Kammer 1

IM DICKICHT DER STÄDTE

NACH BERTOLT BRECHT, INSZENIERUNG: CHRISTOPHER RÜPING

Schauspiel

Die Geschichte der Menschheit ist ein Haufen ungeordnetes Material. Wie kommt man ihr bei, wenn die Handlungen unserer Zeit durch alte (oft der Literatur entlehnte) Motive nicht mehr erklärbar sind – fragt sich der junge Brecht. In seinem Stück soll es daher um einen Kampf gehen. Aber nicht um einen Kampf wie in den alten Tragödien oder auf den Schlachtfeldern, sondern um einen Kampf, nur des Spaßes an der Sache willen, getrieben von der Leidenschaft für den Sport, einen „metaphysischen“ Kampf. Aber ist so ein Kampf überhaupt zu gewinnen? Oder gibt es am Ende nur mehr Verlierer als zuvor? Entstanden ist ein inkohärentes Stück, eine Herausforderung, in „der sich der Philosoph besser zurechtfinden wird als der Psychologe.“ Die beiden Protagonisten, der Holzhändler Shlink und sein Gegenüber George Garga, Angestellter einer Leihbücherei, beginnen einen Kampf. Warum? Keine Ahnung. Wie er endet? Mit dem wohl schönsten Satz Brechts: „Allein sein ist eine gute Sache. Das Chaos ist aufgebraucht. Es war eine gute Zeit.“ Was dazwischen passiert? Beide setzen alles aufs Spiel: Beruf, Reputation, Haus, Familie, Freunde, die Liebe und letztendlich das Leben. Dass der Kampf nicht einer gegen den anderen ist, sondern einer gegen die unendliche Vereinzelung des Menschen, gegen die Lebensrealität in der Großstadt, ja gegen die unendliche schicksalhafte Einsamkeit, merken die Protagonisten zu spät – und passen damit leider überraschend gut in unsere Gegenwart.


Nach seiner zum Berliner Theatertreffen eingeladenen Arbeit „Trommeln in der Nacht“ stellt sich Christopher Rüping wieder dem Frühwerk des Autors Bertolt Brecht.





Premiere am 25. Januar 2020

pressestimmen

„Langweilig wird einem nie in diesem Münchner „Dickicht der Städte“ was sicherlich auch daran liegt, dass man das Gefühl hat, auf der Bühne nicht Figuren, sondern fünf Spielern, fünf Menschen dabei zuzuschauen, wie sie eben gerade nicht dick- sondern dünnhäutiger werden. [...] Und so wird Brechts im Grunde ziemlich krudes Stück in dieser neuen Inszenierung von Christopher Rüping spielerisch zum Spiegel eines sehr zeitgenössischen Gefühls“ (br)

„Der Regisseur und sein Ensemble laden die Inszenierung mit Mehrdeutigkeit und Poesie auf - und zeigen dennoch, wie viel der Stoff mit uns zu tun hat.“ (Münchner Merkur)

„Die Rollen wechseln ständig zwischen den fünf Schauspielerinnen und Schauspielern. Dabei verliert das Ensemble, das harmoniert und mit enormer Spiellust überzeugt, allerdings nie den Erzählfaden, der virtuose Kampf, Komik und Klarheit in der Aussage verwebt.“ (Münchner Merkur)

„Es entspinnt sich ein Kampf mit vollem Einsatz, bei dem die Kontrahenten alles aufs Spiel setzen, was sie haben. Christopher Rüping interessiert sich dabei vor allem für die Ambivalenz dieses Kampfes. Einerseits geht es darum, den Gegner nieder zu ringen. Andererseits ist es auch ein Ringen um Nähe.“ (Deutschlandfunk Kultur)

„Bühnenbildner Jonathan Mertz hat die Spielfläche mit Rollkisten vollgestellt, aus denen nach und nach Requisiten und Kulissenteile zum Vorschein kommen. Versatzstücke einer fragmentierten Welt, die kein geschlossenes Bild mehr abgibt. Die Schauspielerinnen und Schauspieler sprechen, ihrer unterschiedlichen Herkunft gemäß, Deutsch, Englisch, Arabisch und Serbisch. Die Mehrsprachigkeit hat etwas erfreulich Selbstverständliches. Fast wie nebenbei gelingt Rüping damit eine Ausweitung der Kampfzone ins Globale. Dass Frauen bei ihm (nicht durchgängig, aber teils) Männer spielen und umgekehrt, und dass die Rollen munter durchgetauscht werden (es gibt nicht nur einen Shlink und auch nicht nur einen Garga), betont zudem das Universelle dieses Kampfes.“ (Deutschlandfunk Kultur)