Kammer 1

DAS LEBEN DES VERNON SUBUTEX

NACH DEM ROMAN VON VIRGINIE DESPENTES, INSZENIERUNG: STEFAN PUCHER

Schauspiel

VOM COUCHSURFER ZUM OBDACHLOSEN: IN STEFAN PUCHERS BÜHNENADAPTION VON „DAS LEBEN DES VERNON SUBUTEX“ GEHT ES UM EINEN, DER ALLES VERLIERT UND UM ALLE, DIE FÜRCHTEN ZU VERLIEREN

Sein Plattenladen ist weg, er musste ihn aufgeben. Die Krise der Plattenindustrie ist schuld, vielleicht auch seine eigene Sorglosigkeit. Mit Gelegenheitsjobs hält sich Vernon Subutex, Hauptfigur in Virginie Despentes’ Roman „Das Leben des Vernon Subutex“ eine Weile über Wasser. Doch dann stirbt sein Gönner, der die Miete bezahlt hat. Rechnungen häufen sich. Vernon Subutex fliegt aus seiner Pariser Wohnung und muss erkennen: „Das Leben ist oft ein Spiel in zwei Sätzen: Im ersten schläfert es dich ein und lässt dich glauben, dass du führst, und im zweiten, wenn du entspannt und wehrlos bist, serviert es dir seine Schmetterbälle und macht dich alle.“

Despentes’ Roman erzählt von der Abstiegsangst der weißen Mittelschicht. Vom Straucheln jener Menschen, denen es bisher selbstverständlich war, den Lebensstandard halten zu können, in den sie hineingeboren wurden. Nun müssen sie darum kämpfen, ihre Miete zahlen zu können. Vernon Subutex kommt bei Bekannten und alten Freundinnen unter. Mit einigen Frauen schläft er, weil wenig dagegenspricht und ein Schlafplatz sowie ein voller Kühlschrank dafür. Nach und nach verwandelt er sich vom charmant lügenden Couchsurfer zum sichtbar verwahrlosten Obdachlosen.

Die Schriftstellerin Virginie Despentes feierte 2002 einen ersten Skandalerfolg mit dem später von ihr in Eigenregie verfilmten Roman „Baise Moi – Fick mich“. Ihre Schilderungen von wahllosem Sex, von Vergewaltigung und Mord sorgten genauso für Diskussionen wie „Das Leben des Vernon Subutex“, 2015 in Frankreich und zwei Jahre später in deutscher Übersetzung erschienen. „Vernon Subutex“ gilt als der Gesellschaftsroman unserer Zeit, als „Die menschliche Komödie“ (Balzac) für das 21. Jahrhundert. Regisseur Stefan Pucher, der zuletzt an den Kammerspielen „América“ von T.C. Boyle und „Wartesaal“ nach Lion Feuchtwanger inszenierte, war einer der ersten Regisseure, der Popmusik und Theater miteinander verband. Pop ist tot: Hier kommt Vernon Subutex.