Kammer 1

DREI SCHWESTERN

VON ANTON TSCHECHOW, INSZENIERUNG: SUSANNE KENNEDY

Schauspiel

SEIT MEHR ALS HUNDERT JAHREN SEHNEN SICH DIE „DREI SCHWESTERN“ VON ANTON TSCHECHOW VERGEBLICH NACH EINEM ANDEREN LEBEN. REGISSEURIN SUSANNE KENNEDY ERLAUBT IHNEN EINEN PERSPEKTIVWECHSEL, DER SIE AUS IHREM SCHICKSAL BEFREIT

Was ist, wenn niemand mehr unsere Gesichter, unsere Stimmen erinnert, fragt sich eine der drei Schwestern in Tschechows gleichnamigen Stück. Sie fürchten sich vor der Zeit, die einmal dahingegangen sein wird. Vor ihrer Vergänglichkeit und den sinnlosen Anstrengungen ihres langweiligen Lebens. 1901 wurden die „Drei Schwestern“ im Moskauer Künstlertheater uraufgeführt, und während die Figuren seitdem regelmäßig darum bangen, vergessen zu werden, hat sich das wohl bekannteste Stück Tschechows fest in die Spielpläne der Theater eingeschrieben.

Susanne Kennedy, die nach „Fegefeuer in Ingolstadt“ und „Warum läuft Herr R. Amok?“ zuletzt „Die Selbstmord-Schwestern / The Virgin Suicides“ an den Kammerspielen inszenierte, widmet sich mit den „Drei Schwestern“ einem klassischen Theaterstoff. Sie beschäftigt sich dabei mit der tschechowschen Bühnenrealität, die sich scheinbar auf das Theater übertragen hat, indem die Geschichte der Schwestern immer aufs Neue erzählt wird: Die Frauenfiguren sind nicht verschwunden, sondern hoffen seit mehr als 100 Jahren bis heute auf ein besseres Leben. Als Töchter des verstorbenen Generals Prosorows leben sie mit ihrem Bruder in einer Provinzstadt, in der zwar Militär stationiert ist, sonst aber nicht viel geschieht. Zurückgeworfen auf ihr eigenes, ereignisloses Leben träumen die Geschwister von einer glanzvollen Zukunft.

Sie wollen „Nach Moskau!“, um in der Stadt die große Liebe zu suchen, die sie doch nicht finden. Sie wollen arbeiten für ein erfülltes Leben, und bekommen nur Kopfschmerzen. Und die Männer? Träumen auch und philosophieren. Was genau die Zukunft bringen soll, weiß niemand von ihnen, sie bleibt aber das große Versprechen.Tschechow thematisiert die Wiederholung des ewig Gleichen und die Unmöglichkeit der Figuren, sich aus ihr zu befreien. Immer wieder sehnen sich die Schwestern (stellvertretend) im Theater für ihr Publikum nach einer anderen Realität. Die Regisseurin interessiert sich für die Parallelität zwischen Inhalt des Stückes und seiner Aufführungsgeschichte und fragt, ob sich diese Figuren befreien, ob sie sich weiterentwickeln können? Und falls ja, welche Rolle kann dabei das Theater übernehmen?
Auf Tschechows zwischen Gegenwart und Zukunft schwebende Figuren soll ein neuer Blick geworfen werden. Ihnen wird in der Inszenierung eine neue Perspektive zuteil, die sie möglicherweise in eine andere oder gar in die ersehnte Zukunft versetzt: „Bald scheint mir werden wir leben, werden wir erfahren, wozu wir leben, wozu wir leiden…wenn man es nur wüsste!“