Erinnerungszeichen

FÜR EDGAR WEIL, HANS TINTNER, BENNO BING, JULIUS PETER SEGER UND EMMY ROWOHLT // MAXIMILIANSTR. 26 – 28 UND LIVE ÜBERTRAGEN IN DER KAMMER 4

25. JUNI 2020, 16 UHR, MAXIMILIANSTR. 26 – 28 UND LIVE ÜBERTRAGEN IN KAMMER 4

KARTEN KÖNNEN AUSSCHLIESSLICH TELEFONISCH UNTER 089 / 233 966 00 BESTELLT WERDEN


Die Münchner Kammerspiele haben es sich zur Aufgabe gemacht, die unerzählte Geschichte, die vergessenen Schicksale ihrer Mitarbeiter*innen in der NS-Zeit aufzuspüren, um die entrechteten, verfolgten und ermordeten Kolleg*innen in die Erinnerung des Theaters und Münchens einzuweben. Im Rahmen dieses Vorhabens ist schon jetzt ein Tableau von etwa 150 Personen entstanden: Mitarbeiter*innen der Münchner Kammerspiele, die ab der Gründung des Theaters 1911 in der Augustenstraße oder ab September 1926 in der Maximilianstraße gewirkt haben und ab 1933 entrechtet und verfolgt worden sind.

In langen, erinnerungslosen Jahrzehnten blieben diese Schicksale unerzählt. Wie in einer Echokammer wurde eine immergleiche Erzählung über die Münchner Kammerspiele in der NS-Zeit wiederholt, ohne auf die Suche nach neuen Primärquellen zu gehen. 2018 gab Matthias Lilienthal den Anstoß, die Geschichte der Münchner Kammerspiele und ihrer Mitarbeiter*innen in der NS-Zeit zu erforschen. Bei der Verlegung eines Stolpersteins für den langjährigen kaufmännischen Direktor der Münchner Kammerspiele Benno Bing am 12. November 2018 in der Keuslinstraße 4 in Schwabing begann das Projekt SCHICKSALE aus der Begegnung von Janne und Klaus Weinzierl mit dem Dramaturgen Martin Valdés-Stauber, der seitdem das Langzeitprojekt koordiniert. Die Recherchen von Janne und Klaus Weinzierl mündeten inzwischen in zahlreiche Lesungen über die fehlenden, ungesagten Schicksale der entrechteten, verfolgten und ermordeten Mitarbeiter*innen der Münchner Kammerspiele in der NS-Zeit: Bestandsaufnahmen und Schlaglichter eines andauernden Rechercheprozesses.

Es ist den Münchner Kammerspielen ein Anliegen, sichtbare Erinnerungszeichen im öffentlichen Raum zu platzieren. Gemeinsam mit dem Münchner Stadtarchiv möchten wir zunächst fünf Erinnerungszeichen an der Kammer 1 anbringen, um dauerhaft und öffentlich an Kolleg*innen zu erinnern, die von den Nationalsozialisten ermordet worden sind:

Edgar Weil, Hans Tintner, Benno Bing, Julius Peter Seger, Emmy Rowohlt

Die Suche dauert an. Bei den Recherchen wurden weitere Theaterschaffende der Münchner Kammerspiele entdeckt, die ermordet worden sind. Weitere Erinnerungszeichen sind vorgesehen.



Vitae

EDGAR WEIL
FRANKFURT AM MAIN 7. JULI 1908 – 17. SEPTEMBER 1941 MAUTHAUSEN

Als der jüngere von zwei Söhnen einer jüdischen Apothekerfamilie, 1908 in Frankfurt geboren, studiert Edgar Weil zunächst Literatur. Nach seiner Promotion heiratet er 1932 Grete Dispeker, Tochter einer angesehenen Münchner jüdischen Familie. In der Spielzeit 1932/33 beginnt er als Dramaturg an den Münchner Kammerspielen zu arbeiten – nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten war er als Jude vom ersten Tag an gefährdet. Im März 1933 werden Falckenberg und er wegen eines Briefs aus Moskau bei der politischen Polizei denunziert, inhaftiert und verhört. Nach der Freilassung verlässt Edgar Weil München fluchtartig und geht ins holländische Exil nach Amsterdam. Seine Frau folgt ihm 1935 nach. 1941 wird er bei einer Polizeirazzia als jüdischer Ausländer verhaftet, in das KZ Mauthausen deportiert und dort am 17. September 1941 ermordet. Er war 33 Jahre alt. Seine Frau Grete Weil taucht unter, überlebt den Holocaust, kehrt zurück und schafft ein literarisches Werk, mit dem sie gegen das Vergessen anschreibt.


HANS TINTNER
WIEN 28. NOVEMBER 1894 – 28. SEPTEMBER 1942 AUSCHWITZ

Als jüngstes von fünf Kindern einer jüdischen Familie in Wien geboren kommt Hans Tintner nach dem Besuch des Gymnasiums, seiner Schauspielausbildung und dem Kriegsdienst bei der Kavallerie 24-jährig nach München. Hier spielt er im Dezember 1919 an den Münchner Kammerspielen (Direktion: Falckenberg/Bing) in der Uraufführung von Wedekinds „Schloss Wetterstein“ den Polizeikommissär Duvoisin. Nach antisemitischen Protesten setzt die Polizei das Stück ab. Danach arbeitet Tintner als Schauspieler, Drehbuchautor, Regisseur und Produktionsleiter in Stummfilmen. 1930 wird er mit seiner Stumm- und Tonfilmversion des Bühnenstücks „Cyankali § 218“ berühmt. Falckenberg inszeniert das Stück in den Münchner Kammerspielen; es wird nach reaktionären Protesten abgesetzt. Tintners Film verbieten die Nazis 1933. Er verlässt Deutschland, wird in Rom, Paris und Wien Fachmann für Synchronisation. 1938 flieht er aus Österreich nach Paris, wo er im August 1941 von der französischen Polizei verhaftet und nach Drancy gebracht wird. Im Juli 1942 wird Hans Tintner in das KZ Auschwitz deportiert und dort ermordet.


BENNO BING
WÜRZBURG 22. DEZEMBER 1874 – 21. DEZEMBER 1942 AUSCHWITZ

Der Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie kommt als Neunjähriger nach München. Nach seinem Abitur am Max-Gymnasium verbringt er zehn Jahre in London mit seiner Frau Karoline und den gemeinsamen drei Töchtern. 1913 – 1924 kaufmännischer Direktor der Münchner Kammerspiele, danach Bevollmächtigter der Kammerspiele in Berlin bis 1933. Flucht aus Deutschland nach Prag, 1935 nach Paris, 1938 an die Kanalküste. 1938 wird seine katholische Frau in München von der Gestapo zur Scheidung genötigt, obwohl er bereits 1910 aus der jüdischen Gemeinde austrat. Als „juif étranger“ wird er Oktober 1942 von der französischen Polizei verhaftet und im Lager Drancy interniert. Vier Wochen später folgt die Deportation in das KZ Auschwitz, wo Benno Bing am 21. Dezember 1942 ermordet wird. Seine Frau Karoline und die vier Kinder Rosa, Beatrice, Antigone und Robert überleben den Holocaust.


JULIUS PETER SEGER
JUNGBUNZLAU 28. SEPTEMBER 1876 – SOMMER 1944 AUSCHWITZ

Als Sohn einer jüdischen Familie 1876 in Böhmen geboren wächst Julius Peter Seger in Wien auf. Auf seine Ausbildung zum Schauspieler folgt eine zehnjährige Theaterwanderschaft, bevor er nach München kommt und 1912 Mitglied des Ensembles am Schauspielhaus wird. Nach dem Fronteinsatz im Ersten Weltkrieg kehrt er hierhin zurück. 1926, als die Münchner Kammerspiele aus der Augustenstraße in die Maximilianstraße umziehen, bleibt er an seiner Wirkungsstätte und wird Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele. 1933 emigrieren die jüdischen Ensemblemitglieder. Julius Peter Seger, 57 Jahre alt, bleibt trotz des Beschäftigungsverbots für Jüdinnen und Juden und tritt am 6. Mai 1933 zum letzten Mal in den Münchner Kammerspielen auf. Wenige Tage später, am 15. Mai, ist er Mitunterzeichner einer Solidaritätserklärung für den von vielen Nazis angefeindeten Intendanten Falckenberg. Im Juli 1942 wird Julius Peter Seger verhaftet und deportiert, zunächst ins KZ Theresienstadt und im Dezember 1943 ins Vernichtungslager Auschwitz, wo er im Sommer 1944 ermordet wird.


EMMY ROWOHLT
HAMBURG 4. MÄRZ 1883 – 28. SEPTEMBER 1944 EGLFING-HAAR

Emmy Rowohlt wird 1883 in Hamburg geboren. Während ihrer Ausbildung zur Lehrerin in Berlin besucht sie die neugegründete Max-Reinhardt-Schule, die Schauspielschule des Deutschen Theaters. Während des Ersten Weltkriegs ist Emmy Rowohlt in München. Ab 1922 lebt sie in Italien und ab 1931 schließlich in Frankreich. 1935 kehrt sie nach München zurück und wirkt unter anderem an den Münchner Kammerspielen und am Staatstheater. Wegen regimekritischer Bemerkungen wird sie am 12. Oktober 1939 von der Gestapo verhaftet. Im Gefängnis Stadelheim für unzurechnungsfähig erklärt, erfolgt am 5. Februar 1940 ihre Verlegung in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar. Dort beginnt eine lange Leidenszeit mit vielen Konflikten. Emmy Rowohlt bemüht sich vergeblich um Entlassung oder wenigstens Urlaub. Sie stirbt durch gezielten Nahrungsentzug am 28. September 1944 in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar und gehört damit zu den mehr als 2.000 Münchner Opfern der nationalsozialistischen Krankenmorde.


Einen Podcast zum Thema finden Sie hier.

RECHERCHE Michael von Cranach, Sibylle von Tiedemann TEXT Martin Valdés-Stauber

WEITERE INFORMATIONEN ZU DIESEM PROJEKT FINDEN SIE HIER:

Koordinierungsstelle | Erinnerungszeichen Stadtarchiv München
Winzererstr. 68, 80797 München

Tel. 089 233 30851 / 30852 erinnerungszeichen@muenchen.de


Mit Bürgermeisterin der Landeshauptstadt München Katrin Habenschaden, Matthias Lilienthal (Intendant der Münchner Kammerspiele), Dr. Sibylle von Tiedemann (Gedenkinitiative für die „Euthanasie“-Opfer), Andrea Stadler-Bachmaier (Vorsitzende des BA 01 Altstadt – Lehel), Janne Weinzierl, Klaus Weinzierl, Julia Windischbauer, Martin Valdés-Stauber (Dramaturg, Münchner Kammerspiele)

Recherchen Sibylle von Tiedemann, Janne und Klaus Weinzierl