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MK:

Digital Program Booklet "Love me tender"

„Warum sollte die Liebe zwischen einer Mutter und einem Sohn nicht genau wie jede andere sein? Warum sollten wir uns nicht trennen können? Warum sollten wir nicht aufhören können einander zu lieben?  Warum müssen wir uns unbedingt lieben, in und außerhalb der Familie, und warum müssen wir uns selbst und anderen immer wieder davon erzählen?“

Constance Debré, „Love me tender“

Drei autobiographische Romane sind bislang von Constance Debré in Frankreich erschienen, Playboy (2018), Love me tender (2020) und Nom (2022), die alle auf ähnliche Weise von der Suche nach dem richtigen Leben im Falschen erzählen und dadurch auch als ein großer Fortsetzungsroman gelesen werden können. Alle drei handeln von der Selbst(er)findung eines durch und durch anti-bürgerlichen Ichs. 2024 erschien die erste deutschsprachige Ausgabe eines ihrer Bücher, Love me tender.

Die Protagonistin, ein Spiegelbild Debrés, vollzieht einen radikalen Bruch mit ihrer bisherigen Existenz. Sie trennt sich von ihrem Mann, mit dem sie zwanzig Jahre zusammen war, gibt ihren Beruf auf – sie arbeitete als erfolgreiche Anwältin, stammt aus einer sehr prominenten und reichen Familie. Die Erzählerin beschließt, auf ihr bürgerliches Leben, auf ihr Einkommen und ihren Status zu verzichten, sich ganz dem Schreiben zu widmen und mit Frauen zusammen zu sein. Eine Konstante bleibt in ihrem Leben bestehen: Der gemeinsame achtjährige Sohn Paul lebt eine Woche bei ihrem Mann, eine Woche kommt er zu ihr. Doch nachdem sie ihrem Mann von ihren Verhältnissen mit Frauen erzählt hat und den Wunsch einer Scheidung formuliert, setzt dieser völlig überraschend eine Kette von Ereignissen in Gang.

Die Erzählerin gerät unvermittelt in die Mühlen der Justiz, ihr Wunsch nach Selbstbestimmung ist mit ihrer Mutterschaft plötzlich nicht mehr vereinbar, denn ihr Mann wirft ihr Inzest und Pädophilie vor. Und obwohl jegliche Beweise fehlen, greift das System der Justiz, sie verliert das Sorgerecht und darf Paul zunächst gar nicht mehr sehen, später lediglich in kontrollierter Form in einem „Begegnungsraum“. Unter der schützenden Begleitung von Pädagoginnen sieht sie Paul dort nach mehr als einem Jahr für jeweils eine Stunde alle 14 Tage wieder, „wie ein kleines Hobby“. Paul verhält sich widersprüchlich, oft zugewandt und liebevoll – doch plötzlich wieder abweisend. Offensichtlich wird er vom Vater manipuliert.

Die Erzählerin geht bis an ihre Grenzen. Sie kämpft gegen verlogene Rollenklischees einer guten Mutter, für ihre sexuelle Selbstbestimmung, sie kämpft für ihre eigene Version von Mutterschaft und hofft dabei weder auf gesellschaftliche Solidarität noch auf irgendeine objektive Gerechtigkeit. Sie lehnt die Opferrolle konsequent ab, aber leugnet auch nicht die immensen Schmerzen, die mit der Entscheidung für diesen radikalen Weg der Selbstfindung verbunden sind. Schonungslos protokolliert sie die einzelnen Schritte der Ablösung von ihrer bisherigen Existenz, den Zustand zwischen Rastlosigkeit und Warten, die Momente der Sehnsucht und der Trauer um den Sohn, den sie vermisst. Gleichzeitig weiß sie, dass sie ihr neues Leben nur führen kann, weil sie sich nicht mehr, wie bisher, um ein Kind kümmern muss. Der Preis der Freiheit ist hoch, sie erlaubt sich keine Schwäche, stählt ihren Körper, der ihr unverzichtbares Kapital darstellt, exerziert ein tägliches Schwimmtraining. Sie liebt, exzessiv und wahllos, jede könnte es sein. Sie wirft den Ballast von Besitz und Herkunft, von Wohnung und Familie immer weiter ab, bis fast nichts mehr übrigbleibt: Sie könnte jetzt ewig unterwegs sein, nur noch im Auto schlafen, nirgendwo verweilen, zu niemandem mehr zurückkehren.

Die durch gerichtliche Verfügung bestimmten Treffen mit Paul stellen die einzige Konstante in dieser Rastlosigkeit dar. Die zwanghafte Wiederholung der Situation im Begegnungsraum erinnert die Erzählerin an die Existenz einer Laborratte, die jederzeit der Willkür eines Experiments ausgesetzt ist. Wenn sie die unmittelbare Nähe zu ihrem Kind spürt, sich auf ein Wiedersehen freut, sagt ihr Mann das Folgetreffen mit Paul meist grundlos und kurzfristig ab. Sein Verhalten hat keine negativen Konsequenzen für ihn. Die Justiz ist langsam, nichts entspannt sich, obwohl sich die Anklage der Pädophilie längst als haltlos erwiesen hat. Stattdessen beobachtet sie, wie ihr der eigene Sohn fremd wird.

Was kann Liebe bedeuten angesichts des Verlusts von fast allem? Welche Dimensionen hat der Kampf um Freiheit, wenn man nicht bereit ist, sich der Repression gesellschaftlicher Gewaltstrukturen zu beugen? Am Ende von „Love me tender“ steht ein neuer Anfang. „Mir ist klar geworden, dass der Kummer vorbei ist. Nicht die Traurigkeit, aber dieser Kummer, der alles auffrisst. Ich habe um meinen Sohn getrauert. Das ist es, ich habe getrauert. Ich habe mich besser gefühlt als seit Jahren. Das kam ganz plötzlich. Wie nach einer Grippe, wenn man aufwacht und wieder gesund ist.“

Viola Hasselberg

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Constance Debré ist die Tochter des Journalisten François Debré (1942–2020) und des ehemaligen Models Maylis Ybarnégaray (1942–1988), Enkelin von Michel Debré (1912–1996), dem ehemaligen Premierminister von General de Gaulle, und von Jean Ybarnégaray (1883–1956), einem Minister des Vichy-Regimes und Widerstandskämpfer.

Kai Nonnenmatter über Debrés außergewöhnliche Biografie und wie sie mit dem Ausstieg aus all dem Literatur gemacht hat.

„An den besten Stellen geht Debrés Schreiben somit durch Mark und Bein. Insbesondere Love me tender ist so entlarvend und herzzerreißend, wie man es lange nicht mehr, vielleicht sogar noch nie, gelesen hat. Die Misogynie und Homophobie, die ihr von Ex-Mann und Staat gleichermaßen entgegenschlagen, und wie sie diesen trotzt, ist bewundernswert. Hier begleitet man tatsächlich jemanden auf der Suche nach dem, was Liebe im Angesicht des kompletten Verlustes bedeuten kann.“

Lea Sauer
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Constance Debré setzt uns in ihren autofiktionalen Romanen die Pistole auf die Brust | Von Lea Sauer

Müsste man Debrés Stil in einem Wort beschreiben, so wäre es: Punk. Larmoyanz kann man ihr nun wirklich nicht vorwerfen. Poesie nur, wenn es der Sache dient. Wie Maschinengewehrschüsse rattern ihre Sätze über das Papier.

Klassenflucht mal anders, raus der High Society der Pariser Edelviertel, rein in die Armut einer radikalen Queer-Bohème. Darf sie das? Kann man das?

„I don’t like to write about feelings, I like the reader to feel the feelings.“

Constance Debré
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Von Holly Conolly

In diesem auf Englisch geführten Interview spricht Constance Debré darüber, wie ihre frühere Karriere als Anwältin ihr Schreiben beeinflusst, warum es ihr peinlich ist, zu viel über Gefühle zu schreiben, und wieso „Love me tender“ fälschlicherweise als Roman über „queere Identität” verstanden wird.

Play Boy

Constance Debrés Roman „Play Boy” erzählt eigentlich die Vorgeschichte zu „Love me tender“, ist in Deutschland aber erst später erschienen: Als sie das erste Mal eine Frau küsst, ist sie zurückhaltend, verunsichert. Doch mit jedem weiteren Kuss findet sich die Protagonistin in „Play Boy” immer mehr in ihr neues Leben ein. Nach Jahrzehnten der Ehe mit ihrem Mann und der Erziehung des gemeinsamen Sohnes trennt sie sich von dem vermeintlichen Familienidyll, blickt mit neuen Augen auf ihr Aufwachsen innerhalb einer renommierten französischen Familie als Kind zweier verarmter Drogenabhängiger; auf ihren Beruf als Strafverteidigerin – um im Kern eine neue Körperlichkeit zu entdecken.

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Gibt es bedingungslose Liebe? Müssen wir unser innerstes Selbst verleugnen, um akzeptiert zu werden? Und was passiert, wenn wir das nicht tun?

Es sind existenzielle Fragen, die Constance Debré stellt. „Love me tender“ ist ein kraftvoller Roman über eine gewaltsame Selbstermächtigung und den freien Willen.

Hier geht es zur SWR-Rezension von Nora Karcher.