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MK:

"Berlin war ihre Brücke"

Background discussion with Nicole Henneberg

Viola Hasselberg: Frau Henneberg, Sie sind Herausgeberin der Neuausgabe des Werks von Gabriele Tergit, einer Schriftstellerin, die gerade als wichtige Stimme des letzten Jahrhunderts wiederentdeckt wird.

Nicole Henneberg: Ja, ich schreibe gerade das Nachwort zu ihrem demnächst erscheinenden, bisher unveröffentlichten Roman „So War’s Eben“, einer Geschichte über die Emigration – ein Thema, das in „Effingers“ eher bruchstückhaft erwähnt wird. Die „Effingers“ sind jetzt tatsächlich sehr erfolgreich, wir sind in der zehnten Auflage mit diesem Buch. Heute kann man die Stimme Tergits als die einer genauen Chronistin würdigen, die den Verfall der Demokratie analysierte. Wenn man aktuell nach Washington schaut, muss man zugeben, dass die Verhältnisse heute zwar ganz anders sind, aber die Demokratie immer noch höchst gefährdet sein kann.

VH: 1933 verließ Gabriele Tergit fluchtartig Deutschland. „Wann ist der richtige Zeitpunkt zu gehen?“ Diese Frage stellen sich auch heute wieder viele Menschen, nicht nur Menschen jüdischen Glaubens. War Gabriele Tergit überrascht von der Dynamik der Machtergreifung 1933? Zögerte sie ihre Flucht aus Deutschland hinaus?

NH: Tergit wusste, mit wem sie es zu tun hat, sie war nicht naiv. Sie hatte in ihren Gerichtsprozessen die Nazischlägertrupps kennengelernt. Dennoch glaubte sie nicht, dass eine ganze Gesellschaft sich so leicht untergraben ließe. Der Abend ihrer Flucht war der Tag vor Hitlers Machtergreifung. Sie saß kurz zuvor noch mit Carl von Ossietzky zusammen, und eigentlich waren beide entschlossen, in Berlin zu bleiben, der „Historie zuzusehen“. Aber mit der Attacke auf ihre Wohnung durch die SA wurde ihr klar, dass sie sofort aus Deutschland fliehen musste. Wie Thomas Mann dachte auch Tergit, dass man in jenen Jahren in Deutschland keine „Kultur“ produzieren konnte und durfte – sie wäre Schmuck und Beschönigung für ein barbarisches Regime gewesen.

VH: Tergit arbeitete parallel zu epochalen Ereignissen an ihrem Roman, der in weiten Strecken ein Rückblick auf die vergangene Epoche bürgerlichen Glanzes ist. Von 1932 bis 1950, also parallel zum Ausbruch des Faschismus, des 2. Weltkriegs und später dem Zusammenbruch des Hitlerreiches schrieb sie den Roman in unzähligen Hotelzimmern. Wie hat man sich das konkret vorzustellen? Wissen wir genauer, welche Teile des Romans parallel zu welcher historischen Phase entstanden sind? 

NH: Tergit floh mit ihrer Familie in einen Wintersportort im Riesengebirge in Tschechien. Dort blieb sie ein halbes Jahr, arbeitete sehr viel am Roman und schrieb Feuilletons für Prager Zeitungen. Aber es war eine höchst unruhige, auch finanziell bedrohte Existenz. Sie floh dann im November 1933 weiter nach Palästina, wo ihr Mann, der Architekt war, inzwischen lebte. Dort unterbrach sie die Arbeit an dem Roman, um über die dortigen Verhältnisse zu schreiben. Sie hatte damals ungefähr die Hälfte des Romans geschrieben. Erst nachdem sie 1938 nach London umgesiedelt war, nahm sie die Arbeit an „Effingers“ wieder auf. Der Epilog des Romans ist autobiografisch, sie beschreibt, wie sie 1948 durch die Ruinen Berlins geht. Diese Szene findet sich fast wörtlich in ihren Erinnerungen „Etwas Seltenes überhaupt“.

VH: Gabriele Tergit war in Deutschland in der Weimarer Republik eine sehr bekannte Gerichtsreporterin und Journalistin sowie eine erfolgreiche Autorin. Warum kehrte sie noch vor Kriegsausbruch nach Europa zurück, auf den Kontinent, von dem sie geflohen war?

NH: In Palästina war es sehr schwierig für Gabriele Tergit. Sie konnte dort in der Hitze nicht arbeiten, die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal, ihr Mann und ihr Sohn erkrankten schwer. Dorthin waren alle möglichen Menschen – vor allem aus Osteuropa – geflüchtet, die sich in die landwirtschaftlichen Arbeiten stürzten, die darin aufgingen. Aber Gabriele Tergit vermisste die Großstadt, die Kultur, ihre Sprache. Die deutschen, assimilierten Jüd*innen wurden verachtet und deutsch zu sprechen war verpönt. Und sie hielt nichts von den Zionist*innen. Es gab für sie dort keine Existenzmöglichkeit. Sie wollte an ihre Kultur anknüpfen, ein intellektuelles und städtisches Umfeld behalten, das gab es in Palästina damals nicht, auch in Städten wie Tel Aviv nicht.

VH: Wie kam Tergit nach Kriegsende überhaupt zum ersten Mal nach Deutschland? Sie war ja auf Verlagssuche für die „Effingers“, setzte sich zwischen alle Stühle, niemand wollte das Buch publizieren. 

NH: Tergit kam 1948, sobald es ihr möglich war, mit ihrem druckfrischen englischen Pass wieder nach Berlin, in ihre Stadt. Sie hatte Sehnsucht, wollte Freund*innen sehen. Können Sie sich vorstellen, wie sämtliche ihrer alten Kolleg*innen ihr begegneten? Das war hoch belastet, keiner wollte in den Spiegel sehen, den Tergit ihnen qua ihrer Existenz als jüdische Emigrantin vorhielt. Sie war entsetzt, dass überall auf wichtigen Positionen die alten Nazis saßen oder im besten Fall Mitläufer*innen. Ähnlich wie Thomas Mann dachte auch Tergit, dass man in jenen Nazi-Jahren in Deutschland, unter er Kontrolle eines barbarischen Regimes, nicht wirklich Kultur hatte produzieren können. Für ihren Roman fand sich zunächst absolut kein Verlag, das ließ sie verzweifeln. Ein Jahr später kehrte sie erneut nach Deutschland zurück, um ihre letzte Gerichtsreportage über den Prozess gegen Veit Harlan, den Regisseur des NS-Propagandafilms „Jud Süß“, zu schreiben. Harlan wurde freigesprochen.

VH: In „Effingers“ portraitiert Gabriele Tergit eine jüdische Familie in Berlin über vier Generationen zwischen 1878 und 1948. Sie erzählt den Aufstieg der Familie mit technischen Visionen als Hersteller von ersten Automobilen. Sie beschreibt die Konflikte zwischen den Generationen, denn die Kinder der Gründerzeitgeneration erleben plötzlich die riesigen soziale Probleme und engagieren sich für eine andere Gesellschaftsordnung. Sie beschreibt, wie die politischen Verhältnisse quasi die privaten Geschichten überwölben. Die Frauenfiguren erkämpfen sich neue Freiheiten: Berufstätigkeit, politische Mitbestimmung, andere Familien- und Partnerschaftsbilder. Aber alle bezahlen dafür einen hohen Preis. Wie autobiografisch ist der Roman von Gabriele Tergit, wo stand sie selbst als eine der ersten emanzipierten Frauen, die eine Berufsausbildung absolviert hatten? 

NH: Tergit hat die emanzipierten Frauen genau beobachtet, aber es fiel ihr schwer, sich mit ihnen zu identifizieren, denn sie waren eben oft auch sehr dogmatisch. Sie ist selbst in die von Alice Salomon gegründete Frauenschule gegangen, wurde von den Frauenrechtlerinnen dort unterrichtet. Alice Salomon hat sie mit ihrer Figur der Frau Dr. Koch portraitiert, die später Marianne Effinger als Jüdin aus dem Ministerium hinauswirft. Tergit hat grundsätzlich gesehen, dass die Frauen die Zeche bezahlen, und genau das erzählt sie in „Effingers“.  Lotte Effinger ist ja zum Beispiel eine sehr durchsetzungsstarke Figur, die im Roman schließlich erfolgreiche Schauspielerin wird. Tergit selbst hat das Theater geliebt, sie war auch oft in Filmstudios und war mit vielen Schauspieler*innen befreundet. Frauen brauchen einen langen Atem und auch mehr Entschlossenheit, das war Tergit schon klar!

VH: Hatte Tergit vielleicht selbst künstlerische Ambitionen, die sie nicht ausleben konnte, da sie sich so mit der Figur der Lotte identifizierte?

NH: Also, sie hat davon geträumt, dass „Effingers“ verfilmt wird. Die „Effingers“ in Hollywood, das war so ein Traum von ihr. Sie war eine eifrige Theatergängerin, hat das Theater als Medium sehr gemocht. Das Theatergeschehen war für sie immer ein Zeitgeschehen. Die Bühne als realer, auch politischer Raum, das war ihr sehr wichtig.

VH: Zwei ihrer Figuren, die mit fortschrittlichen Ideen beginnen, enden im Faschismus. Der hochbegabte Ökonomiestudent und spätere Sozialist Martin Schröder, der eine platonische Freundschaft mit Marianne Effinger pflegt, wird später ein Edelnazi. Die Frauenrechtlerin Frau Dr. Koch, die erst eine Reformschule für Mädchen betreibt, wird zur Nazi-Unterstützerin. Gibt es für beide Figuren einen konkreten Hintergrund?

NH: Sie hatte solche bitteren Verwandlungen erlebt, gerade zum Beispiel, dass die Frauenrechtlerinnen plötzlich kriegsbegeistert waren. Das hat sie sehr verstört. Dass Sozialist*innen sich wandeln und zu Nationalsozialist*innen werden, auch das war eine Zeitströmung. Ich wüsste keine Einzelfigur, die für Schröder Vorbild war, aber es gab diese Zeitströmung, und die hat sie sehr genau protokolliert. Sie hat viele historische Recherchen gemacht für den Roman, das sieht man in ihrem Nachlass in Marbach, und ein solcher Werdegang wie der von Schröder ist typisch für einen bestimmten Intellektuellen-Typus dieser Zeit. Die Figur ist ihr auch in ihrer Ambivalenz schwergefallen. Schröder wird ja im Roman zu einem Edelnazi, der sich emblematisch in den Hochglanzmagazinen abbilden lässt, der das „höhere Nazileben“ verkörpert. 

VH: In unserer Fassung ist eine Wiederbegegnung im Café von Marianne Effinger mit ihrem Jugendfreund Schröder, der jetzt Nazi ist, eine Schlüsselszene.

NH: Genau! Marianne trifft ihn und ist empört, dass Schröder ihr weismachen will, dass ihre Familie, wären sie keine Jüd*innen, auch Nationalsozialist*innen wären, oder „nationalkonservativ“, wie Schröder das ausdrückt.

VH: Viele Jahre verbrachte Tergit im Exil, fand aber nicht mehr zu einer eigenen Sprache zurück. Wie verbringt man so viele Jahrzehnte im „doppelten“ Exil? Und was geschah, als Tergit 1977, fünf Jahre vor ihrem Tod, eine Einladung zu den Berliner Festspielen erhielt? 


NH: Zum ersten Teil Ihrer Frage: Ich würde nicht sagen, dass Tergit ausgesperrt aus ihrem Schaffen war, sie hat die ganze Zeit weitergeschrieben. Als es mit den „Effingers“ so schwierig war, hat sie erstmal der Mut verlassen und sie ist auf „gangbare Ware“ umgestiegen, nämlich auf Sachbücher. Sie hat zwei Sachbücher geschrieben, eins über Blumen und eine Kulturgeschichte des Bettes. Die Blumen und ihr Garten wurden in London ihre große Leidenschaft. Ein Garten mit Blumen und Nutzpflanzen, denn für die Versorgung wurde er dringend gebraucht in den ersten Exiljahren. Tergits Sachbücher waren sehr erfolgreich, hatten große Auflagen. Ab 1958 war sie PEN-Sekretärin, das war ein Ehrenamt, das Gabriele Tergit sehr politisch verstanden hat. Sie hat viel Streit gehabt, sie konnte sehr scharf und sarkastisch sein, vor allem gegen die ganzen Altnazis in den Verbänden, darauf hat sie sich richtig eingeschossen. Ende der fünfziger Jahre hat sie ihren dritten Roman angefangen, „So War’s Eben“, ein riesiges Werk, daran hat sie viele Jahre gearbeitet.

VH: Sie hat sich also immer einen Weg für ihr künstlerisches Überleben gesichert und niemals aufgegeben! Können Sie noch zu 1977 in Berlin etwas sagen?

NH: Diese Einladung hat sie sehr gefreut, sie hat diese Renaissance sehr genossen! Sie kam nach Deutschland, es fing an mit dem Feature über ihren ersten Roman „Käsebier“, das ein Journalist in Berlin gemacht hatte. Sie wurde auch protegiert und hatte eine sehr schöne Veranstaltung in der Akademie der Künste, übrigens mit ihrem großen „Feind“, mit Uwe Johnson. Sie stellte fest, es gibt hier eine neue Generation, „das sind junge Leute, die lesen mich ganz anders, die verstehen mich ganz anders“. Diese jungen Leute, die alles von ihr wissen wollten, waren unbelastet, unvoreingenommen. Mit den „Nachgeborenen“ ist sie sehr viel entspannter ins Gespräch gekommen als mit ihren Altersgenoss*innen.

VH: Was sind die Gründe für die jetzige späte Wiederentdeckung, warum schlägt der Roman „Effingers“ jetzt so ein?


NH: Ich glaube, es ist ein guter Zeitpunkt, weil das Publikum gerade sehr neugierig ist auf diese Weimarer Republik – ich denke zu Recht. Das war eine Umbruchszeit. Auch damals haben sich Dinge grundlegend verändert, so wie heute. Die Demokratie war damals sehr gefährdet, das ist sie heute nicht im selben Maße, aber wie gesagt, wenn man an Trump denkt, sieht man, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist, das ist kein „Bollwerk“! Eine offene, pluralistische Gesellschaft ist angreifbar und muss verteidigt werden. Man sieht Tergit heute als Chronistin, als Zeitzeugin. Noch eine Sache macht sie interessant: Sie schreibt einen sehr modernen Stil, schreibt schnelle, pointierte Dialoge, hat diese Montagetechnik, das kommt unserer Zeit sehr entgegen. Ihre Dialoge sind lebensnah, klug und witzig, das war eine ihrer Stärken. Ich finde es absolut folgerichtig, dass die „Effingers“ jetzt auf die Bühne kommen, ich bin mir sicher, das hätte Tergit enorm gefreut! 

VH: Zum Abschluss eine Frage, die uns auch in der Inszenierungsarbeit beschäftigt hat: Am Schluss des Romans entsteht ein Strudel, der mit brutalem Tempo alle Figuren und ihre Lebensspuren, ihre Häuser, ihre Firmen, ihre ganze Lebenskultur in den faschistischen Abgrund reißt.  Auch in der Inszenierung und unserer Fassung gab es den Punkt, wo das Geschehen auf fatale Weise vorhersehbar wird. Wir wollten nichts verschweigen, aber trotzdem mit einer anderen Dynamik als der der Vernichtung diese Erzählung beenden. Wie hat Gabriele Tergit das in ihrem Roman gelöst? 

NH: Das Ende von „Effingers“ hat zwei Ebenen. Durch den ganzen Roman zieht sich die Sentenz: „Was für ein schöner Frühlingstag“, dieser Naturblick. Die Welt dreht sich ungerührt weiter, egal, was da in Deutschland passiert, die Baumwolle in Amerika wächst weiter, die Schiffe mit Eisenerz fahren weiter um die Welt. Auch der Epilog beginnt so. Zum zweiten hat sie eine autobiografische Brücke gebaut. Sie kommt aus dem Exil, aber Berlin bleibt ihre Stadt, Berlin war für sie exterritorial: „Berlin hat den Preis bezahlt, es war am wenigsten schuldig, und es kämpft die Schlacht für die Freiheit jeden Tag weiter“. Diese Stadt mit den Freund*innen, mit der Kunst, den Filmen, die genauso begabt weiter gemacht werden, das war ihre Kontinuität. Berlin war ihre Brücke.