Die Geschwister Anton Tschechow und Mariya Tschechowa
Ein wichtiges Dokument zum Leben Anton Tschechows sind die Memoiren seiner Schwester Mariya Pawlowna Tschechowa, erschienen unter dem Titel Mein Bruder Anton Tschechow.
Anton Tschechow wurde 1860 in Taganrog geboren, Mascha kam drei Jahre später zur Welt. Die Geschwister wuchsen zusammen mit vier weiteren Geschwistern in armen Verhältnissen auf. Als der Vater, der die Kinder streng, gewaltvoll und religiös erzog, wegen Insolvenz verschwinden musste, zog die Familie ihm bald nach Moskau hinterher. Zurück blieb der jugendliche Anton Tschechow bis er die Schule beendet hatte. Sobald er nach Moskau zog, wo die Familie auf beengtem Raum lebte, begann er sich um die finanzielle Absicherung der Familie zu kümmern. Während er bereits Medizin studierte, verfasste er Kurzgeschichten, die in Zeitungen veröffentlicht wurden und Geld einbrachten.
Anton Tschechow blieb – auch nach seiner späten Heirat mit der Schauspielerin Olga Knipper – sein ganzes Leben lang mit seiner Familie, für die er schnell zum von allen geachteten Familienoberhaupt wurde, aufs engste verbunden. Mascha, die selbst nie heiratete, war wohl (lange) die ihm nächste Vertraute. In ihren Memoiren beschreibt sie, wie sie in der gemeinsamen Kindheit und später Tschechows Leben in Moskau, Melichowo und Jalta ständig begleitet hat. Obwohl als Lehrerin berufstätig, war sie seine Sekretärin, kümmerte sich um die Wirtschaft in Melichowo, assistierte in seiner Arztpraxis und unterstützte ihn bei seinen sozialen Aufgaben, wie dem Bauen einer Schule.
Mascha Tschechowa beschreibt auch die fröhlich kreative Atmosphäre im Haus, wo sich seit der Kindheit – trotz des jähzornigen und ungerechten Vaters und der ständigen Geldsorgen – eine eigene komische Familiensprache herausbildete, wo ständig herumgealbert, Theater gespielt und parodiert wurde, wo teils so viele Gäste übernachteten, dass sie auf Matratzen im Flur schliefen.
Obwohl Anton Tschechow als zurückgezogen beschrieben wird und schon früh an Tuberkulose erkrankte, scheint sein kurzes Leben sehr reichhaltig. Neben seinem umfassenden literarischen Werk, das vor allem der Publizist Suvorin veröffentlichte, unternahm er eine mehrmonatige Reise auf die Strafgefangeneninsel Sachalin, um die Verhältnisse dort zu untersuchen – woraufhin das Strafrecht tatsächlich angepasst wurde. Er war Mediziner, Gärtner und Angler, baute Schulen und entrümpelte mithilfe der Theatermacher Stanislawski und Nemirowitsch-Dantschenko den damaligen Theaterbetrieb.
Mariya war voll integriert in den Freundeskreis um das Moskauer Künstlertheater. Auch die später so berühmten Jugendfreunde, wie den Landschaftsmaler Isaak Lewitan oder Maxim Gorki, hat sie gut gekannt. Die Frauen, die Anton Tschechow umschwärmten, waren häufig Mariyas Freundinnen, die sie in die herzliche Atmosphäre der Familie einführte.
Nach dem Tod ihres Bruders widmete sie als Direktorin des Tschechow-Museums in Jalta ihr weiteres Leben der Sammlung und Bewahrung seines Werks.