In Deutschland ist Antisemitismus oft sehr subtil
Samuel Finzi im Gespräch mit Stella Leder
Wie hast du dich persönlich mit dieser Suche nach einem neuen Zuhause der Displaced Persons, wie sie im Stück zentral ist, verbunden gefühlt?
Die jüdischen Gemeinden in Bulgarien zählten nach dem Krieg etwa 50.000 Seelen, nach der Staatsgründung Israels sind 45.000 davon sofort ausgewandert. Aus meiner Familie sind auch fast alle ausgewandert – nach Israel, New York, Brasilien, Argentinien usw. Es ist Zufall, dass mein Vater in Bulgarien blieb und später meine Mutter traf.
Wir haben in der Familie den Kontakt zueinander erhalten, die Verwandten kamen oft zu Besuch im Sommer und ich hatte dadurch das Gefühl, zu einer großen Familie zu gehören. Bis heute ist es so, wenn ich reise – in vielen Ländern weiß ich, an welcher Tür ich klingeln kann. Ich habe mit einigen Theatervorstellungen in diesen Ländern gastiert, die Leute in der Produktion sagten dann immer: Wo ist Samuel? Klar, der trifft sich mit einem Verwandten heute Abend. Wir sind in der ganzen Welt zerstreut. Ich bin nicht mit der jüdischen Tradition aufgewachsen, aber da ist natürlich etwas Jüdisches. Desto älter ich werde, desto bewusster wird mir, dass das bei uns Juden eben so ist.
Wie Du weißt, ist eine der großen Anschuldigungen gegenüber den Juden in der Sowjetunion gewesen, dass sie Kosmopoliten seien. Ich hätte dieses System nicht überlebt, denn ich bin wirklich einer.
Ist das Thema „Wohin jetzt?“ nach dem 7. Oktober wieder aktuell für dich?
Ich frage mich generell wohin, nicht nur nach dem 7. Oktober. Das ist, was ich mich frage: Wohin mit uns überhaupt?
Dazu muss ich sagen, ich hab schon in den Zweitausender Jahren in Bulgarien den Namen meiner Familie auf der Liste gelesen, die war von so Ultranationalisten. Die haben eine Liste von 2000 Juden erstellt und im Internet veröffentlicht mit genauen Beschreibungen, wer wer ist. Damals hab ich mir gesagt, so muss es damals angefangen haben. Aber zum Glück lebte ich ja nicht in Bulgarien. Aber ich habe mir Sorgen um meine Eltern gemacht.
Zum Glück ist die Bulgarische Gesellschaft aber grundsätzlich keine antisemitische Gesellschaft. Es gibt sehr viele verschiedene Minderheiten in diesem Land. Feindseligkeit äußert sich in der Sprache, aber nicht so sehr in Handlungen gegenüber Menschen. Rassismus ist in Bulgarien stärker ausgeprägt als Antisemitismus aus meiner Sicht. Die Sinti und Roma leiden sehr unter dem dortigen Rassismus.
So lange nicht Hand eingelegt wird, ist es nicht so schlimm?
In Bulgarien ist Antisemitismus, wenn er da ist, offen und direkt und das heißt, Du kannst Dich wehren. Du kannst verbal zurückschlagen. In Deutschland ist Antisemitismus oft sehr subtil, es ist schwer, sich dagegen zur Wehr zu setzen und zu widersprechen, und deshalb finde ich den Antisemitismus hier gefährlicher. Hier wird so rumgedruckst. (…)
Im Stück ist die Annahme in 20 Jahren gibt es kaum mehr Juden in Deutschland. Denkst du das ist realistisch?
Ja. (Schweigen.)
Warum?
Aus Sicherheitsgründen. Wie gesagt, ich will das nicht glauben. Du weißt selber, wie viele Israelis hier leben, wie viele nach Berlin kommen und dann wieder zurückkehren oder in ein anderes Land gehen. Aber wenn man hört, dass nach dem 7. Oktober auf der Straße Baklava verteilt wird und was alles passiert … Warum sollten wir hierbleiben? Warum? Warum sollen Juden hier sein und sich verstecken?
Aber gut … Zum Stück: Das Stück zeigt eine dystopische Gesellschaft. Ich glaube: wenn eine Gesellschaft sich von einer Minderheit verabschiedet, das ist immer ein Verlust für die ganze Gesellschaft. Also kürz meine Antwort einfach ab und schreib: Ja, ich kann mir gut vorstellen, dass es in 20 Jahren keine Juden mehr hier gibt, mehr nicht. Was kann ich auf diese Frage antworten?
Auerbach – was interessiert dich an dem?
Irgendwie seine Naivität. (…) Ich glaube, Auerbach war ein deutscher Idealist. Er hat tatsächlich geglaubt seine Vision lässt sich verwirklichen: Gerechtigkeit. Also, er hat gedacht, das kann wirklich existieren. Wie ein besessener hat er daran geglaubt. Seine Ideen sind teilweise absurd, und er ist besessen von ihnen, und ich glaube, diese Besessenheit ist das, was seine so wahnsinnige Humanität ist. Das gefällt mir. Ich bilde mir ein, dass er Humanist ist, dass er an das Gute glaubt. Und dann ist er natürlich auch einfach ein zweiter Dreifuss, oder, wenn du so willst, ein zweiter Rosenberg. Und das reizt mich.
Dürfen nur Juden Juden spielen?
Desto älter ich werde, desto mehr Angebote bekomme ich, Juden zu spielen. Das war früher nicht so. Ich weiß nicht, ob es Zufall ist. Vermutlich liegt es an der Zeit, in der wir jetzt leben – Leute denken, dass nur Juden Juden spielen dürfen. Sie sichern sich damit ab. Ich denke, es geht nicht darum, ob jemand Jude ist, sondern darum, welche Eigenschaften jemand hat. Ich werde mir gleich selbst widersprechen, aber ich sage mal: Ich spiele die Rollen gut, weil ich eine bestimmte Sensibilität habe und nicht, weil ich Jude bin. Ich weigere mich, das Jüdische herauszuheben als eine Besonderheit. Ah, ich weiß, schreib: jeder kann einen Juden spielen. Er muss es aber gut machen, bitte. (Lacht.)
Was hat dich an dem Stücktext aufgeregt?
Im Stück gab es diese Stelle, die in Auschwitz spielt und in der es darum geht, dass Auerbach gezwungen war, Seife zu produzieren für die SS. Was wir mit dieser Stelle gemacht haben, wurde dem, was erzählt werden sollte, nicht gerecht. Will man Auerbachs Situation in Auschwitz zeigen, darf man nicht einfach so etwas dazu erfinden. Die ästhetischen Mittel müssen dafür sorgen, dass ich auf einen komplexeren Gedanken komme als ohne die ästhetischen Mittel. Wenn sie das nicht schaffen, sind die überflüssig. Aus meiner Sicht haben wir im Fall der besagten Szene das nicht geschafft. Ich war sehr erleichtert, als wir diese Stelle rausgenommen haben.
Die Art, wie wir das Thema verarbeiten, ist, finde ich, ansonsten absolut richtig. Es ist für mich eigentlich der einzige Weg, an die Sache ranzugehen – als Revue, als Groteske. So wie ein Film über Hitler nur als Groteske geht. Außer man arbeitet dokumentarisch, das geht auch. Aber bitte keine realistischen Filme. George Tabori hat gesagt: Der kürzeste Witz ist Auschwitz. Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen.
Keiner meiner Verwandten war in Auschwitz. Ich habe diesen Schmerz nicht in der Familie, habe ihn aber bei anderen gesehen. Deshalb bin ich sehr, sehr vorsichtig, wenn ich darüber spreche. Dieses Trauma geht durch den Körper, und der Schmerz geht von Generation zu Generation. Ich möchte nichts dazu machen, was diesem Schmerz nicht gerecht wird.