von Jungstar Peter Stein abgesetzt. In der Aufführung war unter dem Schlagwort „Waffen für den Vietcong“ Geld gesammelt worden, was der Verwaltungsdirektor unter Androhung von Strafe verbieten lassen wollte. Es kam zu Auseinandersetzungen zwischen der Theaterleitung und dem Ensemble, sodass der als Conférencier auftretende Schauspieler Wolfgang Neuss sich bei der dritten Vorstellung nur unter Protest und mit fast einstündiger Verzögerung bereit erklärte aufzutreten. Das Publikum zeigte sich daraufhin solidarisch und warf seine Spende nach Ende des Stückes statt in einen Hut auf die Bühne. Peter Stein, sein Co-Regisseur Wolfgang Schwiedrzik und Wolfgang Neuss missachteten bewusst die Anweisungen der Theaterleitung und nahmen die Konsequenzen in Kauf. Durch diese Provokation trat die Auseinandersetzung mit dem Krieg in Vietnam in den Hintergrund zugunsten einer Kritik am autoritären Charakter der Institution Stadttheater und einer Solidarisierung mit der 68er-Bewegung.

Diese Kritik stellt die neue Arbeit von Rabih Mroué „Kommt runter vom Balkon, sonst holt euch der Vietcong“ in den Mittelpunkt. Der Skandal um die Geldspenden für Waffenkäufe wirft die Frage auf: Ist Theater überhaupt das probate Mittel für politische Aktionen? Wie weit kann politisches Theater gehen, wenn es sich an die Regeln hält? Was erwartet man von Künstlerinnen und Künstlern in Zeiten des Umbruchs? Die Inszenierung des „Viet Nam Diskurs“ hat 1968 geschafft, was sich viele wünschen und andere fürchten: Das Theater ist auf die Straße gegangen, die Straße ist ins Theater gekommen. Welchen Diskurs braucht es heute, damit das passiert?.