Kammer 2

JEDEM DAS SEINE

EIN MANIFEST / VON MARTA GÓRNICKA / Unter Verwendung neuer Texte von Katja Brunner

Inszenierung: Marta Górnicka

Schauspiel

Für ihre erste Arbeit an den Münchner Kammerspielen bringt die polnische Regisseurin Marta Górnicka ein von ihr arrangiertes Libretto zur Uraufführung. Sie kompiliert darin theoretische Textauszüge, Zitate aus gegenwärtiger Politik, Werbetexte, darunter auch neue Texte der Autorin Katja Brunner. Sie schöpft sprachliche Bilder der Gegenwart, sammelt allen gesellschaftlichen „Trash“, der uns, der ihr, entgegen bläst. Górnicka setzt ihr Libretto in den Kontext eines globalen Ungleichgewichts. Sie formuliert dies in ihrer Inszenierung als ein tief geprägtes, historisch gewachsenes Ungleichgewicht.
Nicht nur wird die existierende Ungleichheit zwischen Männern und Frauen, sondern vielmehr eine patriarchale Weltordnung als strukturelles Problem thematisiert: Auch alle feministischen Manifeste, auf die sie sich teilweise in der Inszenierung beruft, haben daran bisher nichts ändern können, so ihre These. Hingegen wird alles was sich jenseits dieser patriarchalen Ordnung befindet ausgeschlossen und zum „Anderen“, zum „Fremden“, erklärt.

Gornicka sieht diese gesellschaftliche Abwehrmechanismen und Tendenzen erstarken und untersucht mittels des Chores als Sprachrohr der Gesellschaft diese gesellschaftlichen Ausdrucksformen.
Trump steht in der Inszenierung dabei als traurig komischer Clown und gleichzeitig ernstzunehmende Symbolfigur für diese Weltordnung sowie darüber hinaus für einen gesellschaftlichen Backlash, der rechte Parteien und reaktionäres Denken vorantreibt.

Der Titel „Jedem das Seine“ steht für die Gefahr faschistischer Mechanismen, die, wenn auch in anderer Form, wieder oder immer noch existieren oder wieder zuzunehmen drohen.
Der aus der Antike stammende Ausdruck, der sich einst auf die Rechtsprechung bezog und auf die Frage nach Gerechtigkeit gründete, erfuhr seine Pervertierung durch die missbräuchliche Verwendung der NationalsozialistInnen. Als Schriftzug über dem Eingang des Konzentrationslagers Buchenwald wurde die ursprüngliche Bedeutung in ihr Gegenteil verkehrt, um eine der nationalsozialistischen Ideologie folgende Auslegung zu manifestieren, nämlich eine entwürdigende Klassifizierung von Menschen. Der Begriff „Jedem das Seine“ wird dabei zum zynischen „Jedem das, was er verdient“ und zur brutalen Rechtfertigung des an Menschen begangenen Unrechts.
Diese Ambivalenz und doppeldeutig kulturelle Prägung greift Marta Górnicka auf, wenn sie fragt, inwiefern es – nach dieser auf dem europäischen Kontinent wohl am tiefgreifendsten historischen Zäsur des vergangenen Jahrhunderts –gelungen ist, eine neue gerechtere Weltordnung zu schaffen.

Während die Erde weiterhin all ihrer Ressourcen wirtschaftlich beraubt zu werden scheint, die Welt von technologischem Fortschrittsglauben beseelt ist und während Gesellschaften sowie Nationen sich wieder zusehends abschotten, zeigt sich, dass bis heute die Utopie eine gerechte Welt zu schaffen, nicht gelungen ist.
In ihrer Inszenierung kreiert Marta Górnicka (wie schon häufig zuvor in ihren Arbeiten) eine Gemeinschaft, die sich in diesem Fall zusammensetzt aus SchauspielerInnen des Kammerspiele-Ensembles, Gästen und anderen MünchnerInnen mit verschiedenen Hintergründen. Mit Bachs Kantate „Nur jedem das Seine…“ zeigt sich dieser Chor zuletzt als gesellschaftliches Gegenmodell, indem er eine mögliche Vielfalt und ein Miteinander von Menschen repräsentiert.





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Mit

Liliana Barros, Yasin Boynuince, Serena Buchner, Caroline Corves, Leonard Dick, Carmen Engel, Dana Greiner, Marta Górnicka, Maya Haddad, Thekla Hartmann, Antonia Hoffmann, Marion Hollerung, Stacyian Jackson, Gro Swantje Kohlhof, Laura Kupzog, Kim Nguyen, Moritz Ostruschnjak, Gina Penzkofer, Susanne Popp, Melanie Pöschl, Corinna Quaas, Anne Ratte-Polle, Theresa Schlichtherle, Samantha Schote-Ritzinger, Zoë von Weitershausen, Gülbin Ünlü

Inszenierung

Marta Górnicka

Choreografie

Anna Godowska

Bühne

Robert Rumas

Kostüme

Sophia May, Nicole Marianna Wytyczak

Licht

Charlotte Marr

Übersetzung

Andreas Volk

Dramaturgie

Johanna Höhmann

Dramaturgische Beratung

Agata Adamiecka-Sitek

Komposition und Einstudierung

Polina Lapkovskaja

In Koproduktion mit dem

Maxim Gorki Theater
  • Thumb logo gorki schwarz rgb 72dpi

Uraufführung am 28. Mai 2018

pressestimmen

„In der Spielhalle dirigiert Górnicka selbst, das ist so nötig wie gleichzeitig auch Teil ihrer Inszenierung. Sie steht inmitten des Publikums und ihre Gesten sind auch für dieses eine Wahrnehmungsanleitung. Die Grundstruktur ist bekannt, und sie ist brillant. Der Chor ist wogende Masse, Gedankenplasma in immer wieder wechselnden Konstellationen, mal als massives Frontalereignis, mal als Gruppe von Individuen. Faschistische Tendenzen zeigen, auch mit Mitteln eines faschistoiden Umgangs mit Masse. Alles ist handwerklich stupend gearbeitet, Polina Lapkovskaja brachte den Mitwirkenden Musik, Musikgefühl, Rhythmus und überhaupt sehr viel bei, die 50 Minuten schnurren durch wie ein Präzisionsmechanismus.“
(Süddeutsche Zeitung, Egbert Tholl)

„Der Chor – vier Männer, achtzehn Frauen – führt auf dem kahlen, hellen Holzpodium zugleich eine grandiose Choreografie aus, einen mal kompliziert verschlungenen, meist aber brutal getakteten Tanz, eine wogende Körperparaphrase über Masse und Macht, die perfekt mit dem Sprechrhythmus synchronisiert ist. Allein die Einstudierung dieser präzisen, bewusst roboterhaft exakt wirkenden Abläufe ist eine Meisterleistung aller Beteiligten.“ (Münchner Merkur, Alexander Altmann)

„Geduldig warten die beiden Plüsch- Schimpansen auf ihren Einsatz. Die Äffchen sind die einzigen Requisiten dieses insgesamt starken Stücks Theater. Eine der Puppen ist für den regionalen Bezug zuständig und erzählt im weiteren Verlauf vom Bordellbetrieb im Dachauer Konzentrationslager. Sein Ziel war die Amortisierung der Investitionskosten, die für Vernichtung entstehen. Der zweite Affe beschreibt das Foto eines siebenjährigen Mädchens aus Uganda, das nach mehrfacher Vergewaltigung gelähmt ist. Das sind nur zwei Facetten von Faschismus, sexueller Gewalt und wie beides nach Auffassung von Marta Górnicka zusammenhängen.“ (Abendzeitung, Mathias Hejny)

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