Kammer 1

DER KIRSCHGARTEN

Von Anton Tschechow

Inszenierung: Nicolas Stemann

Schauspiel

Eine Bestandsaufnahme vorweg: Der Kirschgarten ist Schönheit. Ist Refugium. Vehikel der Tradition und Selbstvergewisserung. Er ist von unschätzbarem immateriellen Wert. Einst war die Ernte der Kirschen auch materiell einträglich und knallharte Währung. Der Kirschgarten sicherte der Familie um die Gutsbesitzerin Ljubow Ranjewskaja ihr Einkommen und eine herausgehobene Stellung. Sie residiert abseits des Gartens in einem Herrenhaus, seit Jahrhunderten. Aber ihr Wohlstand ist in Gefahr. Die Kirschdevisen sind versiegt. Auch ihre kultur- und ideentreibende Dominanz verkümmert. Die Grenzen ihrer Festung sind durchlässig geworden. Und andere wollen jetzt hinein. Der Kaufmann und gesellschaftliche Aufsteiger Lopachin etwa, der frisches Geld hat seine Vision: Kirschgarten weggeholzt, Immobilienpark hingeplankt. Oder aber all die Land(durch)streichenden ohne festen Wohnsitz, die ihr Recht fordern und Ansprüche geltend machen. Gemeinsame Sache zu machen, scheint keine Option. Die vermeintlichen Mauern zwischen ihnen und jenen sind unüberbrückbar: Alle halten an ihren Selbstentwürfen, an ihrer Version des Kirschgartens fest.

Hausregisseur Nicolas Stemann inszeniert nach „Der Kaufmann von Venedig“ und der Jelinek-Uraufführung „Wut“ nun Tschechow – und kehrt damit gewissermaßen zu seinen Anfängen zurück: Seine Abschlussarbeit an der Theaterakademie in Hamburg 1997 hieß „TerrorSpiel“ – nach „Die Möwe“ von Anton Tschechow.

In der Besetzung:

RANJEWSKAJA, Ljubow Andrejewna, Gutsbesitzerin – Ilse Ritter
ANJA, ihre Tochter, 17 – Julia Riedler
WARJA, ihre Ziehtochter, 24 – Annette Paulmann
GAJEW, Leonid Andrejewitsch, ihr Bruder – Daniel Lommatzsch
LOPACHIN, Jermolaj Aleksejewitsch, Kaufmann – Peter Brombacher
TROFIMOW, Pjotr Sergejewitsch, Student – Hassan Akkouch
SIMEONOW-PISCHTSCHIK, Boris Borissowitsch, Gutsbesitzer – Gundars Āboliņš
SCHARLOTTA, Iwanowna, Gouvernante – Thomas Hauser
JEPICHODOW, Semjon Pantelejewitsch, Büroangestellter – Christian Löber
DUNJASCHA, Zimmermädchen – Mariann Yar
FIRS, Diener, ein alter Mann von 87 – Samouil Stoyanov
JASCHA, ein junger Diener – Damian Rebgetz


„Moralische Werte sind mit einer direkten Suggestion nicht zu umgehen“ – ein Gespräch mit Alexander Schelle, Hypnotiseur und Diskurspate für „Der Kirschgarten“, finden Sie hier.


Premiere am 27. Januar 2017

pressestimmen

„Firs ist für die Herrschaften unsichtbar und träumt sich in die alte Zeit. Und was tut Samouil Stoyanov in dieser Rolle? Er tanzt, fast so schön wie der Vorhang. Dessen Sinn erschöpft sich nicht in der Symbolik. Sein lautloses Gleiten sorgt für den Rhythmus in einer Welt, in der die Zeit stillsteht. So verbreitet sich die zauberhafte, echte Tschechow-Stimmung: Von Handlung kann kaum die Rede sein, doch alles ist in Bewegung.“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

„Dass auch wir in Zeiten des Umbruchs leben, uns von Altbewährtem trennen und den Aufbruch wagen müssen. Und das nicht nur, was das Theater angeht. Auch daran lässt diese Aufführung mit ihrem brillanten Ensemble keinen Zweifel. Spätestens wenn der alte Diener Firs, der seine Leibeigenschaft nie aufgeben wollte und dem als dem Vergessenen bei Tschechow die letzte melancholische Szene gehört, wenn dieser Firs hier nun plötzlich zum Sprachrohr einer sich aufbäumenden neuen Rechten wird:
'Die Dinge sollen bleiben, wie sie sind, und wieder werden, wie sie waren. Männer sind Männer, Frauen sind Frauen. Knechte sind Knechte. Herren sind Herren. Und wenn ein Vorhang fällt, dann fällt ein Vorhang.' Ein irritierender und toller Schluss.“ (Deutschlandfunk)