LMU Studiobühne

K.I.-DISKURS #3: THEATER

VORTRAG VON ULF OTTO – DIE SENTIMENTALITÄT DES THEATERS: WAS ERSCHEINT, WENN DIE MASCHINEN SPIELEN / PANEL MIT STEFAN KAEGI, SUSANNE KENNEDY, JISUN KIM, CHRISTIANE KÜHL // AUF DEUTSCH, EINTRITT FREI

Panel

Digitalität und Künstliche Intelligenz haben die Massenkultur, vor allem die Welt des Pop, grundlegend transformiert. Die Bildende Kunst hat mit der Post-Internet-Art bereits eine eine dieser Thematik gewidmete Sparte hervorgebracht. Nur das Theater beginnt erst allmählich, auf für diese Disziplin offenkundig relevante Veränderungen künstlerisch zu regieren. Welchen Einfluss werden die Entwicklungen in der Welt der Robotik und der Algorithmen künftig auf die Darstellenden Künste haben?


Am 14. Juni um 18 Uhr:

Vortrag: ULF OTTO – Die Sentimentalität des Theaters: Was erscheint, wenn die Machinen spielen

Was erscheint, wenn die Roboter die Bühne betreten und die Informatiker anfangen Theater zu spielen, um ihre Maschine glaubwürdiger erscheinen zu lassen? Kann das Ergebnis ein anderes sein als der doch inzwischen recht unglaubwürdig gewordene ›Mensch‹? Vielleicht bewegt sich der Vortrag von dort in die Geschichte des aufgeklärten Automaten und seines Unheimlichwerdens in der Romantik zurück. Möglicherweise geht es um die Sehnsucht der Theatermoderne nach einem Schauspieler, der sich »nicht ziert« (Kleist). Oder um die Geburt des Roboters in einem melodramatischen Theaterstück der 1920er Jahre? Das genau Weg der Argumentation stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Am Ende jedenfalls steht die Überlegung, ob in unseren posthumanen Zeiten das Theater im klassischen Sinne als Spiegel des Sozialen und ästhetische Erziehungsanstalt nicht in der Tat etwas für die Roboter ist. Die Frage, die dann bleibt und die der Vortrag weder beantworten kann noch möchte, ist dann die, was mit der doppelten Freiheit angefangen werden kann, die uns die Künstliche Intelligenz lässt.

Ulf Otto ist Professor für Theaterwissenschaft mit Schwerpunkt Intermedialitätsforschung am Institut für Theaterwissenschaft der LMU in München. Seine Dissertation "Internetauftritte. Eine Theatergeschichte der neuen Medien“ ist in Buchform bei Transkript erschienen. Gegenwärtig arbeitet er an dem Habilitationsprojekt "Energien des Spektakels. Zur Theatralität der Elektrizität und der Elektrifizierung des Theaters, 1870-1930“.


An den Vortrag von Ulf Otto schließt ein Panel an mit den Teilnehmer*innen:

STEFAN KAEGI (Rimini Protokoll), SUSANNE KENNEDY, JISUN KIM, CHRISTIANE KÜHL (doublelucky productions)

Moderation: TOBI MÜLLER

Inmitten eines seit für Jahren tobenden Richtungsstreits stilisieren konservativ gestimmte Kritiker*innen und Funktionäre die Darstellende Kunst zum letzten Residuum einer genuin analogen Kultur. Trifft diese Selbsteinschätzung wirklich zu? In Stadttheatern wie in Produktionshäusern arbeiten die Abteilungen für Öffentlichkeitsarbeit längst mit sozialen Netzwerken, greifen auf die Benutzerdaten ihrer Kundschaft und ihrer digitalen „Freund*innen“ zu und vertrauen zum Zweck der Reichweitenoptimierung auf die Dienste von Algorithmen und Influencer*innen.

Innerhalb der technischen Abteilungen wie Video und Ton gehört die Arbeit mit intelligenter Technologie zum Alltag. Anspruchsvolle Szenographien wären ohne den Einsatz smarter Anwendungen heute kaum mehr denkbar. Im Zuschauerraum werden so viele multimediale Informationen übermittelt, dass es naiv wäre zu glauben, sie könnten nicht digital erfasst werden.

Der Einsatz von Applikationen wie Shazam, die auf der Bühne oder im Club abgespielte Musik identifizieren und dem Nutzer zum Download anbieten, ist nur der Beginn einer umfassenden Entwicklung. Streamingdienste wie Netflix haben damit begonnen, die Körperdaten und Erregungswellen ihrer Zuschauer*innen zu erfassen, während eine Sendung läuft, um die Effektivität von Cliffhangern und überhaupt das suchterzeugende Potential ihrer Produkte steigern zu können.

Das hat alles nicht nur Einfluss auf das Theater als Arbeitswelt. Wenn man* sich das Auditorium, der Ort, an dem auf beispielhafte Weise eine Öffentlichkeit hergestellt wird, nunmehr prinzipiell als überwachten Raum vorstellen muss, in dem Daten zirkulieren und verwertet werden können, verändert sich auf grundlegende Weise auch der für das Theater fundamentale Vorgang – das Zeigen und Sehen selber.

Selbst die vor dem Zugriff der digitalen Welt sicher geglaubte Schauspielkunst erfährt eine Neudefinition. Mit dem Fortschreiten der Entwicklung der Robotik und menschenähnlicher Maschinen stellt sich immer drängender die Frage: Was genau unterscheidet eigentlich Gesten, Mimik, sprachlicher Ausdruck und nicht zuletzt Regieanweisungen, als Skripte kultureller Handlungen, grundlegend von programmierten Ereignissen, wie wir sie aus der intelligenten Computertechnologie kennen?

Zu den Vorreiter*innen einer neuen Generation von Theatermacher*innen, die in ihrem Medium über menschliche Subjektivität und die Zukunft der Darstellenden Kunst im herausziehenden posthumanen Zeitalter nachdenken, zählen Künstler*innen wie The Agency, Alexander Giesche, Geumhyung Jeong, Susanne Kennedy, Jisun Kim, Christiane Kühl, Jaha Koo, Turbopascal – und natürlich Rimini Protokoll. Beim Nachdenken über die Möglichkeiten eines Digitalen Theaters waren hier Technologie und Dramaturgie schon immer zwei Aspekte der gleichen Sache, die nie voneinander getrennt behandelt werden können.


Am 14. Juni um 18 Uhr / Eintritt frei


Im Kontext des Festivals „Politik der Algorithmen – Kunst, Leben, Künstliche Intelligenz“ von 11. bis 16. Juni 2019



In Zusammenarbeit mit

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