Digital Program Booklet "Danton"
Von Hannah Baumann, Sophia Fanelli und Anna Laner
Eine Spurensuche entlang der Kipppunkte der Geschichte
1926 eröffnete Otto Falckenberg die Münchner Kammerspiele in der Maximilianstraße mit Büchners „Dantons Tod“. 100 Jahre später wagt das Kollektiv Post Paradies gemeinsam mit dem inklusiven Ensemble der Kammerspiele eine Auseinandersetzung mit den Anfängen dieses Theaters und Büchners Text.
Zur Zeit der Französischen Revolution wurde wie in der Weimarer Republik und auch heute für demokratische Werte gekämpft. Es sind Zeiten, in denen die Kräfte, die sie zu Fall bringen, deutlich zu spüren sind. „Danton“ dreht am Rad der Zeit und fragt: Wo haben wir in der Geschichte Handlungsfenster verpasst, die das Rad in eine andere Richtung hätten drehen können? Und wo gab es revolutionäre, diplomatische Zugriffe, die neben den großen Erzählungen verloren gegangen sind?
Es war einmal der Mensch – Zeichentrickserie über historische Ereignisse, einfach zusammengefasst, kompakt; Folge 22 – Die Französische Revolution
„Die Statue der Freiheit ist noch nicht gegossen“
„Dantons Tod“ von Georg Büchner setzt mitten in der Französischen Revolution ein: Die einstigen Verbündeten Robespierre und Danton haben sich ideologisch nach den blutigen Septembermorden 1792 auseinander bewegt. Robespierre geht diesen blutigen Weg der Revolution weiter, will mittels der terreur das revolutionäre Ziel der Freiheit sichern. Danton hadert mit seinen Entscheidungen und beginnt einen gemäßigteren Weg zu vertreten. Robespierre macht ihm und seinen Anhängern mit Hilfe von St. Just einen unfairen Prozess. Im Verlauf der Revolution sind die Dantonisten eine der vielen Untergruppen, die aus dem Weg geräumt werden – was zuletzt auch Robespierre und seinen Leuten den Kopf kostet.
Georg Büchner machte 50 Jahre nach der gescheiterten Französischen Revolution im deutschen Vormärz diese historischen Figuren zu seinen Protagonisten. Dabei arbeitete er sich auch an seinen eigenen Auseinandersetzungen mit gesellschaftlichen Umstürzen ab. Nach einer akribischen Recherche und der Arbeit mit historischen Quellen fiktionalisierte er die Handlungsträger*innen zugunsten seiner Erzählung.
Eine revolutionäre Gruppe, die in Büchners Text (sowie in vielen historischen Darstellungen) beispielsweise nicht als solche auftaucht, sind die Frauen. Sie waren mit den Brotaufständen nicht nur maßgeblicher Auslöser der sozialen Revolution, sondern auch an die verschiedenen Untergruppen angeschlossen, Ideengeberinnen, Spin-Doctoren, Verfasserinnen von Schriftstücken und Manifesten.
Die Frauen der Französischen Revolution
Erfahren Sie in dieser Dokumentation mehr über die häufig vergessenen revolutionären Frauen
Ein Jubiläum ist ein Anlass um genauer auf etwas zu schauen
Die Inszenierung Falckenbergs von „Dantons Tod“ wie auch die mittlerweile umstrittene Theaterperson Falckenberg stehen in der Produktion „Danton“ nicht im Fokus. Es stehen vor allem Biografien im Zentrum, die unter der Intendanz Falckenbergs aus dem Theater verdrängt wurden und jene, über die es später in der Geschichte der Kammerspiele nur eine einseitige Erzählung gab. Dabei arbeitet die Inszenierung mit Originalquellen und Fiktionalisierung. Post Paradies erarbeitet mit den Spielenden gemeinsam den Inhalt und den Text: So sind ihre individuellen Ideen und Zugänge stets wichtiger Teil der Umsetzung. Die von Kristina Koropecki für diesen Abend komponierte Musik spielt mit den Epochen und ihren Stilen, und verbindet barocke Motive mit filmischen Klangflächen.
Für das Projekt „MK: Schicksale“ haben Klaus und Janne Weinzierl zusammen mit Martín Valdés-Stauber und Felicitas Friedrich über 300 Biografien der Mitarbeitenden des Theaters aufgearbeitet. Manche dieser Biografien sind immer noch lückenhaft. Andere wiederum liegen uns detailliert vor.
An den als Privattheater von jüdischen Mäzenen gegründeten Kammerspielen arbeiteten bereits 1933 keine jüdischen Mitarbeiter*innen mehr. Beim Einzug 1926 jedoch proben sie alle noch zusammen – diejenigen, die später ins Exil gehen oder ermordet werden, diejenigen, die in der NS-Zeit Karriere machen, und diejenigen, die sich nicht verhalten. „Danton“ bringt diese Biografien zu einer Gruppe zusammen und schafft fiktive Begegnungen zwischen ihnen. Die Figuren sind an folgenden realen Mitarbeitenden der Kammerspiele angelehnt:
Wolfgang Petzet war ab 1934 Chefdramaturg an den Kammerspielen unter Falckenberg und blieb über den 2. Weltkrieg hinaus bis in die 1960er Jahren am Haus. Mit „Otto Falckenberg. Mein Theater, mein Leben“ und „Die Münchner Kammerspiele 1911-1972“ schrieb er sich zum Chronisten der Kammerspiele. Sein Nachlass liegt zum Großteil unaufgearbeitet in der Bayerischen Staatsbibliothek.
Hans Schweikart spielte in „Dantons Tod“ 1926 und war bis 1934 in Falckenbergs Kammerspiele-Ensemble. Er war 1935-1941 förderndes Mitglied der SS und war während des Krieges Produktionschef der BAVARIA FILM. 1947-1963 war er Intendant der Münchner Kammerspiele. 1955 erhielt der das große Bundesverdienstkreuz.
Flora Fromm war Gesellschafterin der Münchner Kammerspiele: Die jüdische Familie Fromm, allen voran Leo (Floras Sohn), gehörten mit ihrer Hopfenhandlung neben Adolf Kaufmann zu den Mitbegründer*innen der Kammerspiele in der Augustenstraße. Flora Fromm wurde 1942 im KZ Theresienstadt ermordet.
Therese Giehse spielte in „Dantons Tod“ 1926 ihre erste Rolle an den Kammerspielen. Bis 1933 spielte sie ihre großen Rollen auf der Schauspielhausbühne, und eilte danach rüber in die Pfeffermühle, um dort mit Erika Mann im politischen Kabarett über Hitler herzuziehen. Nach der Machtergreifung war sie zur Flucht ins Schweizer Exil gezwungen. Im Oktober 1950 war sie erstmals wieder auf der Bühne der Kammerspiele zu sehen.
Sibylle Binder war 1918-1922 Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele. Ab 1920 war sie kurz mit Otto Falckenberg verheiratet. 1932 wurde sie ans Schauspielhaus Zürich engagiert, später spielte sie in Wien und als Jüdin emigrierte sie 1938 nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland nach England, wo sie Aufklärungsfilme über die Nazi-Propaganda für die BBC drehte, bevor sie 1955 wieder zurück nach Deutschland kam und u.a. unter Gustaf Gründgens spielte.
Hanne Mertens war ab 1938 Teil des Ensembles der Münchner Kammerspiele. Währenddessen legte sie sich immer wieder mit Falckenberg an. Es liegen einige Briefkorrespondenzen von Falckenberg an Mertens vor, die Antworten von Mertens dazu sind jedoch verschwunden. Im Februar 1943 nach mehreren Auseinandersetzungen wechselte Mertens ans Thalia Theater Hamburg. Im Januar 1945 wurde Mertens wegen Singen eines Spottliedes auf Hitler im privaten Kreis denunziert. Am 1945 wurde sie im KZ Neuengamme ermordet.
„Danton“ funktioniert wie eine Zentrifuge, in der verpasste Chancen, mögliche Anfänge und Abgründe durcheinandergewirbelt und beschleunigt werden, und einen Strudel aus Parallelitäten in Vergangenheit und Gegenwart offenbart und uns in die vielleicht nahe Zukunft schleudert.
Mit herzlichen Dank für die Unterstützung bei der Recherche an Nana Petzet, Janne und Klaus Weinzierl und Beatrice Wichmann.
Eva von Redecker spricht auf der Leipziger Buchmesse über ihr neues Buch „Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus“.