Digital Program Booklet "Wokey Wokey"
Gute Remakes sind wie rechter Kulturkampf. Sie funktionieren transnational. Und sie basieren auf guten Geschichten!
Anmerkungen zu Wokey Wokey von Nora Abdel-Maksoud
Wokey fließt zwischen uns
Wohl kaum ein Begriff wird so stark instrumentalisiert und vermag es, eine Fülle an so unterschiedlichen wie starken Emotionen zu evozieren, wie das Reizwort „woke“. Donald Trump und Elon Musk gingen sogar so weit, einen „war on woke“ auszurufen und gegen Initiativen für mehr Diversität und Inklusion in privaten Unternehmen wie öffentlichen Institutionen vorzugehen.
Woke, zu deutsch „erwacht“, ist ein Begriff, der sich in den 1930er Jahren in den USA bildete, um ein Bewusstsein für mangelnde soziale Gerechtigkeit und Rassismus zu schaffen. 2014 erlangte woke im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung weitere Verbreitung und wurde mit stay woke zum Aufruf für Wachsamkeit gegen Polizeigewalt und Diskriminierung.
In den letzten Jahren aber wechselte der Begriff die Seite und wird aktuell vor allem als Anti-Wokeness vom konservativen und rechten Spektrum aufgerufen und mit dem Vorwurf verbunden, gesellschaftliche Spaltungen zu vertiefen, und somit zum Kampfbegriff stilisiert.
Auf Wokey als Feind können sich alle einigen.
In „Wokey Wokey“ wagt sich die Filmregisseurin Gordon an die Neuverfilmung des bekannten Romans „1984“ von George Orwell. Ein dystopischer Weltbestseller, den Orwell 1946 im Angesicht des gerade zu Ende gegangenen 2. Weltkriegs, des Nationalsozialismus und des Stalinismus begann zu schreiben. In „1984“ versuchen sich Winston und Julia in einer totalitären Gesellschaft den Denk- und Sprechverboten von Gedankenpolizei und Neusprech zu entziehen, scheitern aber schlussendlich an Überwachung, Manipulation und der perfiden Gewalt der staatlichen Gedankenpolizei.
Das Zitat „Big brother is watching you“, das Ihnen vermutlich ein Begriff ist, stammt aus diesem Roman und wird herangezogen, um staatliche Überwachungsmaßnahmen zu kritisieren. Diesen „Großen Bruder“, der bei Orwell immer unsichtbar als Gedankenpolizei über den Geschehnissen schwebt, übersetzt die Regisseurin Gordon in „Wokey Wokey“ in den laut beschworenen Tugendterror einer woken Minderheit und erhofft sich damit, auf der Backlash-Welle reitend, einen Kassenschlager zu landen.
Entscheidend ist, was beim Publikum verfängt. Wir werfen die Scheiße an die Wand und gucken, was kleben bleibt.
Rechter Kulturkampf ist in unserer Gesellschaft angekommen, das hat nicht nur Gordon erkannt. Rechte Strategen behelfen sich durch Emotionalisierung vorhandener oder oft auch erfundener gesellschaftspolitischer Spaltungslinien der Meinungsmache. Dabei bedienen sie sich anekdotischer und gefühlter Wahrheiten, die durch stetige Wiederholung, Hörensagen und (soziale) Medienkolportage entzündet werden. So kam die Anti-Wokeness Bewegung ins Rollen und so wird sie auch immer wieder weiter entfacht, um ein Gefühl der Bedrohung für das Wohlbefinden der Mehrheitsgesellschaft am Lodern zu halten.
In Zeiten wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Krisen verspricht ein radikalisierter Konservatismus ein Gefühl der Sicherheit, wie die Politikwissenschaftlerin und Publizistin Natascha Strobl die Annäherung der konservativen Politik an rechte Ideologien und Strategien beschreibt. Als ein aggressives und dynamisches Gefühl adressiert er damit mittlerweile vor allem die Mitte der Gesellschaft.
Vielleicht war die sogenannte Mitte in unserem Fall nicht primär Teil der Lösung.
Nora Abdel-Maksoud geht diesen transnationalen rechten Strategien in „Wokey Wokey“ auf den Grund, sucht nach den individuellen Andockpunkten dieses Gedankenguts im alltäglichen Leben und stellt eine Versuchsanordnung auf: Bis zu welchem Punkt ist die Mitte bereit, sich gegen Diskriminierung von Minderheiten und rechte Hetze zu engagieren, und wo liegen die Grenzen der Solidarität, wenn die eigenen Privilegien angekratzt werden?
So seziert Nora Abdel Maksoud den Diskurs unserer Zeit, zeigt, was im alltäglichen Leben davon auch umgesetzt wird, und erkundet schmerzhafte Grenzen der Solidarität im alltäglichen Leben.
Nora Abdel-Maksoud verhandelt diese Fragen am Mikrokosmos Filmset, der sich mit seinen Hierarchien und Machtgefällen als Übersetzung für unsere Gesellschaft im Großen klar lesen lässt und das Geschichtenerzählen selbst kritisch beleuchtet:
Wer bestimmt den Bildausschnitt der Kamera? Was wird durch die eingenommene Perspektive verdeckt? Wer lenkt das Narrativ und wo wird es zum Selbstläufer?
Um Chef-Ideologin und Regisseurin Gordon aus dem Stück zu zitieren:
Ich sage Ihnen, welche Wahrheiten ich in meinen Filmen enthülle: Die unbequemen.
„Wokey Wokey“ ist die dritte Auftragsarbeit von Nora an den Kammerspielen und zeitgleich der Abschluss einer Trilogie, die mit „Jeeps“ im Jahr 2021 begonnen hat und mit „Doping“ im Jahr 2024 weitergeführt wurde. „Doping“ wurde 2025 zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. In allen drei Abenden wirft die Autorin mit schwarzem Humor einen scharfen Blick auf die alltäglichen Ungerechtigkeiten und Unzumutbarkeiten in unserer Gesellschaft.
Nora Abdel-Maksoud ist in München geboren, studierte zunächst Schauspiel an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam und schreibt und inszeniert seit 2012 ihre eigenen Stücke, die vielfach nachgespielt werden.
Sowohl ihre Texte, als auch ihre Inszenierungen wurden mehrfach ausgezeichnet. U.a. wurde sie 2017 als „Nachwuchs- Regisseurin des Jahres“ (Theater heute) und mit dem Kurt-Hübner-Preis für Regie ausgezeichnet. 2019 erhielt sie den Hermann Sudermann Preis der Autorentheatertage in Berlin für ihr Stück „Café Populaire“ und wurde mit dieser Inszenierung zum dritten Mal zum Festival Radikal Jung eingeladen.
Nora Abdel-Maksouds Arbeitsweise verbindet meistens Schreiben mit Inszenieren. Nach einer ersten Vorrecherche und groben Skizzen steht am Anfang des eigentlichen Schreibprozesses immer ein szenischer und forschender Workshop mit den Schauspielenden, in dem Figurenprofile und Backstories gemeinsam erfunden und Wendepunkte der Handlung getestet werden.
Woodie Guthrie: All you fascists
Kulturkampfkunst. Warum man nicht über jedes Stöckchen springen sollte.
Eine Einführung von Natascha Strobl zum rechten Kulturkampf und dessen Strategien; Ringvorlesung im Rahmen der Friedrich-Ebert-Stiftung an der Universität Bonn.
Playlist of LOVE
Diese Playlist hat uns durch die Proben begleitet und die
wollen wir auch Ihnen nicht vorenthalten.
Für das Gefühl und gegen Hass und Angstmache.