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MK:

„Zeit ohne Gefühle“, eine 10 jährige Recherchereise

Von Christine Umpfenbach

Stand: 22. Oktober 2025

„Ich konnte das Foto und die Geschichte Mordechais nie vergessen“

2015 fragte mich Professor Christoph Lepschy des Mozarteum Salzburg, ob ich Interesse hätte, ein dokumentarisches Theaterprojekt über jüdische Geflüchtete zu machen, die nach dem Krieg 1945 bis 1947 in dem Gebäude des Thomas-Bernhard-Instituts für Schauspiel und Regie als „Displaced Persons“ untergebracht waren. Dahinter stand die Idee, dass Studierende des Mozarteum Salzburg und der Universität Tel Aviv zusammen ein Stück entwickeln, das mit diesem Ort in dieser Zeit zu tun hat. Sie sollten gemeinsam in Österreich und Israel recherchieren und mit Zeitzeugen sprechen, die das so genannte „Camp Herzl“ in Salzburg kannten und in ihre eigene Familiengeschichte blicken, in Deutschland, Österreich und Israel. Inwiefern hatten auch sie selbst mit der NS-Zeit zu tun?

Im Mai 2015 trafen wir, fünf Studierende des Mozarteums Salzburg, Dedi Baron, eine israelische Regisseurin, und ich, Mordechai Teichner im Kibbutz „En HaShofet“. Er kannte das „Camp Herzl“, da er als sehr guter Fußballer in die dortige Fußballmannschaft aufgenommen worden war.

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Besuch bei Mordechai Teichner im Kibbutz „En HaShofet“ in Israel, Mai 2015, Studierende des Mozarteums Salzburg, die israelische Regisseurin Dedi Baron und ich

Mordechai erzählte uns mehrere Stunden, auf Hebräisch und Deutsch, wie er mit seiner Familie aus Budapest ins KZ Auschwitz deportiert wurde, wie er sich von seiner Mutter nicht verabschieden konnte, wie er zusammen mit seinem Vater ins KZ Dachau und weiter in ein Außenlager in Mühldorf am Inn geschickt wurde, wie sein Vater dort verstarb und wie er selbst nach einer Tortur in einem Todeszug in Seeshaupt befreit wurde. Das erste Mal hörte ich damals von einem DP Camp in einer ehemaligen Reichsschule in Feldafing: „Nicht so weit von München entfernt, gab es eine Schule der Nationalsozialisten in Feldafing. In der Nähe von München.“

An seiner Wand in seinem Arbeitszimmer hing ein Foto, das eine Fotografin im DP Camp Feldafing gemacht hatte, die eigentlich Soldaten fotografierte. Er blickt direkt in die Kamera, trägt KZ Sträflingshose, ein Hemd und eine Kappe der Nationalsozialisten. Wir fragten ihn, wann und wo das war. Er erzählte:

„NS Hemd und KZ Hose. Die Mütze ist von einem Offizier der Luftwaffe. Sie stammen aus einem Kleiderdepot von Soldaten. Es gab nichts anderes. Es war sofort nach dem Krieg. Ich habe nichts dabei gefühlt. Es ist eine Zeit ohne Gefühle. Ich bin fünfzehn Jahre alt. Was ihr sehen könnt: ein 15jähriges Kind… Schaut die Hände an, schaut die Arme an. Das ist von der Arbeit. Ich war nicht so stark. Auf diesem Rücken waren hunderte Tonnen von Zement getragen worden.“

70 Jahre später sprach er mit deutschen und österreichischen Studierenden über diese Zeit, eine Zeit ohne Gefühle, eine Zeit, in der einige der Großeltern und Urgroßeltern Täter*innen waren. Auf die Frage von Anna, was er heute (2015) über Deutschland und Österreich denke, antwortete Mordechai:

„Es gab Jahre, wo ich der Kaufleiter vom Kibbuz war. Meine Kollegen wussten eines, nämlich dass ich nie und nimmer deutsche Produkte kaufen wollte. Es gab einen VW im Kibbuz und man wusste, dass ich diesen Wagen niemals fahren werde, aber mit den Jahren denkt man nach und merkt, dass die japanischen und die französischen Autos auch Teile von Bosch aus Deutschland haben. Ich habe meine Meinung geändert. Diese Sturheit habe ich aufgegeben.

Heute bist du aus Österreich. Was kann ich gegen dich haben. Du warst ja nicht da. Du bist da nicht gewesen. Nicht einmal deine Eltern, die waren zu jung dafür. Vielleicht dein Opa. Musst du für deinen Opa bezahlen?

Das Foto und die Begegnung mit Mordechai konnte ich nicht vergessen. Meine Idee war, die Orte zu besuchen, an denen er als Vierzehn-, Fünfzehnjähriger überlebt hatte. Was genau war dort geschehen? Wem begegnete er in dieser Zeit des Übergangs, einer Zwischenzeit, in der sich (Macht-) Räume wandelten? Welche Kontinuitäten rechter und antisemitischer Gewalt gab es und gibt es noch heute?
Das Historikerehepaar Erich Kasberger und Prof. Dr. Marita Krauss beschäftigte sich genau mit diesen Fragen. Sie arbeiteten an dem Buch „Traum und Alptraum – Feldafing im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit“. Sie beschrieben diese Zeit so: Zwischenwelten im Übergang von Krieg zur Nachkriegszeit sind Phasen der Liminalität, der Grenzwanderung zwischen Gestern und Morgen. In dieser liminalen Transformationsphase gelten eigene Regeln, sie schließt gleichermaßen ab und öffnet für das Kommende. Neben dem Schmerz über das Verlorene, über die Zerstörungen und die Tode, die sich in dieser Phase des Kriegsendes endgültig als sinnlos erweisen, steht die zaghafte Hoffnung auf eine bessere Zukunft ohne Krieg, ohne Bedrückung und Repression.“ Ihre Recherche und ihr Buch wurden neben Mordechais Geschichte zu einer zweiten Säule dieser Geschichte.

Ich fragte die Autorin Lena Gorelik, ob sie sich vorstellen könnte, aus dem Material ein Stück zu schreiben, sie sagte zu.

Unter dem Titel „Zeit ohne Gefühle“ erarbeitete ich gemeinsam mit Schauspielstudierenden der Otto-Falckenberg-Schule im Oktober 2024 nach einer Recherchephase ein kurzes dokumentarisches Stück, das in der Schauspielschule aufgeführt wurde. Es entstand eine Art Vorskizze: Sie bestand aus dokumentarischem Material von Mordechai und aus dem Feldafing-Projekt von Krauss und Kasberger sowie aus eigenen Texten, die in einem Schreibworkshop mit Lena Gorelik entstanden waren.
Ich nahm Kontakt zu Mordechais Sohn, Meir Teichner auf, denn Mordechai ist leider 2022 gestorben. Meir war bereit, nach München zu reisen und die Orte zu besuchen, an denen sich sein Vater und Großvater aufhielten. Es folgte im Februar 2015 eine einwöchige Recherchephase, dieses Mal gemeinsam mit Meir Teichner und dem künstlerischen Team. Wir trafen Expert*innen wie die Historiker Marita Krauss und Erich Kasberger, die nicht nur ihr Wissen, ihre Fotos und Texte mit uns besprachen und uns mehrfach herzlich bei sich aufnahmen.

Von l. nach r. Nuphar Barkol (Bühnenbildnerin), Patrik Thomas (Filmemacher), Dedi Baron (Regisseurin aus Israel), Marita Krauss (Historikerin), Lara Fürguth (Doktorandin und Übersetzerin), Meir Teichner (Sohn von Mordechai), Theresa Schlesinger (Dramaturgin), Erich Kasberger (Historiker)
Unten von l. nach r.: Christine Umpfenbach (Regisseurin), Lena Gorelik (Autorin)

Wir besuchten die Gedenkstätte Dachau und erfuhren, dass im Arolsen Archiv Mordechai fälschlicherweise als Feichner statt Teichner verzeichnet war und deswegen zunächst schwer zu finden gewesen war. Nun wussten wir auch, wann Mordechai mit seinem Vater Samuel im KZ Dachau angekommen und wann sie weiter ins Außenlager nach Mühldorf am Inn geschickt worden waren. Wir besuchten die Gedenkstätte Mühldorfer Hart und das Gelände des ehemaligen DP Camps in Feldafing, das heute die Bundeswehr nutzt. Überall erfuhren wir – auch Meir – Neues über Mordechai und wurden herzlich empfangen. Es schien ein besonderes Ereignis, dass der Sohn eines Überlebenden diese Orte besuchte.

links: Meir Teichner, Dedi Baron, Marita Krauss, Lara Fürguth und das Team „Zeit ohne Gefühle“ im Februar 2025 auf dem Gelände der Bundeswehr in Feldafing

rechts: Johanna Kappauf, Walter Hess, Christian Löber mit Günter Schodlock beim Besuch der Gedenkstätte in Mühldorf

Im Juli 2025 wiederholten wir die Recherchereise, dieses Mal mit den Schauspielenden. Und Meir und die Schauspielenden lernten sich in einem Zoomcall kennen.

Walter: My name is Walter and I will play Meir. I will play you.

Meir: I will have to let grow some hair till then. Your family name is: Walter Hess? Am I right?

Walter: Walter Hess.

Meir: Hess from Luzern.

Walter: Hallo.

Meir: Walter Hello.

Walter: I will play Meir Teichner. And I think the best is when you take over your own part, have you time?

Meir: Again, I didn’t, could you please repeat what you said?

Walter: Have you time to play yourself, here by us.

Meir: Yes okay.

Walter: I speak your sentences, here, but it is the best solution, if you play the part.

(Meir laughs)

Meir: Okay.

Walter: So do you have time?

Meir: I’m a very bad player. But, let me think about it. Who knows?

Who knows? But Walter, it looks to me that you have a character, I see and I think that you are a character player.

Walter: Yeah, thank you.

Meir: If I come, I would be more like Tom Cruise or Brad Pitt. I don’t want to steal the show.

Meir wird zu den Endproben anreisen, um Feedback zu geben und bei der Premiere am 30.10.2025 anwesend zu sein.