Kammer 1

DER VATER

VON AUGUST STRINDBERG

Inszenierung: Nicolas Stemann

Schauspiel

1887 – Strindbergs „Der Vater“ wird in Kopenhagen uraufgeführt. Nicht erst in diesem Stück formuliert der schwedische Dramatiker seine Skepsis gegenüber einer aufkommenden, in seinen Augen in ihren Forderungen zu weitreichenden, feministischen Bewegung. Er stellt einen Vater ins Zentrum seiner Handlung: zunächst der Herr im Haus, der qua Recht und Tradition über die Finanzen, aber auch die Erziehung seiner Tochter entscheidet, ist er schließlich der große Verlierer – aufgerieben an den Ansprüchen der Frauen an ihn und jenen einer (patriarchalen) Gesellschaft an sein Mann-Sein. Schließlich treibt ihn der (vermeintliche) Komplott seiner Frau in den Wahnsinn. Heute erscheint uns Strindbergs Drama über das scheinbare Heraufdämmern des Endes des Patriarchats bzw. eines Patriarchen am Ende bei aller Meisterschaft der inneren Dramatik auf den ersten Blick vor allem als reaktionär. Oder aber: wie der Wahn eines in eine neue Rolle gestürzten und mit den Bewegungen der Zeit hilflos überforderten Autoren. 2018 – „Angry White Men“ allerorten. Breite Gesellschaftsschichten stellen Emanzipationsbewegungen, die unumkehrbar schienen, in Frage. Salonfähig ist, über den „Gender-Wahn“ herzuziehen, diskriminierte Identitätsweisen und Daseinsformen als dekadentes Establishment zu brandmarken und die Sehnsucht nach einem „Take back control“ zu schüren. Fakt ist aber auch, dass sich zahllose Feuilleton-Serien ernsthaft mit Männern als dem heute schwachen und benachteiligten Geschlecht beschäftigen oder aber der überwiegende Anteil der Selbstmorde, aber eben auch Attentate und Amokläufe von Männern begangen werden. Was kann vor diesem zeitgenössischen Hintergrund Strindbergs „Der Vater“ noch an Wahrhaftigkeit produzieren? Kann es gelingen, sich dem Drama unvoreingenommen zu nähern und es in den Dienst zu nehmen für ein gemeinsames, offenes, auch verstörendes und verunsicherndes Nachdenken über das Mensch-Sein heute?





With

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Mit

Zeynep Bozbay, Daniel Lommatzsch, Wiebke Puls, Benjamin Radjaipour, Julia Riedler

Chor

Camerata Vocale München

Inszenierung

Nicolas Stemann

Bühne

Katrin Nottrodt

Kostüme

Marysol del Castillo

Video

Claudia Lehmann, Lilli Thalgott

Musik

Thomas Kürstner, Sebastian Vogel

Licht

Charlotte Marr

Dramaturgie

Benjamin von Blomberg

Premiere am 29. April 2018

pressestimmen

„Mit dem ‚Vater‘ hinterlassen sie [Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg] einen turbospaßigen, in Zügen albern-hysterischen, aber auch traurig-poetischen (und musikalisch-elegischen) Beitrag zur aktuellen Debatte über Geschlechtergerechtigkeit, neuen Feminismus und neomännliche Gegenwehr. Es ist ein Themenabend, der mit Stemann-typischem Diskurseifer und genderpolitischer Beflissenheit die Problematik des Stücks herausarbeitet und spielerisch durchdiskutiert, einschlägige Sekundärliteratur in szenischen Fußnoten inklusive.“ (Süddeutsche Zeitung, Christine Dössel)

„Die Bühne ist eine giftgrüne Spiellandschaft, bestückt mit eigenem Polstermobiliar und vielen ebenso giftgrünen, gebeugten Lampen, die sich wahlweise bis auf Straßenlaternenniveau langziehen lassen. Strindbergs bürgerliches Personal, das eigentlich neben der Kernfamilie etwa noch Pastor, Knecht, Amme oder Arzt ins Rennen schickt, hat Regisseur Nicolas Stemann auf fünf Spieler reduziert. Sie skizzieren in Paarungen oder auch in Einzelauftritten zum einen die Handlung nach, zum anderen aber konzentrieren sie sich vor allem auf den Kern des Stückes:den Showdown zwischen den Geschlechtern, der mit der Zwangsjacke in einer Art Patriarchatsdämmerung endet und die Frau als siegreiche Bestie übriglässt.“ (deutschlandfunk.de, Sven Ricklefs)

„The play seems reactionary and dated at first glance, but considering the rise of reactionary movements denouncing gender equality and seeing men as the weak and disadvantaged sex, this play could not be more relevant.“
(theatrefullstop.com, Carolin Kopplin)

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