Zu wenig zur rechten Zeit gefragt
Avishai Milstein über seine Motivation, „Play Auerbach!“ zu schreiben, und über seine Auseinandersetzung mit Antisemitimus.
Von Avishai Milstein
Seit Ende des 2. Weltkriegs verhandeln die Deutschen permanent über das Maß an Antisemitismus, das sie sich weiterhin durchgehen lassen dürfen, ohne dass ihnen unterstellt würde, sie bereiteten ein neues Auschwitz vor. Sie geben zu, dass Hitler eine unerhörte Eskalation von Antisemitismus gewesen sein mag. Aber „israelkritisch“ darf man doch trotzdem sein – dieser Begriff ist im Duden nachschlagbar, als einzigem Wörterbuch auf der ganzen Welt. So muss der Begriff doch zum Wortschatz der Nation gehören. Die Deutschen verhandeln ihren Antisemitismus unter sich, aber ebenso mit der ganzen Welt. Hauptsache ihnen wird ein Quäntchen davon gebilligt. So tief ist er in ihrer Identität verwurzelt, dass sie Gefahr laufen, sich selbst ohne Antisemitismus nicht wiedererkennen zu können.
Philipp Auerbach bildete sich ein, er könnte das Problem politisch auflösen. Der Antisemitismus würde verschwinden, wenn sich Juden nach dem Krieg in Deutschland wieder beheimaten würden. Warum aber hätten die Nachkriegsdeutschen jene jüdischen Flüchtlinge willkommen heißen sollen? Weil sie dadurch wieder in die Völkerfamilie aufgenommen würden. Was aber sollte die Juden verführen, im Land der Täter Fuß zu fassen? Auerbach kämpfte für eine angemessene Wiedergutmachung, die Rückerstattung von arisiertem Besitz und (Geld)Strafen für NSDAP- Parteimitgliedschaft einschlossen. Er ist gescheitert, weil er politisch zu schwach war. Aber auch, und vielleicht hauptsächlich deswegen, weil der Verzicht auf die antisemitische Vergangenheit gleichzeitig ein Verzicht auf die ohnehin angeschlagene nationale Würde bedeutete.
Seither bildeten die Deutschen eine neue Identität – eine durchaus demokratische, eine die Erinnerungskultur beinhaltende – aber ganz ohne Antisemitismus fühlt sich diese Identität irgendwie zu nackt an. Die Nachkriegsdeutschen hätten vielleicht dem Antisemitismus begegnen können, indem sie sich ihm entschlossener entledigt hätten. Heute ist es dafür wahrscheinlich schon zu spät. Heute bleibt es ausschließlich den Juden überlassen, dem Antisemitismus zu begegnen. Und die Juden können entweder hinnehmen, dass sich ein Leben in Deutschland wie ein ständiger Konflikt mit einem gewissen Grad an Antisemitismus darstellt, oder sie können sich davonmachen und wegbleiben.
Der Antisemitismus wird heute politisch verwendet, oder missbraucht, wie z.B. auch Begriffe wie Gerechtigkeit, Mitleid, Liebe oder Hass. Und als Mindset wohnt er Rechten wie Linken inne. Heute und immer schon hat es antisemitische Juden gegeben. Die Juden, die in die Kulturlandschaften mancher europäischen Länder assimilieren wollten, mussten sich mit einem gewissen Judenhass identifizieren.
Meine beiden Eltern waren Überlebende. Zu Hause in Tel-Aviv empfand ich dennoch keinen spezifischen Hass gegen Deutsche. Ganz im Gegenteil. Als ich vorhatte, in Deutschland zu studieren, war mein Vater hundertprozentig dafür. „Ich habe die Deutschen nie wirklich gehasst, weil sie für mich fremd waren“, sagte mein Vater. „Die Polen haben mich verraten, denn sie waren unsere Nachbarn und Partner. Ich werde nie nach Polen zurückkehren“.
Meine Mutter hielt sich nach dem Krieg eine Weile im DP-Lager Landsberg auf. Ich weiß nicht genau, wie lange, sie hat fast nie etwas über diese Zeit berichtet. Die Nachkriegszeit war für sie weniger prägend als zuvor die Shoah – oder danach ihre Einwanderung nach Israel. Ein „grauer Bereich“ scheinen die Jahre in Landsberg für sie gewesen zu sein. Sie hat dort hauptsächlich Freundinnen aus ihrem vergangenen Leben in Lódz aufgespürt, die überlebt hatten. Kreise schlossen sich für sie.
Ich habe mich entschieden, über Auerbach zu schreiben, aber nicht meiner Mutter zuliebe. Schon eher wegen der Kammerspiele, wegen Kreisen, die sich für mich schließen. Mitte der 80er Jahre habe ich an der LMU studiert. Dieser Studienplatz war für mich eher fade und einfach zu theoretisch, während ich Theater vor allem in der Praxis erleben wollte. Die Kammerspiele waren für mich ein bevorzugter Zufluchtsort, um meine akademische Enttäuschung zu verdrängen. Ich verbrachte fast jeden Abend in der zweiten Reihe des rechten Ranges, nachdem ich zwei Stunden für Studentenkarten Schlange gestanden hatte. Nach dem Studium bin ich München viele Jahre ferngeblieben. Meine Rückkehr rief bei mir diese alte Leidenschaft hervor, zumal ich beobachtete, wie ehrlich dieses Theater mit seiner eigenen Vergangenheit umzugehen versucht.
Ein Mangel an Ehrlichkeit ist es, was die sogenannte Erinnerungskultur der Deutschen derart ironisiert. Für zu viele Deutsche fehlt eine redliche Auseinandersetzung mit der eigenen familiären Vergangenheit. Sie haben zu wenig zur rechten Zeit gefragt. So bleibt ihnen jetzt nur die Erinnerungskultur übrig. Nur woran genau erinnern sie sich mit Hilfe dieser Erinnerungskultur, wenn sie sich in der Vergangenheit nichts wirklich Persönliches abverlangt haben oder einfach nur Schluss mit der sie heimsuchenden Vergangenheit machen wollten?
Ich habe kein dokumentarisches Stück über Auerbach geschrieben, weil ich mir keinen Erfolg in dieser Gattung zutraue. Ich habe kein realistisches Stück über ihn geschrieben, weil ich bei meinen Recherchen zu wenig Stoff über sein Privatleben gefunden habe. Zu wenig Frauen besetzten Hauptrollen in seinem Leben, und ein Stück ohne Beziehungen unter den Protagonist*innen kenne ich nicht. In meiner Fantasie gibt es 2045 kein professionelles Theater mehr in Deutschland, also gibt es auch keine Schauspieler*innen mehr, die diese Beziehungen bearbeiten würden. Welches Genre könnte ansonsten meine Fantasien zu Auerbach befeuern? Eine Revue zu schreiben war tatsächlich die abgelegenste Variante. Aber die Einzige, die sich für mich beim Schreiben immer wieder bewährt hat.
Mein Protagonist Kuhn, alias Auerbach, ist scheinbar sarkastisch, weil er es – als ein sein Judentum verheimlichender Mensch – gewöhnt ist, sich permanent zu schützen. Humor ist der effizienteste Schutzwall, den es gibt. Ich wünsche mir tatsächlich, dass statt Raketen Witze geschossen würden, und Gegenwitze statt Abfangraketen. Dass Menschen eher vor Lachen sterben würden.