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MK:

Über Tristan und Isolde

Matthias Laufhütte, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der LMU München und Mediävistik-Berater der Produktion "Tristan (und Isolde)", schreibt über den Text, der Literat*innen seit Jahrhunderten fasziniert.

Gottfried von Straßburgs Tristan (und Isolde) ist weit mehr als eine “Rittergeschichte” aus einer uns fremd gewordenen Zeit, gleichzeitig ist es auch mehr als eine Liebesge­schichte, die geradezu modern anmutet. Gerade an diesem umgreifend vielschichtigen Werk wird durch die entfaltete Themenvielfalt und die erzählerische Rahmung greifbar, wie komplex die höfische Kultur im Mittelalter gewesen sein muss. Sang, Tanz, Freude und Seitenspiel stehen wider Umherschleichen, Identitätsverschleierungen, Mordkomplotten und Lügen, die dazu dienen eine ehebrecherische Affäre am Königshof zu verschleiern.

Vor diesem Hintergrund lässt die Behauptung der Erzählfigur, eine der größten altvorderen Liebesgeschichten zu präsentieren, sicher nicht nur das moderne, sondern schon das mittelalterliche Publikum aufhorchen. Doch damit nicht genug, reklamiert Gottfried für seinen Text, dass er eine heilende Wirkung entfalte, denn die Geschichte biete Zerstreuung von eigenem Herzschmerz sowie die Veredelung der eigenen Liebesdinge in der Spiegelung der leidvollen Liebe und des liebevollen Leids.

Dabei ist die erzählte Geschichte ebenso vielseitig wie pikant: Tristan liebt Isolde, Isolde liebt Tristan, Tristan ist Markes Neffe und Erbe, Isolde ist dessen Ehefrau, und Marke, Marke ist der König von Cornwall und England, der Neffe und Partnerin wohlwollend und großherzig liebt. Umso tragischer ist es, dass die Liebe der beiden von solch einer unüberwindbaren Kraft ist, dass sämtliche Beherrschungsversuche fehlschlagen. Ihre Liebe ist nämlich Resultat eines Liebestranks, der sie ohne Hoffnung auf Besserung in die Affäre und in das Betrügen ihres Königs und Verwandten treibt.
Was also will dieser Liebesentwurf, der entgegen unserer allgemeinpopulären Vorstellung, entgegen dem edelmütigen und aufrichtigen Ritter und der holden Maid, den Ehebruch legitimiert und diejenigen als besondere Versteher der Liebe feiert, die mit den “edlen Herzen” der heimlich Liebenden mitfühlen können? Ist es ein tiefes Verständnis für die Willkür der Liebe oder aber ein Aufbegehren gegen die Starrheit gesellschaftlicher Strukturen, die jedweder Freiheit entgegenstreben?

Oder ist es vielleicht sogar eine Erzählung über Freundschaft; denn da ist auch noch Brangäne, die als treue – wenn auch tollpatschige – Helferin und Vertraute Isoldes mit allen Mitteln versucht, das heimliche Paar zu schützen. Dabei schläft sie sogar in Isoldes Hochzeitsnacht mit Marke, um der Freundin ihr “weißes Hemd” zu leihen, da ihres bei der Überfahrt nach Cornwall nicht “sauber” geblieben ist. Doch gerade dieser Treuebeweis lässt sie zur potenziellen Bedrohung werden; wird sie das Geheimnis Isoldes und Tristans hüten?

Für das Werk Gottfrieds bleiben die Fragen nach der Konstruierbarkeit von Wahrheit und Täuschung zentral und mehr als diskursiv anschlussfähig an die Gegenwart: Wie lässt sich Sprache funktionalisieren, um eine Lüge als Wahrheit zu maskieren, wie wird die Wahrheit zur Lüge? Und wie lässt sich die mittelhochdeutsche Sprachartistik, in der all dies erzählt wird, in die Moderne übersetzen? Wie geht man mit der Poetologie einer Liebe um, die – entgegen jeder Romantisierung – aus der Flasche gezaubert werden kann, und was können wir aus dem hoffnungslosen Kampf Tristans und Isoldes gegen die gesellschaftlichen Normen lernen, was über freundschaftlichen Beistand und was über innerfamiliären Verrat?

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