Kammer 1

DIE SELBSTMORD-SCHWESTERN / THE VIRGIN SUICIDES

NACH DEM ROMAN VON JEFFREY EUGENIDES

Inszenierung: Susanne Kennedy

Schauspiel

„The Virgin Suicides" (dt: „Die Selbstmord Schwestern") ist der erste Roman des US amerikanischen Autors Jeffrey Eugenides. In dem Werk – das auch durch die gleichnamige Verfilmung von Sophia Coppola bekannt wurde – erzählt Eugenides vom Leben der Familie Lisbon, einer durchschnittlichen Mittelstands-Familie in einer der Vorstädte Nordamerikas. Mit dem Freitod der jüngsten Schwester Cecilia, die sich aus dem Fenster stürzt, beginnt jedoch das „Jahr der Selbstmorde“. Zusehends offenbart sich, dass im Innern des Einfamilienhauses alle Kinderwünsche und Jugendträume an der kühlen Irrationalität der Eltern scheitern. Eugenides nähert sich dem Leben der fünf Lisbon Schwestern, in dem er die Verarbeitung des Traumas einer benachbarten Gruppe erst zu Männern heranreifenden Jungen zum Anlass nimmt, vor deren Augen sich die pubertierenden Schwestern das Leben genommen haben. Sie verehren die Mädchen und wollen ihre Rätselhaftigkeit und das, was sich im Innern des Hauses abspielt, verstehen. Sie dokumentieren ihre Beobachtungen und teilen sie mit den LeserInnen.
In der Inszenierung von Susanne Kennedy folgen die ZuschauerInnen dem „Jahr der Selbstmorde“ in der Struktur des Tibetanischen Totenbuchs. Die Inszenierung greift die literarische Vorlage fragmentarisch und in Motiven auf. Die Themen Tod und Gedächtnis verbinden sich mit dem Tibetanischen Totenbuch, mit den Texten Timothy Learys, dem US-amerikanischen Psychologen und Erforscher psychedelischer Erfahrungen. Er lädt die ZuschauerInnen zu einer Reise ein und eröffnet möglicherweise eine gegensätzliche Perspektive zu der von Eugenides beschriebenen beklemmend bürgerlichen Welt, indem er unsere gewohnte Wahrnehmung hinsichtlich des Lebens und des Todes befragt.
Die Figuren auf der Bühne vergegenwärtigen ihre Erinnerung an die Mädchen. Sie haben sich zusammengefunden, um ihrer zu gedenken. Sie sind die Begleiter ihres Todes, während sie sich immer wieder neu zu ihnen ins Verhältnis setzen: Mal sind es die Mädchen selbst, die aus ihnen sprechen, mal ihre Beobachtungen von einst. In sich wiederholenden Ritualen ertasten sie ihre Beziehung zu den Lisbons, eröffnen Blicke auf sie und sich selbst.



In Koproduktion mit der Volksbühne Berlin.

Mit

Hassan Akkouch, Walter Hess, Christian Löber, Damian Rebgetz, Ingmar Thilo

Inszenierung

Susanne Kennedy

Bühne

Lena Newton

Kostüme

Teresa Vergho

Video

Rodrik Biersteker

Licht

Stephan Mariani

Sound

Richard Janssen

Dramaturgie

Johanna Höhmann

Uraufführung am 30. März 2017

pressestimmen

„Susanne Kennedy erzählt keine Geschichte, wärmt keinen Roman noch einmal auf, nein, sie versucht mit ihrer ebenso irritierenden wie betörenden Version der 'Selbstmordschwestern' dem Tod selbst eine Bühne zu bieten. Was sie dem Zuschauer damit bietet, ist die Möglichkeit sich diesem und damit auch seinem eigenen Tod nah zu fühlen und sich mit ihm auseinanderzusetzen. Wer dazu bereit ist, dem kann dieses Theater zur Offenbarung werden.“
(BR Kulturwelt, Sven Ricklefs)

„Alles so schön bunt hier. Ein Flash von der ersten bis zur letzten Minute die aufregende Bühnenkonstruktion (Lena Newton), eine Mischung aus begehbarem Hochaltar und säkularem Pop-Gedenkschrein in Gelb, Grün, Rot, Blau und Orange.
Die äußeren Schichten des verzwickten Körper-Seele-Systems geschickt durchlöchernd, schleicht sich dieser Abend schmerzhaft ganz nah heran. An unser Bild von uns selbst. Dieses packende Theater-Tutorial topografischer Anatomie kennt am Ende den entscheidenden Hinweis: 'Enjoy every second.' Wo auch immer.“
(Frankfurter Rundschau, K. Erik Franzen)

„'Das Ziel dieser Reise ist die Ekstase.' So was lässt sich Kennedy nicht zweimal sagen. Ihr unverwechselbarer Inszenierungsstil wirkt wie das erlösende Gegenprogramm zum anachronistischen Realismus des Romans und des Films. Deren ewige Wiederholung des Vertrauten (ohne die keine kommerzieller Massenerfolg möglich ist) zerbricht die Regisseurin durch radikale Künstlichkeit der Darstellung und durch eine Art Total-Verfremdung.
Sensation und Hauptdarsteller des Abend ist aber das Bühnenbild. Eine quietschbunte Kaufhaus-Puppenstube hat Lena Newton in die Kammerspiele gestellt, eine Mischung aus Spielautomat, buddhistischem Tempelschrein und kitschgrellem Barbieparadies voller Bildschirme und blinkender Lichter.“
(Münchner Merkur, Alexander Altmann)

„Lena Newtons Bühne ist ein spektakulärer Tempel, eine poppige Mischung aus Flügelaltar, Tropenhaus und Schaubude. In den seitlichen Vitrinen gedeihen Orchideen neben Cola-Flaschen und Donuts auf Stängeln. Alles blinkt und leuchtet, es ist ein bonbonfröhliches, zauberwürfelbuntes Totenspielkasino.
Susanne Kennedy begreift Theater als Ritual und schafft dafür Bühnenräume, die an Installationen erinnern. Ihre Arbeiten sind radikale Form-Experimente, die mit Überbelichtungen und Video-Irritationen, Gesichtsmasken und Voice-Over-Technik Sehgewohnheiten infrage stellen und Sprache extrem räumlich-körperlich fassen.“
(SZ, Christine Dössel)

„In vielem macht sich Kennedy diese seltsame Mischung aus Ernst, Albernheit und tabuloser Neugier zu eigen, mit der Kinder versuchen, sich einen Zugriff auf die Welt zu verschaffen, wenn noch nicht alle Koordinaten des Bewusstseinsbildungsapparats fest programmiert sind. Und da zeigt sie sich auch diesmal wieder als genuine Theaterkünstlerin, die ihr Medium nicht zur Bebilderung oder Erläuterung sogenannter 'Verhältnisse', sondern zur Komposition eigener hybrider Visionen einsetzt, die das gewohnte Wirklichkeitserleben durchaus befreiend erschüttern können.“
(Theater heute, Silvia Stammen)

„Dieser Abend ist so kitschig wie ein Heiligenbildchen, so durchgeknallt wie ein LSD-Trip und so wahrhaftig wie ein Kleinmädchentraum.
Wer hier alles deuten möchte, ist verloren. Sicher ist nur, dass man in den eineinhalb Stunden, die der Abend dauert, nicht fertig wird mit ihm.
'Accept. Enjoy. Merge. Glorify. Glorify. Glorify' zitiert der Abend einmal Learys Rezept für Reisen aller Art. Akzeptieren und genießen lautet auch die Maßgabe für diesen Abend, in den man sich hineinbegeben sollte wie in ein Karussell: Nicht selbst lenken, sondern sich kutschieren lassen. Wohin auch immer.“
(Nachkritik, Shirin Sojitrawalla)