Digital Program Booklet "Wachse oder weiche"
Maximilian Schafroth, bekannt für seinen scharfen und liebevollen Blick, versteht sich als Vermittler ländlicher und städtischer Gegensätze. Für seine erste Theaterarbeit überhaupt kippt er einen Acker ins Schauspielhaus, lädt zur Fusion zweier Raiffeisenbanken und züchtet einen Riesenkürbis, der die Gemüter erhitzt.
Im ländlichen Raum gilt wie in der Landeshauptstadt: Wer nicht mit der Zeit geht, der verschwindet. Entweder melken und abschöpfen – oder weichen. Unter diesem Druck leiden alle, manche springen auf den Zug auf, andere wiederum verschanzen sich und entwickeln ihre eigenen (Wachstums-)Obsessionen. Maximilian Schafroth erfindet dafür das Fleckchen Stefansdingen, irgendwo im Allgäu, auf dem sich einige Charaktere miteinander arrangieren müssen, deren Haltung zu Natur, Landwirtschaft und Wachstum sehr unterschiedlich ist: Andi, konventioneller Landwirt, zuständig für den Hof mit nur einem Gehilfen und dadurch zwangsläufig Workaholic, teilt sich eine Ackergrenze mit Reto, Demeter-Bauer in Einklang mit der Welt und der Natur.
„Es gibt keine Schädlinge, es gibt nur unterschiedlich gelagerte Interessen.“
Besucht werden sie regelmäßig vom BayWa-Vertreter Michi, der an Wachstumsgrenzen nicht glaubt. (Die BayWa wurde ursprünglich zur Unterstützung der heimischen Landwirtschaft gegründet, expandierte jedoch zum internationalen Mischkonzern mit Wind- und Solarenergie, stand 2024 kurz vor der Pleite und musste durch Finanzspritzen von Eigentümern und Banken gerettet werden.) Über all dem waltet Frau Pöschinger, gelangweilte Gutsbesitzerin, die an Andi verpachtet und an Reto verkauft hat. Als schließlich ihr Neffe Alfons aus der Stadt zum Detoxing auf dem Land kommt, prallen Lebenswelten aufeinander. Doch während sie sich über den Umgang mit der Erde, mit Zeit und den eigenen Emotionen streiten, sind sie alle getrieben von Ähnlichem: Wachstumsdruck, Einsamkeit und Abwehr eigener Schwäche. Vier Männer treffen in Stefansdingen aufeinander, und ob die vier gelernt haben, über ihre Gefühle zu sprechen, bleibt abzuwarten…
Obgleich Maximilian Schafroth mit gewohnt bissigem Humor die Figuren zeichnet, die sich durchaus auch als überzeichnete Typen (ländlicher) Charaktere und Ideenträger lesen lassen, liegt der Inszenierung ein ernster Unterton zugrunde. „Wachse oder weiche“ – was heißt das eigentlich? Wachsen oder weichen ist auf dem Land eine bekannte Dynamik. Immer wieder ist vom sogenannten „Höfesterben“ die Rede, bezugnehmend auf den zunehmenden Rückgang kleinerer landwirtschaftlicher Betriebe zugunsten von Agrarunternehmen. Gründe hierfür gibt es unterschiedliche: verteuerte Agrarflächen, die Mechanisierung der Landwirtschaft, die auch zu einer größeren finanziellen Belastung führt, Subventionen für die Landwirtschaft, die sich nach der Größe der bewirtschafteten Fläche richten. Außerdem genereller Konkurrenzdruck mit den Preisen großer Unternehmen, und fehlende Hofübernahmen durch die Nachkommen.
All das übt nicht nur Druck auf die Umwelt aus, die in den großen Unternehmen oft monokulturell bewirtschaftet wird unter Einsatz verschiedener Düngemittel, sondern auch auf die Landwirt*innen selbst. Regelmäßig werden Berichte darüber veröffentlicht, dass Landwirt*innen häufig von Burn-Out und Depressionen betroffen sind, ausgelöst unter anderem durch die nie endende Arbeitslast und Verantwortung, auch Unvorhersehbarkeiten des Wetters durch die Klimakrise spielen eine Rolle sowie der Druck, mit den Wachstumstendenzen mitzuhalten. Mit den Wachstumstendenzen mithalten, das ist wiederum bekanntermaßen eine Aufgabe, die heutzutage auf uns alle zutrifft. Ob auf dem Land, oder in der Stadt. Ob Bauer, Wirtschaftsunternehmer, Krankenhauschefin, oder Künstlerin.
„Depression ist die Schattenseite unserer Wirtschaftskultur, sie ist, was passiert, wenn der magische Voluntarismus auf eingeschränkte Möglichkeiten stößt“, schrieb der Kulturwissenschaftler Mark Fisher, der sich eingehend mit dem Zusammenhang von psychischer Gesundheit und ökonomischem System beschäftigte. Fisher zitiert den radikalen Therapeuten David Smail, von dem er den Begriff des magischen Voluntarismus geliehen hat: Dahinter verberge sich die Vorstellung, dass man das eigene Schicksal selbst in der Hand habe, man könne die einem entgegentretende Welt selbstständig verändern und dafür sei man in letzter Instanz auch verantwortlich. Jede*r ist des eigenen Glückes Schmied, und wenn der Erfolg ausbleibt, dann trägt man selbst Schuld.
„Nur die Harten kommen in den Garten.“
Aber zurück nach Stefansdingen: denn hier wird nicht nur nach einer Sprache für die eigene Innenwelt gesucht, sondern auch musiziert. Das Kammerspiele-Ensemble fusioniert an diesem Abend mit dem Team von Maximilian Schafroth und erfindet einen Musiktheaterabend zwischen rauem Allgäuer Blues und traditionellem Dreigesang aus dem altbayerischen Outback. Unterstützt werden sie dabei von Maximilian Schafroths langjährigem Begleiter Markus Schalk sowie in wechselnder Besetzung von den Trios Die Perlseer und Reiwas.
Der Dreigesang der Trios, begleitet durch Harfe, Klarinette, Geige/Akkordeon ist ein neuer musikalischer Ton in Maximilian Schafroths Programm“ so: Der Dreigesang der Trios ist ein neuer musikalischer Ton in Maximilian Schafroths Programm. Maxi selbst, der landauf landab mit seinem Kabarett-Programm tourt, von 2019-2025 den Fastenprediger auf dem Nockherberg gab und dem Pumuckl seine Stimme leiht, kehrt nach vielen Jahren an die Kammerspiele zurück. Dort begann – während er eine Ausbildung bei der Bank absolvierte – seine Bühnenkarriere im Jugendclub. Mit dem Engagement von Karl Valentin und Liesl Karlstadt, mit dem 1924 Adolf Kaufmann die Kammerspiele rettete, begründete sich eine Tradition der Verbindung von Schauspiel und politischem Kabarett. Diese prägen bis heute unter anderem Gerhard Polt und die Well Brüder – an diese Tradition möchten die Münchner Kammerspiele mit Maxi Schafroth nun anknüpfen.
„A Katz müsst ma sei, nur zum Streichla da.“