This page has not been translated into English. The page will be displayed in German.

MK:

Digital Program Booklet "Anna, Mascha und Julia"

Die Geschwister Mariya Tschechowa, genannt Mascha, und Anton Tschechow nehmen an diesem Abend das Publikum mit auf eine Wanderung durch Tschechows Werk, das immer wieder Rätsel aufgibt: Es sind Komödien aus tragischem Stoff mit einem Suizid am Ende, Figuren, die sich in keine Schublade stecken lassen, Theatertexte, die keiner klaren Linie folgen, sondern sich aus einem Mosaik von Szenen zusammensetzen.

„Wenn du im ersten Akt eine Pistole platzierst, dann muss im dritten Akt ein Schuss fallen“, diesen Rat gab Anton Tschechow einmal einem Schriftstellerkollegen. Tatsächlich bringt sich in seinen Stücken häufig eine der Figuren um, oder versucht, jemand anderen zu erschießen – immer die männlichen Figuren. Und obwohl die Texte von Anton Tschechow von vielen unterschiedlichen Figuren mit individueller Tiefe bevölkert sind, stehen die Frauen neben den Männern namens Iwanow, Trigorin oder Wanja selten völlig im Rampenlicht. In der Jahrgangsinszenierung der Otto Falckenberg Schule werden sie etwas mehr in den Blick genommen: Nina, Anna, Mascha, Sonja – ihre individuellen Sehnsüchte, Ängste und Beschränkungen setzen sich auf der Bühne in ein neues Spannungsverhältnis.

„Du fragst, was ist das Leben?“

Anton Tschechow schrieb kurz vor seinem Tod an seine Frau Olga Knipper „Du fragst, was ist das Leben? Das ist das gleiche, als würde man fragen: Was ist eine Karotte? Eine Karotte ist eine Karotte und das ist alles.“ Vielleicht eine Weise auszudrücken, dass sich das Leben nicht erklären lässt – sie steht in einem eigentümlichen Spannungsverhältnis zum Werk Anton Tschechows, welches das menschliche Leben in allen möglichen Facetten bis in die alltäglichsten Details immer wieder aufs Neue ausleuchtet. In einer Zeit des Übergangs, in der das russische Zarenreich noch nicht durch die Revolution vom Kommunismus abgelöst war, untersucht er das Individuum mit seinen Träumen und Schwächen, das Scheitern in der eigenen Biografie. Habe ich richtig gelebt? In was stecke ich meine Lebensenergie? sind einige der Fragen, auf die die Figuren immer wieder keine Antwort finden.

„In Naturbeschreibungen muss man sich an Einzelheiten halten, die man so gruppiert, dass sie beim Lesen, wenn man die Augen schließt, ein Bild ergeben.“

Anton Tschechow an Aleksander Tschechow

Am 11. Mai 1889 schrieb er in einem Brief an seinen Bruder Alexander: „Radikales Umarbeiten soll dich nicht beunruhigen, denn je mehr das Ergebnis einem Mosaik gleicht, desto besser.“ Oder, diese Beschreibung wird hier geliehen: einem dramatischen Feld. Dieses Feld bespielen an diesem Abend zusammen mit den anderen Figuren Sonja aus „Onkel Wanja“, Nina aus „Die Möwe“, Anna Sergejewna aus der Kurzgeschichte „Die Dame mit dem Hündchen“, Sascha aus „Iwanow“ und Ljubow aus „Der Kirschgarten“.

Sonja, Nina, Anna, Ljubow

Sonja und ihr Onkel Wanja haben das Gut ihres Vaters jahrelang für diesen, den Kunstprofessor aus der Großstadt, bewirtschaftet. Als er mit seiner Gattin Jelena zu Besuch kommt, steht alles still. Wanja hadert mit seinen verblassenden Idealen, Sonja hält den Laden am Laufen und liebt den Arzt Astrow, der mit dem Leben abgeschlossen zu haben scheint. Und jetzt? Darauf haben sie gerade keine Antwort.

Nina träumt davon, von dem Ort am See wegzukommen – wie wird das Leben schillernd, bedeutsamer? Kostja, Sohn der berühmten Schauspielerin Arkadina, ist auf der Suche nach seiner Bestimmung als Schriftsteller und hadert mit den Kunstvorstellungen der älteren Generation. Während Kostja sich in Zweifeln verliert, findet Nina die Antwort in einer Schauspielkarriere, für die sie bereit ist, einige Opfer zu bringen. Auf ihrem Weg lernt sie den etablierten Schriftsteller Trigorin kennen – angekommen, aber auch gefangen in seiner Arbeit, alles scheint ihm Material. Arkadina wiederum muss sich mit dem Älterwerden auseinandersetzen. Eine kleine Gesellschaft von Menschen, die laut und leise weitermachen und fallen.

„Um ein Uhr nachts wird auf der Straße laut über „Die Möwe“ geredet, ich liege im Bett und höre alles“

Mascha Tschechowa an Anton Tschechow

Anna Sergejewna ist im Urlaub, weg von ihrem Ehemann, wo sie den ebenfalls verheirateten älteren Mann Dimitrij Gurow kennenlernt. Was als Affaire beginnt, stellt sich bald als die große Liebe heraus, neben der alles andere als Lüge erscheint…

Sascha liebt Iwanow, der an einer schweren Depression erkrankt ist. Was genau zu seinem Zustand beigetragen hat, lässt sich nicht mehr rekonstruieren – er hat sich übernommen, er liebt seine Frau nicht mehr, die für ihn alles aufgegeben hat, er ist verschuldet. Tschechow selbst resümierte über Iwanow: Menschen wie Iwanow lösen keine Fragen, sie brechen unter der Last zusammen. Und Sascha? Sie ist jung, sie will was vom Leben, sie ist auf der Suche nach ihrem Handlungsspielraum.

Ljubow kommt nach längerer Abwesenheit auf ihr Gut zurück. Allerdings ist das Geld weg, und mit dem Grund, auf dem ein wunderschöner Kirschgarten steht, muss etwas geschehen. Nur was? Die Lösung könnte doch Verpachtung samt Abholzung des Gartens sein, so zumindest Lopachin. Wer hier für was steht, wurde in der Aufführungsgeschichte des „Kirschgartens“ immer wieder neu gedeutet – die Figuren wurden je nachdem vor einen anderen ideologischen Karren gespannt. Lopachin als fortschrittlicher Unternehmer oder Emporkömmling ohne Gewissen; Ljubow als verwöhnte, handlungsunfähige Person, die den Schuss nicht hört, oder als Ode an das Recht auf Schönheit, auf alles, was keinen ökonomischen Wert hat, auf Kultur?

Werde ich das richtige Leben gelebt haben?

Anton Tschechow arbeitete sich immer wieder innerlich an der Forderung nach einer Haltung ab – und blieb dennoch stets dem eigenen Stil treu. Tatsächlich trifft er in einer Zeit des politischen und gesellschaftlichen Überganges in seinen Werken keine moralischen Aussagen oder urteilt gar über seine Figuren. Genau darin liegt seine Stärke und das Revolutionäre seiner Texte – er zeigt das Leben „wie es ist“ und die alltäglichen Menschen „wie sie sind“. In diesem empathischen Blick, der keine klare Identifikation mit einer Figur provoziert, liegt die Kraft seiner Stücke.

Kurz vor ihrem Schauspielabschluss setzen sich die Studierenden des 3. Schauspieljahrgangs der Otto Falckenberg Schule ins Verhältnis zu den Figuren: Was bedeutet es, zu schwach zu sein, um das Leben zu leben, von dem man träumt? Wie steht es um Abhängigkeiten, wie schafft man es loszugehen? Werde ich das richtige Leben gelebt haben?

„…ohne Zeitungen könnte man in düstere Melancholie verfallen und sogar heiraten“

Anton Tschechow an Wassili Sobolewski

Am Ende ihres Lebens schrieb Mascha in ihren Erinnerungen an ihren Bruder: „Indem ich mein Leben dem Schriftsteller Anton Tschechow widmete, habe ich erfüllt, was ich erreichen wollte. Zu seinen Lebzeiten habe ich mich bemüht, ihm zu helfen, wo es nur ging, damit er in Ruhe arbeiten konnte.“ Und gearbeitet hat Anton Tschechow viel. Tschechow, der aus armen Verhältnissen stammte, begann zunächst aus ökonomischen Gründen mit dem Schreiben, seine in Zeitungen publizierten Texte ernährten die Familie. Bis zu seinem Tod 1904 veröffentliche er über 600 Texte. Obwohl er sich stets als der Mediziner sah, der er war, veränderten seine Theaterstücke den Theaterbetrieb grundlegend und zählen noch heute zu den meistgespielten Stücken.

Lesen Sie hier mehr über das Geschwisterpaar.