Kammer 2

¡RESISTENCIA! POLITIK UND THEATER IN MEXIKO

VORTRÄGE UND GESPRÄCHE MIT LUZ EMILIA AGUILAR, JORGE VOLPI UND ILEANA DIEGUEZ, IN SPAN. SPRACHE MIT DT. SIMULTANÜBERSETZUNG

Symposium

Im vergangenen Jahrzent wurden in Mexiko mehr als 170.000 Hinrichtungen registriert und ungefähr 30.000 vermisste Personen gezählt. Ist Mexiko deshalb, wie oft nahegelegt wird, ein zutiefst gewalttätiges Land? Wenn nicht, wo liegen dann die Ursprünge und Gründe dieser grauenhafte Eskalation?

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hatte es noch den Anschein, als sei die Entwicklung dauerhaft gestoppt worden. Die Mordrate in Mexiko ging deutlich zurück. Dann, vor genau einer Dekade, wurde Felipe Calderon zum Präsidenten gewählt. Nachdem er dem Drogenhandel den Krieg erklärt hatte, geriet das Land, mehr denn je, in einen Strudel der Gewalt.

Zu der traurigen Bilanz zählt ein rapider Anstieg von Entführungen und Frauentötungen. Es wurden Massengräber mit bis zu hundert Leichen entdeckt. Bilder verwüsteter Ortschaften haben sich tief ins kollektive Bewusstsein eingegraben. Die gefolterten und zerstückelten Menschenkörper haben in Mexiko die Bedeutung eines Spektakels. Jede einzelne Tat folgt einem Zeichensystem und trägt eine schreckliche Botschaft in sich. Das alles trägt die Züge eines Vernichtungskriegs, den eine Bevölkerung gegen sich selbst führt.

Als vor zwei Jahren, am 26. September 2014, nicht weniger als 43 Studenten einer Hochschule für die Ausbildung von Grundschullehrern in Iguala entführt und ermordet wurden, sah es so aus, als würden sich in Mexiko erste Ansätze einer Protestkultur entwickeln. Dieses Verbrechen hat die Öffentlichkeit mehr als jedes andere bewegt, weil sich im Laufe der ansonsten ergebnislosen Nachforschungen herausgestellt hatte, dass die Opfer zu einer Gruppe gehörten, die gegen die diskriminierende Einstellungs- und Bezahlungspraxis der mexikanischen Regierung opponiert hatten. Sie waren verhaftet und von der Polizei an das Drogenkartell Guerreros Unidos weitergeleitet und damit zum Abschuss freigegeben worden.

Seitdem hat die öffentliche Empörung zwar spürbar wieder abgenommen. Dennoch, auf einer tiefgreifenderen Ebene, scheint ein wachsender Bevölkerungsanteil die Drogenkriminalität, die damit einhergehende Gewalt, das plötzliche Verschwinden von Menschen und die bis weit in die staatlichen Apparate hineinreichende Korruption nicht länger hinnehmen zu wollen. Die Leute wollen sich aus dem Würgegriff befreien, mit dem das organisierte Verbrechen ein ganzes Land und mit ihm die Menschen, die hier leben, fest umschlossen hält.

Die Darstellende Kunst spielt für diese zivilgesellschaftlichen Impulse eine wichtige Rolle. So ist in den letzten Jahren eine Reihe von jungen Regisseuren und Performern herangewachsen, die sich von den verfestigten ästhetischen Orientierungen vorangegangener Generationen lösen und, häufig unter Einsatz minimaler szenographischer Mittel, in den öffentlichen Raum gehen und zunächst ungeeignet erscheinende Orte für neue Formen des politischen Theaters erschließen. Ein herausragender Vertreter dieser Entwicklung ist Ángel Hernández, der es zu seinem Ziel erklärt hat, Räume und Schauplätze, die sich in der Hand des organisierten Verbrechens befanden, beschädigt oder sogar zerstört wurden, mit den Mitteln und für die Zwecke der Kunst zurückzugewinnen und zu revitalisieren, sie der Bevölkerung wieder zur Verfügung zu stellen.

Drei prominente Intellektuelle aus Mexiko City finden sich aus Anlass des Festivals „Endstation Sehnsucht“ zu einem kleinen Symposium zusammen und gehen vor dem Hintergrund der hier geschilderten Entwicklungen den vielfältigen Beziehungen von Kunst und Politik, von Theater und Aktivismus nach.

Die Kritikerin und Theoretikerin Luz Emilia Aguilar Zinser analysiert die politische Situation in Mexiko und Mittelamerika und geht der Frage nach, inwiefern sie die künstlerische Praxis der Darstellenden Künste verändert hat. Wenn die Gewalt auf so fundamentale Weise selber performativ geworden ist, welche Möglichkeiten hat dann das Theater, auf Distanz zur schlechten Wirklichkeit zu gehen, anstatt sie hinter dem Rücken ihrer eigenen Intentionen zu wiederholen?

Der Schriftsteller und Festivalleiter Jorge Volpi beschäftigt sich mit dem Thema der Drogenkriminalität und den unterschiedlichen Sichtweisen, die sich sowohl innerhalb als auch außerhalb des Landes auf dieses Phänomen entwickelt haben. Von Interesse sind Krimibestseller wie „Das Kartell“ von Don Winslow, aber auch popkulturelle Entwicklungen wie die „Narcocorridos“, ein vor allem in den Vereinigten Staaten immens erfolgreiches Liedergenre, in dem die grausamen Taten der Drogenbosse verherrlicht werden.

Ileana Diéguez ist Hochschullehrerin für Theater und Bildende Kunst. Anhand von Beispielen aus beiden Disziplinen spricht sie über Möglichkeiten, traumatische Ereignisse wie das Verschwinden geliebter Menschen im Medium kultureller Handlungen zu verarbeiten und zu betrauern. Es geht um die Figur des „fehlenden Begräbnisses“, in der sich, gerade in Lateinamerika, eine „unvollendete historische Trauer“ spiegelt.



Teil von ENDSTATION SEHNSUCHT – THEATER IN MEXIKO: EIN FESTIVAL ÜBER FLUCHT, IDENTITÄT UND DIE DARSTELLBARKEIT VON GEWALT
22. bis 27. November in allen Kammern

Kuratiert von Christoph Gurk und Ilona Goyeneche. In Kooperation mit dem Goethe-Institut Mexiko. Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes. Mit Unterstützung von Secretaría de Cultura de México, dem Goethe-Institut München und dem Instituto Cervantes.



Neben dem Ticket für die einzelne Veranstaltung ist an der Tageskasse auch ein FESTIVALPASS erhältlich.

FESTIVALPASS (für 6 Tage): 60 Euro / erm. 40 Euro

Zum gesamten Programm geht es hier.